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Berliner Zeitung | Museumsinsel: Das nächste Millionengrab
16. October 2013
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Museumsinsel: Das nächste Millionengrab

Teures Tor zur Kunst: Die Eingangshalle auf der Museumsinsel kostet viel mehr als geplant.

Teures Tor zur Kunst: Die Eingangshalle auf der Museumsinsel kostet viel mehr als geplant.

Foto:

David Chipperfield Architects

Wer in den vergangenen vier Jahren am Berliner Kupfergraben entlang ging und zum Neuen Museum sah, konnte das Desaster erahnen. Hier soll der geplante Eingangsbau zum Hauptrundgang durch das Pergamonmuseum, die James Simon-Galerie, entstehen. 2009 begannen die Bauarbeiten, 2013 sollte sie eingeweiht werden.

Doch noch immer wird Wasser von einem der mit Spundwände abgeschotteten Tröge in den anderen gepumpt. Nichts scheint sich bewegt zu haben außer dem Wasserstand. Und den Baukosten, die ständig steigen, wie jetzt bekannt wurde. Kurz bevor am Freitag Kulturstaatsminister Bernd Neumann und der Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Hermann Parzinger, den symbolischen Grundstein ablegen wollen.

Auf Anfrage der Berliner Zeitung bestätigte das Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung (BBR) – es betreut die Bauaufgaben der Preußen-Stiftung –, dass der Bau nun 98,8 Millionen Euro kosten soll. Die Pressestelle der Stiftung teilte mit, deren „Arbeitsgruppe Bau“ habe im September diese neue Summe bewilligt. Noch einmal zehn Prozent mehr als die 90 Millionen Euro, die schon im Februar unter der Hand debattiert wurden, und weit entfernt von den vom Bundestag bewilligten 73 Millionen Euro.

Man liegt damit knapp unter der symbolischen 100-Millionen-Grenze. Intern wird kritisiert, dass die aktuelle Zahl eine rein politische sei. 110 Millionen Euro wären realistisch. Aber auch so darf dieser Foyerbau nach dem Willen der Preußen-Stiftung für jeden der 11 000 Quadratmeter Nutzfläche etwa 9 000 Euro kosten. Das ist fast zweieinhalb mal so teuer wie das höchst aufwendige Münchner Kunstmuseum Pinakothek der Moderne. Oder anders: Allein die Steigerung von 25 Millionen Euro ist doppelt so viel Geld, wie das Land Berlin für die Sanierung des Märkischen Museums stemmen will.

Das von Chipperfield geplante Folkwang-Museum in Essen durfte nur 1 800 Euro pro Quadratmeter Nutzfläche kosten. Der Architekt kann preiswert bauen. Woran liegt das neue Berliner Desaster also?

Die Preußen-Stiftung teilte schon im Frühjahr mit, dass der Baugrund unerwartet schwierig sei. Auch die BBR beruft sich heute darauf. Allerdings ist seit der Planung des Pergamonmuseums 1907 bekannt, dass sich zwischen Bode-Straße und Eisenbahntrasse eine Kolk genannte, eiszeitliche Schlammgrube befindet, die bis zu 40 Meter tief ist. Mit traditionellen Mitteln ist hier nicht zu gründen. Und der hohe Grundwasserstand ist lange bekannt.

Deswegen entstand der Südflügel des Pergamonmuseums um 1912 auf einer sensationellen Betonbrücke, die über den Kolk geschlagen wurde. Und deswegen gab Preußen den Bau des Ägyptischen Museums am Kupfergraben 1921 auf. Das Neue Museum, dessen Ruine in den Kolk abzugleiten drohte, erhielt 1990 wegen des Kolks eine vollständig neue Fundierung. Dennoch wählte die BBR, wird in den Museen kritisiert, bei der Ausschreibung für die Fundierung des Eingangsbaus nach 2006 offenbar eine Firma aus, die zwar billig anbot, der Aufgabe aber finanziell und technisch nicht gewachsen war. Sie ist inzwischen bankrott. Alle Arbeiten, etwa der Bau von 1 200 Kleinbohrpfählen, mussten 2011 abgebrochen und neu ausgeschrieben werden.

Intern geht die Streichliste herum

Die komplizierte Architektur aber macht eine Tiefenfundierung notwendig. Wie sollen nun die Zusatzkosten finanziert werden? Der Bundestag hat seinen überaus generösen Zuschuss auf 73 Millionen Euro limitiert. Die Stiftung versprach schon im Frühjahr, dass sie selbst für die neuen Kosten aufkommen will. Abgesehen davon, dass ihr Etat überwiegend aus Steuermitteln besteht: Noch will sie nichts bekannt geben zu den Folgen, die das neue Desaster für ihr Gesamtbauprogramm haben wird.

Intern geht die Streichliste bereits herum: Der Neubau eines Zentraldepots in Friedrichshagen soll wohl aufgeschoben werden, ebenso die dringend notwendige Sanierung der Neuen Staatsbibliothek am Kulturforum. Sparopfer könnten auch die Ausstellungsausstattungen im Pergamonmuseum, im Humboldt-Forum, der weitere Umbau des Kunstgewerbemuseums, die Sanierung des Alten Museums, die Verlagerung des Museums Europäischer Kulturen zum Kulturforum und die Archäologische Promenade in den Sockelgeschossen der Museumsinsel werden – damit verlöre aber auch der Eingangsbau einen Teil seiner Begründung. Schließlich soll er die Promenade erschließen.

Die Probleme würden mit der Streichliste also nicht geringer. Es fehlt das Geld – auch, weil ein Bau an einer Stelle entsteht, an der nur baut, wer zu viel Geld hat.