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Monika Herrmann in Friedrichshain-Kreuzberg: Bürgermeisterin für Dealer, Flüchtlinge und Hipster

Grün ist nicht nur ihre Haltung: Monika Herrmann, 49, Politologin.

Grün ist nicht nur ihre Haltung: Monika Herrmann, 49, Politologin.

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Gerd Engelsmann

Berlin -

Man muss nervenstark sein, Resolutionssprache drauf haben und man darf weder vor Wohnwagenbewohnern noch vor Investoren Angst zeigen. Bezirksbürgermeister in Friedrichshain-Kreuzberg ist einer der schwierigsten Jobs in der Kommunalpolitik. Kaum ein Bezirk hat sich in den vergangenen Jahren so verändert, es gibt viele Arme, viele Kreative, aber auch immer mehr Aufsteiger. Heute hat die bisherige Stadträtin der Grünen, Monika Herrmann, ihren ersten offiziellen Arbeitstag. Wir stellen die wichtigsten Baustellen vor:

1. Mieten: Herrmanns Vorgänger, Franz Schulz, hat sich als oberster Mietervertreter gegeben, trotzdem konnte er den Trend nicht aufhalten: Die Mieten steigen um zehn Prozent pro Jahr, auf eine freie Wohnung kommen 20 bis 25 Bewerber. Über das Verbot von Ferienwohnungen wurde lange geredet, gehandelt wurde aber schneller im Bezirk Pankow. Yuppies und Hipster sind das neue Feindbild, wie zahlreiche Graffiti belegen.

Mietervereins-Geschäftsführer Reiner Wild lobt Schulz allerdings. Er habe die Mieterinitiative Kotti und Co. unterstützt, die Milieuschutzgebiete ausgeweitet sowie bei einem Investor in Friedrichshain durchgesetzt, dass er auch zehn Prozent günstige Wohnungen anbieten muss. „Ich wünsche mir, dass Frau Herrmann die Arbeitsweise fortsetzt“, sagt Wild. Anders als Schulz wird die neue Bürgermeisterin, die selbst Wohnungsbesitzerin ist, aber nicht für Stadtentwicklung zuständig sein. Das übernimmt Baustadtrat Hans Panhoff.

2. Flüchtlingscamp Oranienplatz: Früher lag Kreuzberg am Ende der Welt, es war ein Fluchtpunkt für westdeutsche Wohlstandskinder, die hier ihre wilde Seite ausleben konnten. Die meisten sind heute keine Rebellen mehr, aber der Geist lebt fort und zeigt sich in Erscheinungen wie dem provisorischen Flüchtlingscamp auf dem Oranienplatz. Schulz gab die Erlaubnis. Jetzt campieren die Menschen dort seit bald einem Jahr, die Nerven liegen blank bei Bewohnern und Anwohnern drumherum. Es gibt Klagen über Ratten, Müll und Gewalt.

Der CDU-Kreischef Kurt Wansner wird deutlicher: Er fordert von Herrmann die Auflösung. Sie trage die Verantwortung für gesundheitliche Gefährdungen. Allerdings hätte sein Parteifreund, Innensenator Henkel, schon jetzt das Recht, das Gelände zu räumen – wenn er denn wollte. Am Mittwoch hat das Bezirksamt das Gelände auf Hygienemängel inspiziert. „Es werden mehr Müllcontainer und ein täglicher Putzdienst gebraucht“, sagt Monika Herrmann. Auflösen wolle sie das Camp nicht. Mit der CDU kommt sie anders als ihr Vorgänger gut aus. Sie kommt aus einer CDU-Familie.

3. Görlitzer Park: In den vergangenen Jahren ist der Park immer voller und dreckiger geworden, türkische Omas trauen sich nicht mehr hin, auch junge Mädchen machen einen Bogen um den „Görli“, wegen der Drogendealer. 60 bis 100 Dealer sollen sich laut Polizei dort zeitweilig aufhalten. Um die Lage zu entspannen, hat Herrmann vorgeschlagen, einen Coffeeshop aufzumachen, um Cannabis legal anzubieten. Bisher ist Verkauf und Besitz von Drogen verboten, Ausnahmen gelten für Kleinstmengen von Cannabis. „Wir sehen Entkriminalisierung positiv und finden es gut, in eine neue Richtung zu denken“, sagt Edgar Wiehler von der Drogenberatung Misfit in Kreuzberg.

4. Radwege: Der Bezirk ist eine Radfahrer-Hochburg. Doch der Ausbau der Infrastruktur stockt. „Mehr Fahrradstraßen, die Freigabe von Einbahnstraßen in die Gegenrichtung, mehr Fahrradparkplätze“, das wünscht sich die Landeschefin der Rad-Lobby ADFC, Eva-Maria Scheel, von der neuen Bürgermeisterin. Immerhin: Herrmann radelt selbst jeden Tag vom Bergmannkiez ins Büro in die Frankfurter Allee und hat sich in der Vergangenheit für den Ausbau überbreiter Radwege auf der Fahrbahn eingesetzt.

5. Schulen: Die Schulen in Kreuzberg sind berüchtigt, seit der Regierende Bürgermeister Wowereit einmal gesagt hat, er würde sein Kind nie in Kreuzberg zur Schule schicken. Herrmann versuchte Probleme abzufangen, in dem sie Sozialpädagogen einstellte. Melda Akbas, die ein Buch über das Bildungssystem geschrieben hat und selbst auf die Robert-Koch-Schule ging, sagt, dass die Zustände an vielen weiterführenden Schulen in Kreuzberg chaotisch sind, mit demotivierten Lehrern und Schülern, denen der Stoff fehlt, weil sie schon in der Grundschule mangelhaft ausgebildet wurden. „Man müsste dringend die Qualität von Kitas und Grundschulen verbessern, mehr Förderkurse anbieten, sagt sie.