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Mein Bild der Woche: Zweite Heimat Alexanderplatz

Der Rest der bürgerlichen Identität.

Der Rest der bürgerlichen Identität.

Foto:

Goran Gnaudschuh.

Nein, diese beiden sind nicht die Ur-Ur-Enkelinnen des unglückseligen Franz Biberkopf aus Döblins „Berlin-Alexanderplatz“ von 1929. Nicht die blutjunge, mollige, kettenbewehrte, mund- und nasen-gepiercte Mel mit den lila-blaugrau gefärbten Zottelhaaren und der mullumwickelten Hand. Auch nicht Nicky, die aussieht – und auch mindestens so hart blickt – wie ein Kriegerin: mit Tattoos, reichlich Leder-Metall-Accessoires und halbgeschorenem Schopf.

Es sind die Kinder vom Alex heutzutage, bald 25 Jahre nach dem Mauerfall, die der Potsdamer Fotograf Göran Gnaudschun porträtierte. Er hat sich Mel, Nicky und all den anderen in drei Jahren Fotoarbeit sachte genähert. So lange, bis sie ihm vertrauten, weil sie spürten, dass er sich tatsächlich für sie interessiert – für ihre Lebensweise, deren Ursache, deren radikale Maximen. Sie haben seine Kamerablicke zugelassen, als sie spürten, dass er sie, die Ausreißer, die Gestrandeten, Wohnungslosen, die Punks, eben nicht verachtet, weil sie das aus ihrer Sicht Gutbürgerliche, das Geregelte und Redliche ablehnen.

Raus aus der Enge

Der Fotograf, er studierte an der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst bei Timm Rautert, ist der Meinung, dass die Vorgänge hinter und außerhalb der Fotografien mindestens ebenso wichtig sind wie das fotografische Ergebnis selbst. Und er sucht das Dahinter, das, was die jungen Leute umtreibt, so zu leben, zwischen Abenteuer, Verwahrlosung und auch Gewalt. Aus den Fotos erfahren wir aber nicht, wieso diese Mädchen „aus der Bahn“ gerieten, warum Ihresgleichen mit den Regeln, Gesetzen – und Rastern – unserer doch demokratischen, freiheitlichen Gesellschaft nicht klarkommen. Warum sie im Gefängnis saßen, trinken, Drogen nehmen, keiner Arbeit nachgehen wollen.

Der Alexanderplatz, dieser legendäre, ruppige, schmutzige, dennoch magnetische Platz schon in Döblins Gesellschaftsroman über die Weimarer Republik, ist für Gnaudschuns Bildpersonal eine Art Heimat. Hier finden die Außenseiter Gesellschaft, vermeintlich Gleichgesinnte, hier fühlen sie sich verstanden und wohl auch so etwas wie geborgen. Ihr Aussehen, ihr Habitus, ihre Art von Verständigung und das demonstrativ-zähe Nichtstun, das Herumsitzen sind Schutzhülle und Identität zugleich.

Nun ist der Fotograf, der für diese Porträtserie „Alexanderplatz“ den Lotto-Brandenburg-Preis bekam, weder Soziologe noch Psychologe, auch kein Sozialarbeiter. Er fotografiert fatale Ränder unserer Gesellschaft. Das Leben auf der Straße ist, so scheint es, selbst gewählt. Die Jugendlichen, oft kommen sie aus der Provinz in die Hauptstadt, wollen der Enge entfliehen, Grenzen ausloten, anonym und unbevormundet sein von Eltern und Lehrern. Für sie ist das Freiheit. Den Preis bezahlen sie mit einem prekären Dasein, über das die meisten Leute nur den Kopf schütteln, die Nase rümpfen und verächtlich schimpfen.

Gnaudschun ist Künstler – und porträtiert sozusagen „Überlebenskünstler“. Das tut er mit Sachlichkeit und freundlicher Distanz. Er wertet nicht, was er vorfindet, weder persönlich noch politisch. Er stellt fest, was ist und er macht das Wandelbare von Gesichtern, Körpern, Mimik, Gestik bildlich „dingfest“, das Dreist-Trotzige ebenso wie das Traurige, Verlorene. Seine Kamera lüftet ein klein wenig die schrill kostümierte Aura der Verweigerung. Und er gibt den Fotografierten, was verloren schien, ihre Würde. Nichts in den Bildern ist anstößig, abstoßend. Und nichts geschönt. Gnaudschun zeigt die jungen Außenseiter inmitten der turbulenten, rastlosen, sich immer wieder neu erfindenden, magnetischen Stadt Berlin. Nichts in den Bildern wirkt mitleidig. Die verlorenen Kinder vom Alex sind jung. Und zur Jugend gehören immer auch Hoffnung und Zukunft.

Zur Ausstellung erscheint Göran Gnaudschuns Buch „Alexanderplatz“ (Fotohof edition Salzburg), 30 Euro.



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