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Mein Bild der Woche: Das Böse ist immer und überall

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Dies ist die Geschichte einer Frau mit rauchendem Colt und darüber, wie sie ihr Zuhause abfackelte. Aber gemach, gemach! Gemeint ist das nur ironisch.
Dies ist die Geschichte einer Frau mit rauchendem Colt und darüber, wie sie ihr Zuhause abfackelte. Aber gemach, gemach! Gemeint ist das nur ironisch.
Foto: Galerie Wagner & Partner/Natascha Stellmach

Unsere Kunstkritikerin, Ingeborg Ruthe, steht in der Galerie Wagner&Partner erst konsterniert, dann amüsiert vor wie mit Tattoos und Pop-Texten durchzogenen privaten Fotos. Und es gibt dort das Angebot, sich Worte auf die Haut tätowieren zu lassen.

Jetzt sage ich es Ihnen, liebe Leser meiner Jeden-Dienstag-Kunst-Kolumne, lieber gleich vorweg: Ich war für diese Bildbetrachtung keine Minute lang Testperson. Ich habe mich nicht provozieren lassen, auch wenn genau das zum Konzept der einen wirklich bezwingenden australisch-deutschen, in Berlin lebenden Künstlerin Natascha Stellmach dazugehört. Spätestens seit 2008 und ihrer spektakulären Arbeit „Who will smoke the ashes of Kurt Cobain?“ steht sie in der Kunstszene weit oben auf der Liste der Gefragten. Und Besucher der Documenta 13 in Kassel letztes Jahr haben sie womöglich bei ihrer Tätowier-Aktion beobachtet, wo das Publikum zugucken durfte.

Nun, ich habe mich auch hier in Berlin, in der Galerie Wagner & Partner, weder auf ihre Behandlungsliege hinterm großem Galerieschaufenster gelegt, um mir von der Künstlerin, deretwegen ich und viele andere an den Strausberger Platz pilgerten, irgendein kryptisches, aber wirkmächtiges Wort eintätowieren lassen. Kein „Panic“, kein „Happy“, „Pink“, nicht einmal „Love“ oder „Peace“, was sogar passen würde, da ich zur Flower-Power-Zeit ein davon angeturnter Teenager war und die Woodstock-Musik vergötterte.

Also habe ich Natascha Stellmachs seltsame, allesamt in Knallrot gerahmte Bildmontagen, in denen sie Szenen aus alten Super-8-Filmen vergrößerte, überzeichnete und wild hinein getextet hat, sehr lange und genau angeschaut und es anderen überlassen, sich Freitags die Nasen am Fensterglas vor der an die Ausstellung angeschlossene Tätowierungs-Koje platt zu drücken.

Burn-out und Kunst

Das Marterwerkzeug – tintenfreies Tattoopistölchen samt Zubehör – liegt im schwarzen Lederfutteral im Fenster aus. Das schafft Transparenz. Jeder kann sich überzeugen, dass nichts Schlimmes passiert, wenn sich einige Delinquenten nach dem Betrachten der Bilder freiwillig, aber durchaus ein wenig angstvoll auf die Pritsche legen.

Aber: Alle halten fein still, keiner windet sich in Schmerzen. Und am Schluss kommen alle mit einem Lächeln auf den Lippen aus der Galerie. Es war ganz leicht, kein Vergleich mit einem Zahnarztbesuch. Es ist halt immer wieder eine schöne Erfahrung, die eigenen Ängste überwunden zu haben. Und sei es für das Wort „Lucky“ auf dem Oberarm oder in der Kniebeuge.

 Ingeborg Ruthe steht erst konsterniert, dann amüsiert vor den Bildern der Deutsch-Australierin Natascha Stellmach –  wie mit Tattoos und Pop-Texten durchzogenen privaten Fotos. Und da ist das Angebot, sich jeweils freitags Worte – also Kunst – auf die Haut tätowieren zu lassen.
Ingeborg Ruthe steht erst konsterniert, dann amüsiert vor den Bildern der Deutsch-Australierin Natascha Stellmach – wie mit Tattoos und Pop-Texten durchzogenen privaten Fotos. Und da ist das Angebot, sich jeweils freitags Worte – also Kunst – auf die Haut tätowieren zu lassen.

Harmlos sind auch die überlebensgroß in Pink auf die Galeriewände und -Vorhänge gesetzten Energiebündel von halbnackten Frauen in High Heels, mit Tattoo-Pistolen im Strumpfband und einarmig hochgestemmten Riesenrecordern. Und auch die junge Frau auf dem hier abgebildeten Parkmotiv, in sommerlich kurzen Hosen, in der Linken ein Tuch, in der Rechten ein spitzer Gegenstand, trägt knallrote Schuhe, tritt damit aber nicht auf die Textstruktur auf dem Weg, so, als sollten all die Worte – sie entstammen fast alle Stellmachs Tagebüchern aus für sie schwerer, belastender Zeit – noch auf irgendwelche Körperteile wandern.

Das Böse ist immer und überall

Stellmachs Witz und Ironie, das muss man beim Betrachten ihrer Bilder und bei ihren Tätowier-Aktionen immer mitdenken, basieren auf einem sehr ernsten, traurigen Erlebnis: Die Künstlerin erlitt selbst ein Burn-out, war lange gefangen von diesem unsäglichen Syndrom unserer modernen Zeit. Sie war die Frau mit dem rauchenden Colt, die ihr Zuhause abfackelte. Sie sagt heute, dass sie diese zerstörerische psychische Erfahrung und die Überwindung des lähmenden Zustands nur durch eines schaffen konnte: durch Erneuerung. Durch die Überwindung eigener Ängste, durch ein ehrliches Selbst-Bild, durch Tabubruch.

Und so vermischt Stellmach seit Jahren in ihren Arbeiten aus vergrößerten Film-Stills, Privatfotos, Zeichnungen und ganzen Teppichen von Worten aus Umgangssprache und Popkultur, die Wirklichkeit und die provokante Fiktion. Grenzen zwischen Persönlichem, historischen Fakten und Imaginiertem lässt sie verschwimmen. Das Böse ist halt immer und überall.

Hypnosetherapeuten, Buddhisten, Schamanen, Yogis, Nonnen, Psychoanalytiker, Schamanen, aber auch sachliche Mediziner und Künstlerkollegen inspirierten nach Stellmachs eigener Auskunft ihre experimentellen Selbsterfahrungen. Sie hat sich letztlich auch durch Kunst geheilt. Verblüffend, diese Intimität und Direktheit, mit der sie uns das wissen lässt.

Galerie Wagner & Partner, Strausberger Platz 8. Bis 20. Juli. Di–Sa 13–18 Uhr. Tel. auch für Tattoo-Anmeldungen: 21 96 01 37
Internet: wagner-partner.com

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