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Modellprojekt in Kreuzberg: Eltern in die Kita statt Kinder ins Heim

Der dreigeschossige Kita-Bau am Bethaniendamm.

Der dreigeschossige Kita-Bau am Bethaniendamm.

Foto:

Paulus Ponizak

Wenn es streng nach wirtschaftlichen Interessen gegangen wäre, dann würde an dieser Stelle jetzt ein neues Appartementhaus mit Eigentumswohnungen stehen. Hier am Bethaniendamm, wo man von Kreuzberg nach Mitte gucken kann. Doch Bezirk und Land wollten das Grundstück am einstigen Mauerstreifen nicht an einen Investor verkaufen. Vielmehr entstand ein dreigeschossiger Kita-Bau.

In den unteren Etagen tollen Kinder durch die Räume. Völlig Neues passiert bald im dritten Geschoss: Hier sollten Eltern einziehen und dadurch ihr Familienleben wieder in den Griff bekommen. Sechs geräumige Zimmer, einige Gemeinschaftsräume sowie Duschbäder stehen dann für Familien bereit, die für drei bis sechs Monate hier einziehen sollen. „Das sind Familien, die auf der Kippe stehen“, sagt Uwe Töppen, Pädagoge und Leiter des Modellprojektes „Triangel“.

Die Eltern, oft Alleinerziehende, werden bereits vom Jugendamt betreut. Der Aufenthalt hier bedeutet die letzte Chance für eine Familie, soll verhindern, dass die Kinder in ein Heim oder in eine Pflegefamilie kommen. Mehrere Pädagogen arbeiten von montags bis freitags mit den Familien. Kleinkinder können morgens unten in die Kita zur Betreuung gebracht werden. „Die Eltern sollen sich aber selbst versorgen und auch ihren Alltag leben“, sagt Töppen. Eine Küche wird noch installiert. „Ein gemeinsames Abendbrot ist in vielen Familien ja gar nicht üblich.“

Gedacht ist, dass die Eltern hier zusammenleben wie in einer Selbsthilfegruppe. „Dabei wird es auch zu Konflikten kommen“, sagt Töppen. Das ist Teil des Konzepts. Die Pädagogen hoffen, dass sich Mütter oder Väter ihres Fehlverhaltens bewusster werden. Unten im Kita-Neubau gibt es ein Familiencafé, hier sollen andere Eltern aus der Kita in Kontakt kommen mit den Problemfamilien. Nach einigen Monaten verlassen jene Familien die Einrichtung wieder, es gibt aber noch regelmäßige Treffen.

Der Kita-Bau selbst ist für 120 Kinder ausgelegt, hinterm Haus liegt der Kinderbauernhof, dessen Grundstück auch Begehrlichkeiten von Investoren geweckt hat. „Hier in der Luisenstadt in Mitte und Kreuzberg werden viele Wohnungen neu gebaut, der Bedarf an Kita-Plätzen ist groß“, sagt Monika Herrmann (Grüne), Bezirksbürgermeisterin von Friedrichshain-Kreuzberg. Das Geld für den 3,5 Millionen teuren Neubau stammt vor allem aus EU-Mitteln und aus dem Unter-Dreijährigen-Programm des Bundes.

Anders als Campus Rütli

Die Kita zählt zum „Campus Marianne“, den die Bezirkspolitiker vor Jahren ausgerufen haben. Das hört sich an wie „Campus Rütli“ in Neukölln, verfügt aber nicht ansatzweise über die vielen Millionen Euro, die Stiftungen dort hineingepumpt haben. „Campus Marianne“ steht dafür, dass die Aktivitäten mehrerer freier Träger in der Kinder- und Jugendarbeit besser koordiniert werden, dass Familienzentren, Kitas und Grundschulen in einen Austausch kommen. In diesem Zusammenhang gab es allerdings bereits eine unschöne Auseinandersetzung zwischen den Lehrerkollegien der Nürtingen- und der EO-Plauen-Grundschule, letztere wird künftig nur noch eine Filiale der Nürtingen-Schule sein. So sollen Räume besser genutzt und eine Durchmischung der Schülerschaft ermöglicht werden.

Ein Problem ist, das die Sekundarschule im Kiez bisher nicht gefragt wird, auch weil sie keine gymnasiale Oberstufe hat. Das könnte sich mit der neuen Schulleiterin Ulrike Becker ändern. Gerade hat man sich einen neuen Namen gegeben. Benannt ist die Schule nun nach dem albanischen Muslim Refik Veseli, der während der deutschen Besatzung eine jüdische Familie versteckte, ihr so das Leben rettete.


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