28.01.2012

Musikhaus: Wo laute Musik noch keinen stört

Von Stefan Strauss
Christoph Klemke und seine Lebensgefährtin Feline Lang haben das frühere Umspannwerk gepachtet.
Christoph Klemke und seine Lebensgefährtin Feline Lang haben das frühere Umspannwerk gepachtet.
Foto: Gerd Engelsmann
Berlin –  

Einen maroden Gebäudekomplex in Lichtenberg haben Christoph Klemke und Feline Lang im Laufe von fünf Jahren zu einem Musikhaus umgestaltet. Rund 1.000 Musiker arbeiten und proben hier - zu günstigen Preisen. Doch im nächsten Jahr läuft der Pachtvertrag aus.

Immer den Ohren nach. Wer das Musikhaus am Wiesenweg in Lichtenberg sucht, braucht zwischen den Autowerkstätten und Lagerhallen einfach nur gut hinzuhören, woher die Musik kommt. Dann lässt sich die Adresse leicht finden. Eine Trommelgruppe übt, jemand spielt Schlagzeug, im Minutentakt rauschen Regionalzüge und S-Bahnen vorüber. Nein, in dieser Gegend herrscht keine Ruhe. Aber die fordert hier auch niemand. "Wir dürfen hier so laut sein, wie wir sind", sagt Christoph Klemke. Orte wie diese sind selten geworden in der Stadt.

Vor fünf Jahren haben der Musiker und Kulturmanager Christoph Klemke (Cello, Schlagzeug, Gesang) und seine Lebensgefährtin Feline Lang (Schauspiel, Gesang, diverse Instrumente) den maroden Gebäudekomplex des früheren Umspannwerkes (Energiekombinat Ost) vom Vattenfall-Konzern zur Pacht übernommen. Aus heruntergekommenen Büros und Lagern, verlassenen Werkstätten und Kellerräumen hat das Paar mit Gleichgesinnten im Laufe der Jahre eine komplexe Arbeitsstätte für Musiker und Bands geschaffen. Neun Studios gibt es jetzt dort, etliche Proben- und Theaterräume, ein Tanzstudio, eine Bar und einen Klub. Die Bands, die dort proben, heißen zum Beispiel Berlin Boom Orchestra, Das gezeichnete Ich und Radio Havanna, sie machen Dancehall, Elektro, Soulfunk und Indiepop. Auch Musiklehrer, Techniker und Pädagogen nutzen das Haus. Sie singen mit Kindern und bringen ihnen Instrumente bei, Erwachsene lassen sich zu Sounddesignern ausbilden. Es gibt Tanzkurse und sogar eine Kantine. Dort kocht Mamo, ein Italiener. Und in den Aufnahmestudios der Produzententruppe Popschutz haben schon bekannte Bands wie Virginia Jetzt, Kraftklub und Jennifer Rostock ihre Songs eingespielt.

230 Euro Miete im Monat

An 60 Mieter hat Klemke die Studios und Probenräume vermietet, die Miete ist bezahlbar. Ein 20 Quadratmeter großer Proberaum kostet etwa 230 Euro im Monat. Manche Bands teilen sich einen Raum, zusammen sind es etwa tausend Leute, die im Musikhaus arbeiten. "Es gibt keinen Leerstand", sagt Klemke. Aber dafür etliche Nachfragen. Auf der Warteliste stünden 600 Namen von Bands. "Die Situation für Musiker hat sich in Berlin in den vergangenen Jahren kontinuierlich verschärft", sagt Klemke. "Sie werden aus der Innenstadt verdrängt." Und sie suchen nach günstigen Proberäumen. Im Orwohaus in Marzahn arbeiten mittlerweile mehr als 300 Bands, seit Jahresbeginn haben sich 14 Bands auf die Warteliste setzen lassen.

Sein früheres Musikhaus an der Schönhauser Allee in Prenzlauer Berg musste Klemke im Jahr 2007 verlassen. Nach der Sanierung verlangten die Vermieter eine Miete, die er nicht mehr bezahlen konnte. Im Musikhaus haben Klemke und seine Musikkollegen ideale Arbeitsbedingungen. Tag und Nacht können sie dort spielen, ohne nach 23 Uhr Beschwerden von sensiblen Nachbarn befürchten zu müssen. Denn Nachbarn gibt es hier nicht. Das ehemalige Umspannwerk liegt gut erreichbar zwischen dem Boxhagener Kiez in Friedrichshain und dem S-Bahnhof Ostkreuz. Bermuda-Dreieck wird diese Gegend genannt.

Der 41-jährige Klemke will sein Musikhaus jetzt kaufen. "Musik erlaubt!" heißt sein Projekt. Alle, die das Probenhaus nutzen, sollen in das Projekt investieren. Die Zeit drängt. Denn im nächsten Jahr läuft der Pachtvertrag mit Vattenfall aus, ein neuer, so viel steht fest, wird teurer. Dann würden auch die Mietpreise für die Probenräume steigen. Etwa 1,5 Millionen Euro verlangt Vattenfall für die Immobilie. Um einen Bankkredit zu bekommen, muss Klemke zehn Prozent des Kaufpreises als Eigenkapital aufbringen. Dieses Geld, so seine Idee, könnten Musiker und Unterstützer geben, Klemke verspricht ihnen sogar eine Rendite von neun Prozent. Er ist sicher, dass sein Millionenprojekt klappt. Die Nachfrage sei so groß, sagt Klemke, er könnte locker zehn weitere Probenhäuser betreiben. "Es lohnt sich, in Musik zu investieren. Wir sind Musiker. Wir lieben Musik, und wir leben von Musik." Und Musiker hätten eine extrem hohe Zahlungsmoral.

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