image001
Nachrichten aus Berlin und der ganzen Welt

Militärisches Denkmal in Brandenburg: Solarpark oder Museum?

In diesem rund 100 Jahre alten Gebäude befanden sich Küche und Mensa.

In diesem rund 100 Jahre alten Gebäude befanden sich Küche und Mensa.

Foto:

Historisch-Technisches Museum Kummersdorf

Kummersdorf-Gut -

#image0

Die Straße in der kleinen Ortschaft ist unbefestigt und staubig. Erst am Ende beginnt eine holprige Betonfahrbahn. Sie führt in den Wald, vorbei an den Resten einer alten Mauer mit rostigem Stacheldraht. Wer nicht zufällig von einem Bewohner des Örtchens Kummersdorf-Gut (Teltow-Fläming) aufgehalten wird, fährt mitten hinein in ein Sperrgebiet, das teilweise mit Munition belastet ist. Kein Schild weist darauf hin, kein Zaun sperrt das Gebiet ab.

Das riesige Areal, zu dem auch der frühere sowjetische Flugplatz Sperenberg gehört, ist das größte militärische Denkmal Brandenburgs und wohl eines der wichtigsten überhaupt. Und doch ist es bislang nur teilweise erforscht. Die 3 800 Hektar große Fläche, bis 1994 von den russischen Streitkräften genutzt, diente von 1875 bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs als sogenannte Heeresversuchsstelle. Hier wurde Waffentechnik erprobt, mit der das Militär, von der Kaiserarmee bis zur Wehrmacht, in den Krieg zog.

#image1

Vor allem ist es die Wiege der Raketentechnik. Wernher von Braun begann hier in den 1930er Jahren mit Raketentests, noch bevor die Testanlage in Peenemünde an der Ostsee gebaut wurde. Die Tests führten später zum Einsatz der sogenannten „Vergeltungswaffe“ V 2. Zudem markierten sie den Ausgangspunkt für die Eroberung des Weltraums. Auch erste Schritte zu einem Atomprogramm der Nazis soll es hier gegeben haben.

Seit dem Abzug der Sowjets liegt das Gelände brach. Lange war es für den neuen Hauptstadtflughafen vorgehalten worden. Jetzt wollen es die Anliegergemeinden, der Bund und das Finanzministerium in Potsdam, dem seit März der größte Teil des Areals gehört, umfunktionieren: zu einem Wind- und Solarpark. Mehrere Firmen haben Interesse bekundet. Fast 400 Hektar sollen für Photovoltaik und rund 580 Hektar für Windenergie ausgewiesen werden. Wo früher die Vernichtung von Mensch und Material geprobt wurde, soll umweltfreundliche Energie erzeugt werden. Ein segensreicher Wandel, möchte man meinen. Aber die Idee sorgt für Ärger.

„Das wäre das Ende für das Museum“, sagt Ralf Kaim. Der 49-Jährige ist Vize-Chef des Vereins Historisch-Technisches Museum in Kummersdorf. Er gehört zu den wenigen, die sich all die Jahre um das Gelände gekümmert und Führungen angeboten haben. Lange bevor es von staatlicher Seite Pläne für eine Neunutzung gab. Der Verein, gegründet 1990, will das Versuchsgelände als Flächenmuseum erhalten. „Den Leuten ist nicht klar, was hier für ein Denkmal steht, das ist deutschlandweit einmalig“, sagt Kaim.

#image2

Der Verein kämpft längst nicht mehr allein. 2009 gründete sich die Projektgruppe „Dokumentations- und Forschungszentrum Kummersdorf“, zu der unter anderem das Landesamt für Denkmalpflege, die BTU Cottbus, der BUND und der Museumsverband Brandenburg gehören.

Vor etwa einem Jahr stellte die Gruppe ein detailliertes Konzept für ein „Museum in der Natur“ vor, an dem neben Historikern und Denkmalexperten auch Naturschützer mitwirkten. Ein Großteil der überwiegend bewaldeten Fläche ist Naturschutzgebiet, in dem seltene und geschützte Tierarten wie der Seeadler leben.

Die gemeinsame Hoffnung: Eine umweltfreundliche, touristische Attraktion in der ansonsten wenig beachteten Region mit langfristig mehr als 100 000 Besuchern jährlich. „Es ist nicht irgendein Schießplatz“, sagt Georg Frank vom Landesamt für Denkmalschutz. „Dort hat das deutsche Militär immer mit High-Tech geforscht.

Man kann dort lernen und verstehen, was Militär eigentlich bedeutet.“ Nicht im Sinne einer falsch verstandenen militaristischen Technikfaszination, sondern mit Blick auf die Wirkung von Waffen, sagt Frank. Denn um die ging es in Kummersdorf. „Im Ministerium ist das noch nicht angekommen. Da müssen wir noch missionieren.“

Schwierige Kompromiss-Suche

Die Museumsverfechter haben nichts gegen erneuerbare Energien, zur Finanzierung ihres Projekts planen sie selbst Solaranlagen. Allerdings dort, wo sie aus ihrer Sicht nicht stören: auf den Landebahnen des Flughafens Sperenberg. Die Flächennutzungspläne der Gemeinden weisen Solar und Windkraft allerdings auch weit weg davon aus, auch dort, wo Gebäude erhalten sind.

„Der Denkmalschutz ist da noch nicht einmal eingezeichnet“, so Ralf Kaim. Fragwürdig sei der Nutzen eines Wind- und Solarparks auch fürs Klima. Mindestens 260 Hektar Wald müssten weg, schätzt man in der Kreisverwaltung Teltow-Fläming. „Dann gibt es Kahlschlag für Solar“, sagt Kaim.

Thomas Reetz, Bauamtsleiter der Gemeinde Am Mellensee, versucht zu beruhigen: „Das ist alles noch nicht sicher. Wir sind ganz am Anfang.“ Außerdem würden sich beide Formen der Nutzung – Museum und Solar – nicht ausschließen. In der Gemeinde Nuthe-Urstromtal zweifelt man an den Planungen des Museumsvereins, vor allem an der Finanzierbarkeit. „Das sind Wunschvorstellungen“, sagt Bürgermeisterin Monika Nestler. Insbesondere die Kosten für die Munitionsräumung würden unterschätzt: „Wir brauchen erst eine wirtschaftliche Kraft, dann das Museum.“

Während des Monate dauernden Planverfahrens wird es auch von Behörden Einwände geben. Vielleicht erleichtert das die Kompromisssuche? Ralf Kaim darf indes nicht mehr auf das Gelände. Der neue Eigentümer, das Land Brandenburg, hat den Zugang aus Sicherheitsgründen verboten. Und dabei sei das Interesse groß, sagt Kaim: „Gerade musste ich einer Gruppe aus England absagen, die extra anreisen wollte.“