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Nach der Brandstiftung: Spreepark – Berliner Park der Träume

Dieser Plastikschwan schwamm einst stolz im Plänterwald. Jetzt sitzt er auf dem Trockenen.

Dieser Plastikschwan schwamm einst stolz im Plänterwald. Jetzt sitzt er auf dem Trockenen.

Foto:

Gerd Engelsmann

Sabine Liebisch blickt um sich. Sie sieht zu den rotbraunen Steinquadern hinüber, die unter hochwucherndem Strauchwerk kaum zu erkennen sind. Die Anlage neben dem Riesenrad im Spreepark war das Naturtheater im einzigen Berliner Vergnügungspark. Eigentlich wollte die Schauspielerin hier demnächst ein Theaterstück aufführen, aber es sieht so als, als gäbe es erst einmal eine andere Inszenierung. Eine, die Anfang der Woche mit einem Feuer begann und deren Ausgang völlig offen ist. Das Stück, das Liebisch auf die Naturbühne bringen wollte, handelt vom Ankommen und vom Wiederkommen und von einer Welt, in der nur die Träume leben. Das passt ganz gut zum Spreepark, der seit fast 13 Jahren geschlossen ist.

Ende August sollte die Premiere ihres Stücks sein, alle notwendigen Genehmigungen sind da. Doch jetzt steht Sabine Liebisch vor ihrem Traumort und kann es nicht fassen, dass es doch nicht klappt. Beißender Geruch zieht übers Gelände, und es sieht so aus, als hätte der jüngste Brand im Spreepark mehr zerstört als ein paar Holz- und-Kunststoff-Kulissen von „Old England“ ganz in der Nähe des Amphitheaters. Verrußte Wände, Müllhaufen, ein stinkender Graben und ein durchlöchertes altes Holzschiff mit schwerer Schlagseite – ihr romantischer Ort für eine Theateraufführung hat Schaden genommen. „Ich spüre das Flair dieses Ortes nicht mehr“, sagt Sabine Liebisch.

Kaputt, verwunschen und überwuchert ist im Spreepark alles. Überall steht mannshoch das Unkraut, Reste von Karussells glitzern mittendrin, Buden liegen zerfallen an Wegen. Es sind 20 Hektar verlorene Welt im Plänterwald. Anfang Juli lief dort die Spezial-Preview vom Film „Planet der Affen: Revolution“. Die wilde, manchmal leicht bedrohlich wirkende Kulisse passte, so etwas lieben Filmemacher.

Die Geschichte des Spreeparks selbst wäre gut geeignet für einen Thriller. Es ginge darin um Politik und Ränkespiele, um Lügen und Täuschung, um Leidenschaft und Gier nach Geld. All das findet man im Spreepark. Beginnen müsste der Film im Jahr 1981 in Hamburg. Dort hatte Norbert Witte, Spross einer Hamburger Schaustellerdynastie, ein Unglück auf einem seiner Karussells verursacht, bei dem es sieben Tote und mehr als 20 Verletzte gab. Witte wurde zu einer einjährigen Bewährungsstrafe verurteilt, auf bundesdeutschen Volksfesten bekam er keine Stellplätze mehr. Die Familie tourte fortan durch Jugoslawien und Italien. Im Wendejahr 1989 kam sie mit einigen Fahrgeschäften und Imbissbuden in den „VEB Kulturpark Berlin“ in den Plänterwald nach Treptow.

Zuckerwatte und Westmusik

Der Kulturpark war im Oktober 1969, zum 20. DDR-Jubiläum, eröffnet worden. Die Werktätigen des Arbeiter-und-Bauern-Staates, die nicht in den Prater nach Wien oder ins Tivoli nach Kopenhagen reisen konnten, sollten einen eigenen Vergnügungspark haben. Der wollte mehr sein als ein Rummel, auch Konzerte und Shows fanden hier statt. Von dem 40 Meter hohen Riesenrad, das nachts beleuchtet war, konnte man bis in den Westen sehen. Der „Kulti“, wie der Kulturpark genannt wurde, zog Menschenmassen an. Es gibt wohl kaum einen DDR-Bürger, der nicht dort war. Fast zwei Millionen Besucher hatte der Park jedes Jahr. Viele erinnern sich heute noch an den ewig langen Weg vom S-Bahnhof Plänterwald zum Park, wo es Zuckerwatte gab und eine Achterbahn, die „Wilde Maus“ hieß. Oder an den Schwarzmarkt auf dem Weg, wo man neben Bravo-Starschnitten außerdem neueste Kassetten mit Westmusik bekam.

Auch Sabine Liebisch, die damals in Dresden wohnte, hat ihre Erinnerungen an den „Kulti“: „Dort habe ich mich 1979 als 15-Jährige mit meiner Ferienlager-Liebe Frank aus Brandenburg getroffen“, sagt sie. Händchenhaltend seien sie Kettenkarussell gefahren, Autoscooter und natürlich Riesenrad. Frank kaufte ihr ein Lebkuchenherz mit der Aufschrift „Ich hab Dich lieb“. Die Sache mit Frank allerdings hatte sich bald erledigt, Sabine Liebisch wurde Schauspielerin, und ihr nächster Besuch im Plänterwald war im Jahr 1996, als der „Kulti“ schon Spreepark hieß und privatisiert war. „Dort war jetzt alles grell, laut und teuer, das hat mir nicht gefallen“, sagt sie.

Nachts verschwanden die Fahrgeschäfte. Mehr dazu im folgenden Abschnitt:

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