blz_logo12,9

Nazi-Songs im Film „Kriegerin“: Distanzierung im Abspann

Gewalt ist ein oft wiederkehrendes Stilmittel in „Kriegerin“. Hier ist Rasul (Sayed Ahmad) zum Opfer geworden.

Gewalt ist ein oft wiederkehrendes Stilmittel in „Kriegerin“. Hier ist Rasul (Sayed Ahmad) zum Opfer geworden.

Foto:

dapd

Berlin -

Krass ist der Ausdruck, den Johannes Repka immer wieder wählt, wenn er seinen musikalischen Ausflug beschreibt. Der 33-jährige Jazzgitarrist aus Berlin hat eine Reihe hasserfüllter Nazisongs kreiert, und zwar für den Kinofilm „Kriegerin“. Das Werk über eine rechtsradikale Zwanzigjährige in einer ostdeutschen Kleinstadt sorgte bereits auf Festivals für Furore und kommt am Donnerstag in die Kinos. Wenn Marisa und ihre Clique Ausländer und Andersaussehende verprügeln, wenn sie wüste Sauforgien feiern oder sich beim Autofahren mit „Hate-Core“ in Stimmung bringen, ist dazu Musik von Repka zu hören.

Von Beginn an war sich der Musiker mit Regisseur David Wnendt einig darin gewesen, nicht die Stücke echter Nazibands einzusetzen – weder wollten sie diese aufwerten, noch ihnen Urheberrechte bezahlen. Doch um die Szene authentisch darstellen zu können, recherchierten sie vor den Dreharbeiten intensiv. Dabei wurde Repka gleich mehrfach überrascht: Zum einen davon, wie leicht jeder über das Internet rechtsradikale Musik finden kann: Auf Youtube sind alle einschlägigen Bands zu erleben. Zum anderen aber von der Bandbreite, die von rechtem Techno bis zum braunen Liedermacher reicht.

Die Texte machen den Unterschied

Beim Komponieren des Soundtracks fühlte sich Repka zum ersten Mal wie die Schauspieler, die sich in Figuren hineinversetzen müssen, die ganz weit weg von einem selbst sind. Damit die Stücke möglichst roh klangen, half es ihm, sich an seine musikalischen Anfänge zu erinnern, als er im Alter von 14, 15 mit Schulfreunden eine Band gründete und Metallica-Platten hörte. Zusammen mit dem Regisseur mietete er einen Probenraum, um zu improvisieren und an den Texten zu arbeiten. Das Gros der braunen Zeilen, die sogar den „Holocaust Reloaded“ fordern, erfanden schließlich die beiden Sänger, die Repka bei (linken) Oi-Punk-Bands gefunden hatte.

Kein Musikstil sei ja automatisch rechts, findet Repka, den Unterschied machten die Texte. Vor allem der Song „Krawalle und Randale“ schafft es dank seiner brachialen Energie tatsächlich, den Zuschauer mitzunehmen. Um jede Irritation zu vermeiden, distanzieren sich alle Musiker im Abspann von den rechtsradikalen, volksverhetzenden und gewaltverherrlichenden Inhalten. Johannes Repka hatte sich in seinem Vertrag festschreiben lassen, dass seine Stücke nicht ohne die Filmbilder gezeigt werden dürfen – auf den Extra-Soundtrack zum Film verzichtete er.

Mag die „Kriegerin“ sein bisher auffälligstes Filmmusik-Projekt sein – seine Fähigkeiten hatte Johannes Repka schon vorher bewiesen. Im November wurde ihm in München der Franz-Gothe-Preis überreicht, der alle zwei Jahre für ein Filmmusik-Talent vergeben wird. Ihn selbst reizt vor allem die Offenheit an dieser Arbeit: „Ich bin gespannt, wohin die Reise noch so geht.“

Prägnante Motive

Johannes Repka stammt aus einer Familie, die sehr musisch geprägt ist. Sein Vater ist der slowakische Dichter Peter Repka, der in den 70-ern nach Hessen gekommen war. Johannes interessierte sich nach seiner Metallica-Phase für Jazz und Neue Musik, studierte in Mannheim Gitarre und Komposition. Sein Abschlusswerk „Metanoia“ führte er mit einem fast 50-köpfigen Orchester auf. Trotz bester Referenzen studierte er nach seinem Umzug nach Berlin-Friedrichshain, wo er seit 2004 wohnt, noch Filmmusik in Babelsberg, wo er die Werke vieler Kommilitonen vertonte und so auch Regisseur David Wnendt traf.





Sein älterer Bruder Martin war schon vor ihm beim Film gelandet – als Regisseur. Martins erster Spielfilm „Die Rückkehr der Störche“ wurde von der Slowakei für den Oscar vorgeschlagen, mit der elegischen Musik von Johannes.

Auch für die „Kriegerin“ hat Repka nicht nur Nazi-Songs komponiert, sondern auch ein sehr prägnantes, immer wiederkehrendes Motiv erfunden, das sich dank seiner Melancholie stark einprägt. Hier hat der Musiker eine Form gefunden, um die Sprachlosigkeit, ja Ausweglosigkeit der Filmheldin Marisa zu charakterisieren. Und wie er dieses Thema im Abspann immer weiter ausweitet und verzerrt – das könnte kein klampfender Nazi!