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Moschee bedroht: Verunsicherung in der Gemeinde

Die Senatorin Dilek Kolat (SPD) wird bei ihrem Besuch vom Gemeindevorsitzenden Ender Cetin (r.) und dem Imam Memet Tekin (l.) begleitet.

Die Senatorin Dilek Kolat (SPD) wird bei ihrem Besuch vom Gemeindevorsitzenden Ender Cetin (r.) und dem Imam Memet Tekin (l.) begleitet.

Foto:

Kaveh Rostamkhani

Berlin -

Der Imam redet über den Propheten Allah, er predigt erst auf Türkisch, dann verliest er etwas holprig eine Kurzfassung auf Deutsch. Das Freitagsgebet in der Sehitlik-Moschee in Neukölln vergeht ohne aktuellen Bezug, als sei der promimente Gast gar nicht da, als kauere die Integrationssenatorin Dilek Kolat nicht oben auf Strümpfen in der eisigen Galerie unter der Kuppel. Die Predigten sind aus der Türkei vorgegeben, so will es der Dachverband Ditib.

Dilek Kolat, selbst nicht-religiöse Muslimin, dürfte den meisten Gläubigen trotzdem aufgefallen sein. Denn normalerweise sind Frauen im Gebetsraum nicht erlaubt, für die Sozialdemokratin wurde eine Ausnahme gemacht. Sie ist gekommen, um ein Zeichen zu setzen. Auch den Integrationsbeauftragten Günther Piening und Kulturstaatssekretär André Schmitz hatte sie mitgebracht.

Vorzeige-Moschee von Neukölln

Seit Monaten wird die Sehitlik-Moschee bedroht, es gab Brandanschläge, volksverhetzende Emails, zuletzt sorgte ein achtseitiger Brief für Unruhe. Darin wurden alle Muslime aufgefordert, dass Land innerhalb der nächsten sechs Monate zu verlassen. Eine andere Moschee hat das gleiche Schreiben erhalten. Der Inhalt des Briefes habe sie erschüttert, sagte Kolat im Gespräch mit Gemeindemitgliedern. „Wir müssen zeigen, dass wir uns nicht spalten lassen, wir sind eine Berliner Gesellschaft“, fügte sie hinzu.

Die Sehitlik-Moschee gilt als Vorzeige-Moschee des Bezirks, pflegt gute Kontakte zur evangelischen Genezareth-Gemeinde, bietet Führungen an. Ender Cetin, Vorsitzender der Gemeinde, bedankte sich für den Besuch der Senatorin. Er habe Anfang der Woche mit Innensenator Frank Henkel telefoniert. Der CDU-Politiker, der am Freitag nicht dabei war, hatte bereits schriftlich der Gemeinde die vollständige Aufklärung versprochen.

Der Vorsitzende Ender Cetin war derjenige, der den Drohbrief geöffnet hatte. Er wusste erst nicht, was er damit tun sollte. Ignorieren, als das Werk eines Irren? Dann dachte er an den Massenmörder aus Norwegen, an die Zwickauer Nazi-Terroristen – und schaltete die Polizei ein. Eine Spur zu den Urhebern der Briefe hat die Polizei offenbar nicht. Kriminaltechniker konnten Fingerabdrücke an den Schreiben sichern, hieß es. Unterzeichnet ist der Brief von einer Gruppierung, die sich „Reichsbewegung“ nennt. Welche Personen dahinter stecken, ist unklar. Der Staatsschutz hat nach eigenen Angaben keine Erkenntnisse zu dieser Gruppierung, die in Berlin auch noch nicht in Erscheinung getreten sei.

Kolat will Kampf gegen Rechts ausweiten

Auf ihrer Internetseite findet sich ein wirres Gemisch aus völkischen und esoterischen Theorien. Auf der Website ist mit der Anrede „an alle Türken, Muslime und Neger in Deutschland“ auch der Brief zu finden, der an die Sehitlik-Moschee versandt wurde. Ender Cetin beschreibt, wie die Gemeinde verunsichert ist. Zwar habe es nach Bekanntwerden des Drohbriefs auch Solidaritätsbekundungen aus der Nachbarschaft gegeben, aber insgesamt spüre man eine zunehmende Islamophobie. „Die Vorurteile sitzen sehr tief und sind oft kaum zu überwinden“, sagt Cetin. Er merke das bei den Führungen, die er veranstalte.

Erst am Vortag sei eine Gruppe Justizvollzugsbeamter gekommen, die Schulung hatten. Sie hätten den Islam nur mit Selbstmordattentätern, Ehrenmord und Zwangsheirat in Verbindung bringen wollen, klagt Cetin. Auch unter Lehrern seien die Vorurteile enorm. Er lebe seit 1979 in Berlin, er habe es leid, sich immer wieder rechtfertigen zu müssen, fügte ein anderes Gemeindemitglied hinzu.

Die Politiker hörten interessiert zu. „Wahrscheinlich muss das gegenseitige Verständnis in jeder Generation neu erarbeitet werden“, sagte Kulturstaatssekretär Schmitz. Dilek Kolat kündigte an, dass Präventionsprojekte gegen Rechtsextremismus ausgebaut werden sollen