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Mode aus Berlin : „Augustin Teboul“ mischen Pop-Couture mit Rock ’n’ Roll

Annelie Augustin und Odély Tebou in ihrem Atelier in Neukölln.

Annelie Augustin und Odély Tebou in ihrem Atelier in Neukölln.

Foto:

Paulus Ponizak

Läuft man auf diesem krummen, schmutzigen Neuköllner Bürgersteig an der Erdgeschosswohnung vorbei, deren provisorisch verhängte Fenster von innen hell angeleuchtet sind, fragt man sich, was dahinter vonstattengehen mag. Sind es krumme Machenschaften? Oder eine Studenten-WG, die nicht gesehen werden will? Dass sich das Atelier der Designerinnen Annelie Augustin und Odély Teboul dort versteckt, würde man nicht vermuten.

Hinter der großen Eingangstür zieht sich gelber Linoleumboden, auf den übrig gebliebene Stoffstreifen zufällig ein abstraktes Muster zeichnen. Drei Meter sind es bis ans Flurende. Links gehen die zwei Zimmer ab, die man von der Straße aus sieht. Es sind die Räume, in denen gerade die neue, elfte Kollektion von Augustin Teboul für Herbst und Winter 2016/2017 entsteht. Beim Besuch, eine Woche vor der Show am Donnerstag im Kronprinzenpalais, offenbart sich hier schon etwas sehr Besonderes: Farbe.

„Es war ein langer Prozess, in dem wir uns immer wieder gefragt haben: Sollen wir es tun oder nicht“, sagt Annelie Augustin. „Es ist ein Experiment, eine Entwicklung“, fügt Odély Teboul hinzu. Bei diesen Sätzen wird eins schon gleich klar: Die beiden Designerinnen, die sich mit ihrer zarten Frauenkleidung in Schwarz international einen Ruf gemacht haben, sind vom Wesen her höchst unterschiedlich, und das spiegelt ihre Mode auch wider.

„Etwas Kreatives, nichts Kommerzielles“

Augustin, in Franken aufgewachsen, hat in Paris studiert, sie ist zurückhaltend, eher leise, wie die Schnitte in den Kollektionen, klar und präsent. Sie spricht von Fakten. Teboul hingegen schwelgt gerne in Gedanken, Ideen und Plänen. Ihre wild hochgesteckten, dunkelbraunen Haare hält ein rosafarbenes Tuch zusammen. Der Pony fällt strubbelig in ihr Gesicht, auf dem meist ein breites Lachen zu sehen ist. Die Französin ist für die funkelnden und floralen Verzierungen auf den Kleidern von Augustin Teboul verantwortlich.

Die Symbiose von Schnitt und Stickerei, Kanten und Spielereien zeichnet die Mode des Duos aus. Pop-Couture oder eine Mischung aus Schick und Rock ’n’ Roll könnte man ihre Entwürfe nennen, sagen die Designerinnen dazu. Was die beiden Frauen verbindet, ist ihre große Wertschätzung des Handwerks und ihre Liebe zum Detail. Und genau das hat sie schließlich auch vor fünf Jahren in London, wo sie sich nach dem gemeinsamen Studium in Paris wiederbegegneten, auf die Idee gebracht, ein neues Projekt zu realisieren.

„Wir hatten damals keinen festen Job und dachten uns, wir sollten etwas zusammen machen“, erklärt Teboul. „Etwas Kreatives, nichts Kommerzielles“, ergänzt Augustin. Was entstand, war ihre mit mehreren Preisen ausgezeichnete Kollektion „Cadavre Exquis“, benannt nach dem surrealistischen Spiel, bei dem ganz zufällig am Ende ein neues Wesen auf Papier geboren wird. Die Spieler zeichnen nämlich nach und nach auf gefaltete Abschnitte Körperteile, ohne die vorherigen gesehen zu haben.

Nach dieser Feuertaufe beschlossen Augustin und Teboul, ihr gemeinsames Label zu gründen. Dafür zogen sie nach Berlin. Zu Lob oder Kritik über die Modeszene hier sind die beiden nicht bereit. Sie bleiben neutral. „Wir haben zu Beginn nicht über nationale Märkte oder Grenzen nachgedacht“, sagt Annelie Augustin. „Die Modewelt verändert sich doch ständig, wir möchten international sein“, fügt Odély Teboul hinzu.

Wie in einer Traumblase

Sie hätten eben in Paris begonnen und seien dann nach Berlin gezogen, so Augustin. „Berlin ist auch nicht wirklich Deutschland. Hier kommen alle Nationalitäten zusammen“, sagt die 32-Jährige. Zudem sei es möglich, hier eine Show zu machen. Man werde wahrgenommen. In Paris sei das viel schwieriger, berichten sie aus eigener Erfahrung. „Dort sind die wirklich etablierten Marken wie Chanel und Dior“, sagt Teboul. „Wir haben auch schon in Paris gezeigt, aber die Frage, ob hier oder dort, haben wir uns nie gestellt“, sagt Augustin.

Für das, was um sie herum passiert, scheinen sich die beiden wenige Tage vor ihrer Präsentation nicht besonders interessieren zu können. Trotzdem, die Spannung ist zu spüren. Sie könnten noch gar keine großen Aussagen über die neue Kollektion machen, zu sehr seien sie in den Prozess vertieft. „Unsere Kollektion hat noch keinen Titel“, so Teboul. „Sie soll ihren Sinn entwickeln, wenn sie getragen wird.“

Ihre Kraft und Bedeutung gewinne ihre Mode, wenn sie an echten Körpern zu sehen sei, sagen sie. Dann erwachen die fein gehäkelten Netz-Maschen aus apricotfarbenem Garn und die glitzernden Bänder in Pink und Smaragdgrün, durchwebt von schwarzen Mustern, zum Leben. Leder, Wolle und Seide beginnen dann, miteinander zu spielen. Die kunstvoll von Hand genähten Verzierungen und Muster entwickeln ihre eigene Sprache mit der Bewegung ihrer Trägerin.

Die Idee des „Cadavre Exquis“ scheint immer noch sehr präsent zu sein in der genial chaotischen Altbauwohnung mitten in Neukölln. Wie in einer Traumblase wird gehäkelt, gestickt, genäht, konstruiert und immer wieder verworfen und weiterentwickelt. Vollendet aber ist ein Augustin-Teboul-Kleidungsstück erst am Körper der Frau, die es trägt.