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Misshandlung: „Reiche Eltern prügeln öfter unerkannt“

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Schatten über dem Glück: Gewalt in Familien ist oft nur sehr schwer zu erkennen.

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picture alliance / dpa

Frau Etzold, Sie haben als bekannte Gerichtsmedizinerin in Ihrem Berufsleben bislang mehr als 1000 Leichen obduziert. Was für ein Toter lag bei Ihnen  zuletzt  auf dem Tisch?

Das war ein Verstorbener mit einem Herzinfarkt. Generell habe ich aber nur noch wenig Leichenkontakt. Ich arbeite nun vor allem in der Gewaltschutzambulanz der Charité. Dabei  geht es um die lebenden Opfer von Gewalt.
 
Ist das auch Gerichtsmedizin?

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Saskia Etzold ist die wohl bekannteste Gerichtsmedizinerin Berlins.

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Berliner Zeitung/Markus Wächter

Ja, das ist die klinische Rechtsmedizin – also die rechtsmedizinische Untersuchung an Lebenden. Ich untersuche in unserer Gewaltschutzambulanz, wie Verletzungen von Kindern oder Erwachsenen entstanden sind, und ob sie mögliche Folge von Gewalt sind.
 
Wer kommt in diese Ambulanz?

Unsere Einrichtung feiert in dieser  Woche zweijähriges Bestehen. Bis Ende 2015 hatten sich 942 Personen an uns gewandt,   456 von ihnen hatten sichtbare Verletzungen. 32 Prozent waren  Kinder, also  unter 18 Jahre alt.  Die anderen sind Erwachsene, 85 Prozent davon Frauen.
 
Geht es immer darum, zu bestätigen, dass Gewalt im Spiel war?

Oder eben nicht. Unsere Untersuchung kann auch entlasten. Es geht bei Kindern um die Fragen: Stammen die Verletzungen von einem Unfall oder  einer Misshandlung oder sind das vielleicht gar keine Verletzungen, sondern die Folgen einer Krankheit.

Es gibt beispielsweise  Hauterkrankungen, die Blasen bilden, und die daher aussehen wie Verbrennungen. Wir hatten aber auch durchaus lustige Fälle: Ein Kind hatte viele rote Flecke am Körper, aber auch grüne Stellen. Die Kinder hatten sich gegenseitig mit farbigen Eddings bemalt, und auf dem Rücken stand „I love Justin Biber“. Die Eltern wurden von uns entlastet. Ich schaue mir lieber ein Mal zu oft  angemalte Kinder an, als dass ein Verdachtsfall übersehen wird.


Wann haben Sie zuletzt ein Kind untersucht?

Heute. An manchen Tagen sind es auch zwei oder drei Kinder, manchmal  auch gar keins.
 
Wie oft wird  ein Kind von seinen Eltern in Deutschland getötet?

Es sind statistisch drei getötete Kinder pro Woche. Das ergeben die Zahlen des Bundeskriminalamts.  Dazu kommen 70 Mädchen und Jungen pro Woche, die nach Misshandlungen ärztliche Hilfe benötigen. Das sind nur die angezeigten Fälle.
 
Das heißt?

Das Dunkelfeld ist groß. Auf jedes getötete Kind kommt  wohl noch eines, bei dem es gar  nicht erkannt wurde.  Und es gibt Studien, nach denen  auf jeden erfassten Fall von Misshandlungen noch  bis zu 50 unerkannte Fälle kommen. Andere Studien sprechen von bis zu 400 nicht gemeldeten Misshandlungen pro bekanntem Fall.
 
Wie viele Fälle sind es in Berlin?

Die genaue Zahl für Berlin kennen nur die Jugendämter.

Was sind klassische Verletzungen?

Die  Bandbreite ist groß: Hautunterblutungen,  Knochenbrüche, Verbrühungen, Verbrennungen, schwere Schädel-Hirn-Traumen.
 
Betrifft das Kinder jeder Altersklasse?

Ja. Das größte Risiko, durch Misshandlungen  zu versterben, haben Kinder bis zum sechsten Lebensjahr.  Besonders hoch ist das Risiko im ersten Lebensjahr. Die meisten dieser Säuglinge sterben durch  Gewalt gegen den Kopf – sie werden  häufig Opfer des Schütteltraumas.
 
In welchen Familien kommt es zu Gewalt gegen  Kinder?

In allen Schichten, in bildungsfernen, aber auch  bildungsnahen.  Studien sprechen – vereinfacht gesagt – davon, dass bildungsferne Eltern ihre Kinder eher prügeln, und bildungsnahe Eltern ihre Kinder eher seelisch misshandeln.

Reiche prügeln nicht?

Doch, auch. Aber vielleicht auch öfter unerkannt. Klassisches Beispiel: Wenn ein Kind  in einem ärmeren Stadtteil mit einem blauen Auge in die Schule kommt, wird oft  anders reagiert, als wenn ein Kind aus einem Villenviertel auch mit einem  blauen Auge in die Privatschule kommt und der Vater, der Anwalt ist, behauptet, das arme Kind habe beim  Tennis einen Ball abbekommen. Dann heißt es: Solche Eltern prügeln doch nicht.

Blaue Flecke, Wunden im Gesicht, Armbrüche  – und das regelmäßig. Warum bleiben so viele Fälle von Gewalt gegen Kinder unentdeckt?

Wenn ein Kind schwer verletzt ist, bringen es die Eltern meist auch in die Klinik. Aber nicht bei blauen Flecken. Die muss jemand in der  Schule oder in der Kita sehen. Und dann muss es auch einen erfahrenen Untersucher geben, der erkennt, dass es eine Misshandlung war. Und der Arzt müsste es dann auch melden.


Ist das nicht Pflicht?

Nein. Wir haben keine generelle Meldepflicht in Deutschland. Wenn ein  Arzt einen Hinweis auf eine Misshandlung  hat, darf er laut Bundeskinderschutzgesetz seine Schweigepflicht brechen und kann das Jugendamt informieren. Er  muss es aber nicht.
 
Ist das in anderen Ländern anders?

In der Schweiz gibt es nicht nur eine Melde-, sondern auch eine Anzeigepflicht. Andere Länder wie Großbritannien, Irland und die USA haben eine  grundsätzliche Meldepflicht an die Jugendämter. Die ist notwendig,  denn dann kann  das Jugendamt entscheiden, wie das Kind zu schützen ist.
 
Warum melden Ärzte so selten Verdachtsfälle?

Es gib unter Ärzten eine gewisse Verunsicherung, was passiert, wenn sie ihre  Schweigepflicht brechen.
 
2014 haben sich nur Mitarbeiter des Jugendamtes Neukölln von Rechtsmedizinern erklären lassen, wie Misshandlungen erkennbar sind.  Gibt es inzwischen mehr Interesse?

Da hat sich einiges geändert,  inzwischen haben sich viele Mitarbeiter der Berliner Jugendämter und freien Träger schulen lassen. Ich habe in den vergangenen zwei Jahren 160 Veranstaltungen berlinweit gegeben, davon 73 Fortbildungen. Allein 59 Mal ging es um das Erkennen von Kindesmisshandlungen.
 
Lügen prügelnde Eltern   immer, oder sagen sie auch: Ich habe mein Kind geschlagen, bitte helfen Sie uns?

Es gibt Einzelfälle, da sagen Eltern:  Ich habe die Contenance verloren. Dann wird mit dem Jugendamt nach Möglichkeiten gesucht, das Kind künftig zu schützen.
 
Aber das ist selten?

Ja, leider. In der Regel schieben Eltern die Folgen der Misshandlungen auf angebliche Unfälle. Wir haben immer wieder Fälle, da behaupten die Eltern, ihr verletztes Kind sei über etwas  gestolpert oder gegen das Gitterbett  gefallen oder habe  auf einem Gegenstand geschlafen. Dann sehen wir die Verletzungen. Und wir erkennen eindeutige Bissmarken eines Erwachsenen, oder wir sehen den Abdruck von Schuhsohlen im Gesicht des Kindes, sehen Spuren von Händen, von Gerten, Rohrstöcken und Gürteln.
 
Vor einem Jahr haben Sie Ihr Buch „Deutschland misshandelt seine Kinder“ aktualisiert und dabei kritisiert, dass es nur einen Arzt in der Gewaltschutzambulanz für Berlin gibt. Hat sich die Lage verbessert?

Oh, ja. Bislang bekamen wir 150 000 Euro im Jahr, das reichte für eine Arztstelle und eine Sekretärin.  Unsere Kapazitäten waren komplett überschritten: 2014 haben sich 307 Personen bei uns gemeldet, im Jahr darauf waren es 635. Nun hat das Abgeordnetenhaus die Fördersummer verfünffacht. 2016 und 2017 bekommen wir jeweils  750 000 Euro.
 
Es wird also künftig mehr Ärzte in der Ambulanz geben?

Wir hatten  gerade Bewerbungsgespräche: Unser Team wird im Mai stehen. Dann sind wir sechs Ärzte  und zwei Sekretärinnen.

Führen Sie die Verbesserungen auch auf Ihr Buch und die nachfolgenden bundesweiten Diskussionen zurück?

Ich denke schon, dass es da einen Zusammenhang gibt. Denn das Problem bei Kindesmisshandlungen ist, dass sich  niemand damit gerne beschäftigt. Das Gewaltmonopol liegt beim Staat, und wenn jemand zum Opfer wird, dann  war der Staat nicht in der Lage, sein Gewaltmonopol zu schützen. Kinder und Alte können sich nicht schützen, deshalb ist ihr Schutz die ureigenste Aufgabe der Gesellschaft. Damit müssen wir uns als Gesellschaft auseinandersetzen! Dass die Politik nun reagiert, ist vielleicht auch Teil der von uns angestoßenen Diskussion. Es ist aber  auch die  einzige Chance, die die Kinder haben: dass wir hinschauen. Wenn wir als Gesellschaft  nicht aktiv werden,  schützen wir  die Täter.
 
Ist Ihr Beruf nicht sehr belastend?

Ja, aber er hat auch sehr gute Seiten. Das Schöne an meinem Beruf ist, dass wir Opfern auch helfen können und ihnen zeigen, wo und wie sie Unterstützung bekommen. Das gibt einem viel zurück.

Das Gespräch führten Katrin Bischoff und Jens Blankennagel.