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Moslems werden Christen in Berlin-Steglitz: Mohammad trägt jetzt ein Kreuz

Flüchtlinge aus dem Iran und Afghanistan lassen sich von Pfarrer Gottfried Martens in der Mariengemeinde taufen.

Flüchtlinge aus dem Iran und Afghanistan lassen sich von Pfarrer Gottfried Martens in der Mariengemeinde taufen.

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Paulus Ponizak

Kurz bevor der Gottesdienst beginnt, drückt der Pastor Mohammad Farhadi eine kleine blaue Schachtel in die Hand. Der junge Mann klappt den Deckel hoch und nimmt das kleine silberne Kreuz heraus, um es anzusehen. „Schön“, sagt er. Es ist eins der wenigen deutschen Worte, die er beherrscht. Gleich im Gottesdienst wird jemand ihm dieses Symbol des christlichen Glaubens feierlich um den Hals legen. Dann wird aus dem Moslem Mohammad ein Christ werden. An diesem Sonntag wird er getauft.

Die evangelisch-lutherische Dreieinigkeitskirche an der Südendstraße ist etwas Besonderes in Berlin. Seit ein paar Jahren kommen in großen Schüben Flüchtlinge aus dem Iran und aus Afghanistan und wollen Gemeindemitglieder werden. So viele sind es, dass die Steglitzer Gemeinde sich jetzt von ihrer Zehlendorfer Schwestergemeinde, mit der sie einst fusionierte, weil es zu wenig Gläubige gab, wieder trennen wird. Die Dreieinigkeitskirche macht sich selbstständig. Und das liegt an den Konvertiten. Mittlerweile sind von 750 Gemeindemitgliedern 500 ehemalige Moslems, die hier den Islam ablegen und zum Christentum übertreten. Jeden Sonntag wird getauft. Auch gestern wurde die Gemeinde wieder größer.

Ein christliches Werk

Als um zehn Uhr das Läuten der Glocken zum Gottesdienst endet, ist das Kirchenschiff voll besetzt. Von der letzten Bank aus lässt sich die Situation dieser Gemeinde an den Haarfarben ablesen. Kräftig dunkel, braun und schwarz sind die meisten. Ab und zu ist ein grauer Kopf dazwischen. Damit lässt sich einerseits das Durchschnittsalter als jung qualifizieren. Deutlich sichtbar ist aber auch, dass vor allem die Zugereisten jung sind und die deutschen Gemeindemitglieder schon etwas älter. „Wunderbar“, findet den Zustrom eine der älteren deutschen Damen auf einer der Kirchenbänke. Sie wechselt ganz bewusst aus Zehlendorf hierher. In Steglitz hat sie das Gefühl an einem christlichen Werk mitzutun, indem sie die Fremden willkommen heißt und ihnen hilft, wenn sie Hilfe wollen. „Das macht doch das Christsein aus, oder“, fragt sie. Nein, fremd fühle sie sich überhaupt nicht in ihrer Gemeinde, sondern gebraucht.

13 Männer, Frauen und Kinder wollen an diesem Tag Christen werden. Pastor Gottfried Martens veranschlagt dafür Zeit von 10 bis 14 Uhr. Anschließend will die Gemeinde gemeinsam zu Mittag essen. Zuerst kommt aber die Beichte. In Gruppen zu etwa 30 Personen treten Gläubige vor den Altar. Pastor Martens legt seine Hände auf die Köpfe und vergibt die Sünden.

Der Zustrom der Iraner und Afghanen begann 2011 mit zwei Männern. Pastor Martens hat sie in Leipzig kennengelernt, wo er missionarisch tätig war. Sie kamen mit nach Berlin und ließen sich taufen, dann folgten zwei Bekannte der Männer, dann wieder zwei und wieder zwei. Durch Mund-zu-Mund-Propaganda ist ein Schneeballeffekt eingetreten. „Seit 2012 kommen sie in großen Schüben“, sagt Martens. Etwa die Hälfte der Iraner sei schon in der Heimat christlich gewesen, sagt er. Sie besuchten Kirchen im Untergrund, geheime Gottesdienste in Wohnungen. Auf Konversion steht im Iran die Todesstrafe. Es sei die gebildete Mittel- und Oberschicht, die komme. „Sie haben negative Erfahrungen mit dem Islam, der ihnen düster und angsteinjagend erscheint. Die Scharia mit Auspeitschungen und einer Lebensperspektive der Hölle entgegen wirkt auf sie abstoßend“, sagt Martens.

Anders die Afghanen. Viele seien Analphabeten, aus Not und Elend geflohen und tief gläubig. Sie hätten oft Probleme in den Flüchtlingsheimen und würden von Landsleuten bedroht, wenn sie Christen werden.

Drei Suizidversuche pro Woche

Zwischen 18 und 29 Jahre alt sind die meisten seiner Gemeindemitglieder und die wenigsten haben einen Flüchtlingsstatus. Sie wohnen in Heimen in Berlin, Prenzlau, Eisenhüttenstadt. „Das Asylverfahren dauert ewig. Sie kommen mit 18 Jahren und sitzen bis 25 nur rum. Hunderte Leute in unserer Gemeinde warten auf einen Bescheid, ob sie bleiben dürfen“, sagt Martens. Es seien viele traumatisierte Menschen darunter. „Wir haben manchmal drei Selbstmordversuche in einer Woche“, sagt Martens. Man kann schon verstehen, dass sie Zuflucht in einer Kirche suchen, die Frieden und Freude verkündet.

Pastor Martens versammelt die Täuflinge am Altar: „Weiche, Du unreiner Geist und gib Raum dem heiligen Geist“, intoniert er das Ritual, „empfange das Zeichen des heiligen Kreuzes“. Dann sprechen sie das Glaubensbekenntnis in ihrer Muttersprache auf Farsi. Am Taufstein antworten sie auf die Fragen des Pastors auf deutsch. Das haben sie geübt in einem Taufkurs. Jetzt müssen sie sich bekennen.

Mohammad Farhadi ist als Siebter ist an der Reihe. „Sagst Du Dich los vom Satan mit seinem trügerischen Werk?“, fragt Pastor Martens. „Ja, ich sage mich los“, antwortet Farhadi. „Sagst Du Dich auch los vom Islam?“ „Ja, ich sage mich los.“ Im Wechselspiel mit dem Pastor bestätigt Farhadi, dass er glaubt. Er gelobt, den Herrn zu preisen, er will getauft werden. Dreimal gießt Martens Wasser über den Kopf. Dann ist Mohammad Jakob Farhadi geworden: Ein Christ.