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Mord an Semanur S.: Aufstand der Mütter

Eine Frau hat im Rahmen einer Gedenkfeier am Hauseingang der Köthener Straße in Berlin ein Bild der ermordeten Frau niedergelegt.

Eine Frau hat im Rahmen einer Gedenkfeier am Hauseingang der Köthener Straße in Berlin ein Bild der ermordeten Frau niedergelegt.

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dpa

Berlin -

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Die Frauen, die nach und nach vor dem Rathaus Neukölln eintreffen, begrüßen sich mit herzlicher Umarmung. Es ist später Mittwochnachmittag. Bald sind es um die 100. Einige tragen ein Kopftuch. Einige haben selbst gebastelte Pappschilder mitgebracht. „Bildung ist Antigewalttraining“ steht darauf. Oder: „Unsere Jugend braucht Perspektiven“. Passanten bleiben stehen und hören zu. „Sowohl die Täter als auch die Opfer sind unsere Kinder. Sie brauchen ein Umfeld, das ihnen die Möglichkeit zur gewaltfreien Auseinandersetzung bietet“, ruft eine Rednerin. So steht es auch in dem Kundgebungsaufruf der Frauen des Neuköllner Vereins TIO. Sie haben ihn schon vor zehn Tagen verschickt. Lange, bevor der 32-jährige Orhan S., der in Berlin aufgewachsen ist und die Kreuzberger Carl-von-Ossietzky-Oberschule besucht hat, seine zwei Jahre jüngere Frau Semanur auf unfassbar brutale Weise ermordet.

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„Es begann mit diesem Ohnmachtsgefühl“, sagt die deutsch-türkische Sozialarbeiterin Nesrin Tekin. Im März war der 18-jährige Jussef El-A. nach einem Streit auf einem Neuköllner Bolzplatz erstochen worden. Nur einen Monat später schoss ein Unbekannter auf offener Straße auf eine fünfköpfige Gruppe von jungen Männern. Der 22-jährige Burak B. starb noch am Tatort, gleich gegenüber dem Krankenhaus Neukölln. Bei TIO können Frauen einen Schulabschluss nachholen oder Hilfe bekommen, um eine Ausbildung zu machen. Das Kürzel steht für Treff- und Informationsort für Migrantinnen. Aber seit Monaten kreisen die Gespräche in der Neuköllner Reuterstraße nur noch um eine Thema: Die zunehmende Gewalt. Aus der Ohnmacht erwuchs der Drang, der Gewalt etwas entgegen zu setzten.

So geht es nicht weiter

Am Dienstag haben muslimische Väter vom „Aufbruch Neukölln“ vor dem Haus in der Köthener Straße, in dem das Unglaubliche geschah, eine Protestkundgebung abgehalten. Der Ruf nach mehr Prävention, nach Hilfsangeboten auch für entwurzelte männliche Angehörige der zweiten- und dritten Zuwanderergeneration wird aus den Reihen der Migranten in Berlin immer lauter. Und ihre Bereitschaft, sich einzumischen, wächst.

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Das sieht auch Monika Götz so, die die Gründung der Bürgerplattform „Wir in Neukölln“ Anfang des Jahres aktiv begleitet hat. Von den 28 Gruppen, die sich dort für bessere Lebensverhältnisse in ihrem Bezirk engagieren, haben mindestens die Hälfte einen Migrationshintergrund. Neben christlichen Kirchen sind auch Moschee-Vereine vertreten. Eines der zentralen Themen, dem man widmen will, ist Bildung. „Viele hatten fast aufgegeben, dass man sie hört“, sagt Monika Götz. „Aber es ist auch eine junge, hier aufgewachsene Generation nachgewachsen, die etwas bewegen will“.

„Immer mehr Menschen sagen, so geht es nicht weiter. Und sie sagen das als Berliner“, fasst Serdar Yazar vom Türkischen Bund die veränderte Stimmung zusammen. Dass sich Migrantenorganisationen zunehmend öffentlich zu Wort melden, sieht Yazar als das Ergebnis einer Wechselwirkung: „Wir werden auch in den Medien stärker wahr genommen. Das wird als Wertschätzung empfunden und steigert die Bereitschaft zur Teilhabe.“

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Nesrin Tekin arbeitet schon seit 13 Jahren bei TIO. Sie hilft den Frauen, die einen Beruf anstreben, auch bei Behördengängen oder bei Widerständen in der Familie. „Bei manchen türkischen Männern ist unser Verein verschrien“, sagt sie. Teils warnten sie sich untereinander, dass Frauen, die dort Kurse besuchten, sie hinterher verlassen würden. „Und das kommt durchaus auch vor.“ Erklärtes Ziel des schon 1978 gegründeten Vereins ist es, Migrantinnen zu stärken. Auch Frauen wie die ermordete Semanur S., die als Jugendliche zur Heirat nach Deutschland geschickt wurden. „Eine Ausbildung und Berufstätigkeit macht sie natürlich selbstbewusster und unabhängiger“, sagt die Sozialarbeiterin. Das wirke sich auch auf ihr Auftreten aus und ihre Rolle bei der Erziehung. Ähnliche Angebote seien auch für Männer mit Migrationshintergrund dingend nötig. (mit xcm.)

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