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Nazi-Parolen in Berlin-Friedrichshain: Restaurant-Besitzer unter Verdacht

Hussein Badiny in seinem beschmierten Restaurant

Hussein Badiny in seinem beschmierten Restaurant

Foto:

BLZ/Christian Schulz

Als Hussein Badiny am Mittwochvormittag in sein Auto einsteigen wollte, um zur Post zu fahren, standen plötzlich zwei Polizisten vor ihm. Sie forderten ihn auf mitzukommen, es gebe einen Durchsuchungsbefehl für sein Auto, seine Wohnung, seinen Keller. Er stehe im Verdacht, eine Straftat vorgetäuscht zu haben.

Bis vor zwei Wochen war Hussein Badiny, 43, Vater von vier Kindern, Besitzer des italienischen Restaurants Costallino in der Friedrichshainer Palisadenstraße. Er hatte erst im Oktober eröffnet, das Restaurant sollte nach vielen Jahren als Kellner etwas Eigenes sein. Er hatte sich für das Restaurant verschuldet, viel Geld in eine neue Einrichtung gesteckt und komplett renoviert. Am 27.?Mai, als er morgens aufschließen wollte, fand er alles zerstört: die Polstermöbel zerfetzt, die Tische zerkratzt, an den Wänden rechte Parolen. So erzählt es Badiny.

Die Polizei untersuchte den Tatort an jenem Tag. Danach passierte erst mal nichts. Man ermittle in alle Richtungen, hieß es. Jetzt steht fest: Ermittelt wird vor allem gegen Hussein Badiny. Was genau gegen ihn vorliegt, habe er nicht erfahren, sagt er. Auf Anfrage der Berliner Zeitung bestätigten Sprecher von Polizei und Staatsanwaltschaft die Ermittlungen, gaben aber keine Auskunft über Details.

Kann es sein, dass ein Mensch sich erst über Monate eine neue Existenz aufbaut und dann alles eigenhändig wieder zerstört? Dass er als deutscher Staatsbürger mit ägyptischen Wurzeln „Heil Hitler“ und „Ausländer raus“ an die eigenen Wände sprüht, um den Anschein zu erwecken, Neonazis hätten die Tat begangen?

In der Vergangenheit hat es solche Fälle in Berlin und Brandenburg gegeben: Vor acht Jahren behauptete der Italiener Gianni C., dass er von Rechten misshandelt und ins Gleisbett am S-Bahnhof Alexanderplatz geschubst worden sei. Später stellte sich heraus, dass Gianni C. betrunken von alleine auf die Gleise gestürzt war. Überwachungskameras hatten den Sturz gefilmt. Im gleichen Jahr behauptete der Deutsch-Äthiopier Erymas M. an einer Bushaltestelle in Potsdam von Rechten ins Koma geprügelt worden zu sein. Die Polizei nahm zwei Männer fest. Später wurden sie freigesprochen.

Am Mittwoch durchsuchten vier Beamte zwei Stunden lang Badinys Wohnung, während seine Frau mit der fünfjährigen Tochter und dem einjährigen Baby dabei- stand. Am Ende nahmen sie beide Laptops der Familie mit. Badiny wurde später auf dem Abschnitt vernommen. Man habe ihn vor allem nach dem Verhältnis zu seinem Vermieter befragt, sagt er.

Suche nach Anhaltspunkten

Eine der ersten, die Badiny anrief, war Rechtsanwältin Canan Bayram, die für die Friedrichshainer Grünen im Abgeordnetenhaus sitzt und Badiny bereits im Restaurant besucht hat. Als sich eine Gruppe engagierter Bürger zusammentat, um ein Straßenfest gegen Rechts vor dem Costallino zu veranstalten, half sie bei der Organisation. 200 Besucher kamen vorigen Sonnabend zu dem Fest.

„Ich sehe derzeit keine Anhaltspunkte für den Verdacht gegen Badiny“, sagt Bayram. „Es gilt zunächst die Unschuldsvermutung.“

Den Vormittag hat Bayram im Verfassungsschutzausschuss verbracht. Sie fragte dort den Staatssekretär Bernd Krömer, der Innensenator Frank Henkel (beide CDU) vertrat, nach den Ermittlungen im Fall Badiny. Es werde nach wie vor in alle Richtungen ermittelt, lautete die Antwort. Mehr erfuhr auch Bayram nicht.

Sie riet Badiny, sich schnellstens einen Anwalt zu nehmen. „Menschen haben einen Anspruch auf eine ordentliche polizeiliche Dienstleistung“, sagt Bayram, „dazu gehört, dass sie nicht ohne triftigen Grund selbst in den Fokus der Ermittlungen geraten, wenn sie Opfer geworden sind.“ Bayram erinnert der Fall stark an die vielen Jahre, in denen die Polizei die Opfer der NSU zu Verdächtigen machte. „Badiny droht, durch staatliches Handeln ein weiteres Mal Opfer zu werden.“

Am Nachmittag ist Badiny fassungslos, er wundert sich: Warum zum Beispiel untersuchte die Polizei erst am Dienstag, zwei Wochen nach der Tat, das aufgebrochene Türschloss des Restaurants? Und warum steht im Polizeiprotokoll, dass er alleine im Restaurant war, als er die Zerstörung entdeckte, obwohl sein Koch ebenfalls da war? Er habe das Gefühl, sagt er, die Polizei arbeite nicht sauber. „Sie verschwendet ihre Zeit mit mir, statt die Täter zu finden. Die nehmen das nicht ernst.“ Er hofft, dass sich alles schnell klärt, ohne Anwalt. Eigentlich will er ein neues Restaurant eröffnen, das Costallino hat er zugemacht. Sollte sich der Verdacht gegen ihn erhärten, drohen ihm bis zu drei Jahre Haft.