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Mord am Alexanderplatz: 20-Jähriger stirbt nach brutalem Angriff

An der Rathausstraße am Alexanderplatz erinnern Blumen der Familie an den totgeschlagenen 20-jährigen Vietnamesen.

An der Rathausstraße am Alexanderplatz erinnern Blumen der Familie an den totgeschlagenen 20-jährigen Vietnamesen.

Foto:

Katalin Ziegler

Berlin -

Weiße Rosen und mehr als ein Dutzend Grabkerzen stehen seit Montagmittag windgeschützt gegenüber dem Eingang des Cafés Lampe in der Rathausstraße in Mitte. Die Blumen erinnern an die Bluttat, bei der am Sonntagmorgen ein 20 Jahre alter Mann vietnamesischer Herkunft durch Schläge und Tritte so schwer verletzt wurde, dass er am Montag seinen Verletzungen erlag.

Am Mittag hatten mehrere Ärzte des Vivantes-Klinikums Am Friedrichshain den verletzten Jonny H. untersucht. Danach kamen sie zu der Auffassung, dass ihm nicht mehr zu helfen ist.Die Verletzungen seien zu schwer gewesen, hieß es. Nachdem sich die Familie von ihrem Jungen verabschiedet hatte, wurden die Maschinen abgeschaltet. Sie hatten Jonny K. im Koma künstlich am Leben gehalten.

Ermittler: Motiv wohl „reine Mordlust“

Inzwischen hat die Mordkommission weitere Einzelheiten zu dem brutalen Überfall erfahren. Demnach besuchte der 20-Jährige, der zuletzt in Spandau wohnte, zusammen mit drei Begleitern einen Club in der Panoramastraße. Die vier Männer im Alter zwischen 20 und 29 Jahren aus Vietnam und Thailand tranken soviel, dass ihnen das Personal empfahl, das Lokal zu verlassen.

Dem 25-Jährigen ging es so schlecht, dass er sich kaum noch allein auf den Beinen halten konnte. Deshalb lud ihn sich der 29-Jährige auf den Rücken und trug ihn zur nahe gelegenen Rathausstraße. Dort setzte er ihn auf einen Stuhl, vor dem Café, das bereits seit 20 Uhr geschlossen hatte. Kaum saß der Mann, liefen mehrere Männer auf die Asiaten zu, traten den Betrunkenen vom Stuhl und ließen ihn liegen.

Als ihm der 20-Jährige und ein Bekannter helfen wollten, stürzten sich die Angreifer auf die Männer. Einer erhielt einen Schlag ins Gesicht. Jonny K. wurde so lange gegen den Kopf getreten, bis er bewusstlos war. Der dritte Begleiter hatte sich um ein Taxi bemüht. Die sieben Täter flüchteten. Von den Schlägern, die türkisch-arabischer Herkunft sein sollen, fehlt jede Spur. Das Motiv ist unklar. Fahnder sprechen von „reiner Mordlust“.

Am Montag haben die Ermittler erneut Gäste und Angestellte der Lokale in der Nähe des Tatorts befragt. Die Chancen, die Schläger zu ermitteln seien nicht schlecht, sagten Fahnder am Abend. Mehrere Spuren seien sichergestellt worden. Die Ermittler schließen nicht aus, dass die Täter zuvor ein 40 Meter vom Tatort entferntes Lokal oder einen Club in der Umgebung besucht hatten und zur Tatzeit auf dem Weg zum S-Bahnhof Alexanderplatz waren.

Bereits am Sonnabend war es zwischen mehreren Männern am Bahnhof Alexanderplatz zu einer Schlägerei gekommen. Die Polizei hatte Mühe, den Streit zu schlichten. Eine Woche zuvor war am S-Bahnhof ein 23 Jahre alter Mann niedergeschossen worden. Er wird immer noch in einem Krankenhaus betreut.

Koma-Saufen am Alexanderplatz

Der Alexanderplatz mit dem Areal rings um den Fernsehturm bis zur Spandauer Straße ist bei der Polizei als gefährlicher Ort eingestuft. Allerdings ist das Gebiet, das jeden Tag von mehr als 300.000 Menschen besucht wird, nach Einschätzung der Polizei keines, das durch eine hohe Kriminalitätsrate auffällig ist. 2011 wurden dort vor allem Taschendiebstähle registriert, aber auch 60 Raubdelikte und ebenso viele Körperverletzungen. Immer wieder kommt es zu Schlägereien von Betrunkenen.
Um die Sicherheit in den Grünflächen am Fernsehturm zu erhöhen, gestaltet der Bezirkdie Anlagen für fünf Millionen Euro um.

„Dabei berücksichtigen wir die Hinweise der städtebaulichen Kriminalprävention“, sagt Baustadtrat Carsten Spallek (CDU). Neue Lampen wurden installiert. Büsche wurden abgeholzt, um die Anlagen übersichtlicher zu machen. Anlass für die Umgestaltung waren Gelage von Jugendlichen, die sich freitags am Fernsehturm zum Koma-Saufen trafen. Das Problem gibt esin diesem Ausmaß nicht mehr, vermehrt lagern jetzt aber Obdachlose überwiegend aus Polen in dem Gebiet, diese seien sehr aggressiv, so Spallek. Er ist für das Ordnungsamt zuständig.

„Das hat nicht die Autorität wie die Polizei, und es ist für derartige Gewalt nicht ausgerüstet“, sagt er. Straftaten wie am Sonntag könne man nicht ausschließen, die Polizei könne nicht überall sein. Auch Videoüberwachung sei nicht hilfreich, weilsich viele davon nicht abschrecken lassen.