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Mehr als 50 Fälle: Hepatitis A bei Schwulen in Berlin ausgebrochen

Hepatitis A

Gegen Hepatitis A kann man sich impfen lassen.

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dpa

Berlin -

Meistens fangen sich Urlauber die Viren beim Muschelessen am Mittelmeer ein oder durch verunreinigtes Wasser in Asien. In Berlin sorgt seit November 2016 etwas anderes für einen Ausbruch der Leberentzündung Hepatitis A: Sex unter Männern. Das Ausmaß in dieser Gruppe ist bundesweit einzigartig: Von insgesamt 85 Fällen gehen bisher mindestens 54 nachweislich darauf zurück, wie Daniel Sagebiel vom Landesamt für Gesundheit und Soziales sagte. Wegen Impflücken und bevorstehender Szene-Großereignisse auch an Ostern rechnen Experten noch nicht mit einem schnellen Ende der Welle. Die trifft auch weitere EU-Länder.

Viele HIV-Infizierte unter Erkrankten

Hepatitis A ist vor allem in Entwicklungsländern verbreitet. Anders als bei anderen Hepatitis-Formen sind zwar keine Langzeitfolgen zu befürchten. Mit Übelkeit, Erbrechen, Oberbauchschmerzen sowie einer Gelbfärbung von Haut und Augen sorge Hepatitis A dennoch für ein starkes Krankheitsgefühl, sagte die Expertin für Aids und HIV am Berliner Robert Koch-Institut, Viviane Bremer. „Da ist man über Wochen wirklich abgeschlagen, nicht arbeitsfähig.“

Bremer beschreibt die Anzahl von Fällen in Berlin als „sehr außergewöhnlich“. Ebenfalls auffällig: Etwa ein Drittel der Betroffenen seien HIV-Infizierte. Normalerweise würden eher einige kleine Ausbrüche in Deutschland beobachtet, oft Einzelfälle, sagt Bremer. Einen bis dato größeren Ausbruch unter Schwulen gab es 2008/2009 in Barcelona - mit rund 150 Fällen. 2003 war München betroffen, zudem gab es Häufungen in Großbritannien und Skandinavien. „Diese Ausbrüche hatten aber nicht so eine Tragweite“, sagte Bremer. In Berlin waren vor 20 Jahren einmal rund 40 Homosexuelle betroffen.

Kein Schutz durch Kondome

Anders als beim HI-Virus bieten Kondome keinen Schutz vor einer Ansteckung - Schmierinfektionen auf fäkal-oralem Weg sind auch damit noch möglich. Männern, die Sex mit wechselnden Männern haben, wird eine Immunisierung empfohlen. „Es gibt eine sehr wirksame Impfung gegen Hepatitis A, die für Risikogruppen auch kostenfrei ist. Da sollte es keine finanziellen Hürden geben“, betont Sagebiel. Aus Sicht der Gesundheitsbehörden wird das Impfen teils schlicht vergessen - es outet sich aber auch nicht jeder Mann beim Arzt.

Ansteckungsgefahr vor Auftritt der Symptome besonders hoch

Für eine nähere Untersuchung des Ausbruchs hat sich eine Arbeitsgruppe mit Experten von RKI, Gesundheitsämtern und Lageso gebildet. Unter anderem werden Erkrankte zu möglichen Ansteckungsquellen und ihrem Sexualverhalten befragt. Die Spur führt bislang in den allermeisten Fällen in Clubs und Darkrooms, wo sich Männern die Gelegenheit zum spontanen Sex bietet, wie Bremer sagt.

Die Überträger wissen oft noch gar nichts von ihrer Erkrankung - besonders ansteckend ist man bei Hepatitis A, bevor die Symptome auftreten. Die Krankheit bricht teils erst nach einem Monat aus.

Impfung möglich

„Am wichtigsten ist, die besonders betroffenen Zielgruppen darüber zu informieren, dass sie sich impfen lassen sollten“, erklärte Berlins Staatssekretär für Gesundheit, Boris Velter (SPD). Im März seien auf Deutsch und Englisch Anzeigen in Dating-Apps und auf mobilen Webseiten geschaltet worden, um über den Ausbruch und Möglichkeiten zur Vorsorge informieren. Hinzu kam demnach eine Postkartenaktion.

Tragen erste Warnungen schon Früchte? „Im Moment sehen wir nicht, dass es weniger wird“, sagt Bremer. „Das ist es, was uns etwas beunruhigt.“ Sie verweist auf eine Oster-Fetischwoche bis Mitte April und die Pride Weeks im Juli mit dem Christopher Street Day am 22. Juli. Diese Events - oft verbunden mit Sexpartys - locken auch viele Gäste aus dem Ausland nach Berlin. „Das sind Gelegenheiten für neue sexuelle Kontakte“, sagt Bremer. Aus Sicht der Experten droht so eher die Gefahr, dass sich das Virus international weiter ausbreitet.

Auch der Berliner Ausbruch ist mit dem Ausland verbunden: Von den drei kursierenden Stämmen trat einer etwa in Großbritannien auf, mit Verbindung zu Aufenthalten in Spanien. Ein weiterer ist in den Niederlanden im vergangenen Jahr im Zusammenhang mit der Europride-Parade gefunden worden, wie Sagebiel erläuterte. Nach Daten der europäischen Gesundheitsbehörde ECDC wurden diese Stämme von Februar 2016 bis Februar 2017 knapp 300 Mal in 13 europäischen Ländern nachgewiesen, ebenfalls überwiegend nach Sex unter nicht geimpften Männern. (Gisela Gross, dpa)