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Neue Anlaufstelle für Gewaltopfer in Berlin: Wenn die Angst vor der Anzeige zu groß ist

Nach einer Studie aus dem Jahr 2012 hat jede vierte Frau in Deutschland sexuelle oder körperliche Gewalt durch ihren (Ex-)Partner oder einen nahen Vertrauten erlebt.

Nach einer Studie aus dem Jahr 2012 hat jede vierte Frau in Deutschland sexuelle oder körperliche Gewalt durch ihren (Ex-)Partner oder einen nahen Vertrauten erlebt.

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dpa

Berlin unternimmt einen ersten Schritt, um Opfer von häuslicher oder sexueller Gewalt besser zu unterstützen. An der Charité wurde eine Gewaltschutzambulanz eröffnet, in der Betroffene nach Vorlage eines Personalausweises kostenfrei erlittene Verletzungen rechtsmedizinisch dokumentieren lassen können. Der Senat unterstützt die Anlaufstelle mit 150.000 Euro jährlich.

Bislang hatten Opfer nur die Möglichkeit, in eine Rettungsstelle oder zum niedergelassenen Arzt zu gehen. Dort steht jedoch die Medizin im Vordergrund – nicht die Beweismittelsicherung. So können Hämatome auf Gewalteinwirkungen hindeuten, die in der Notaufnahme leicht übersehen werden.

„Mit unseren Methoden können wir auch an lebenden Menschen Gutachten erstellen“, sagte Michael Tsokos, Chef der Rechtsmedizin der Charité und Ärztlicher Leiter der Ambulanz. Während andere Städte bereits seit Jahren solche Einrichtungen betreiben, sei Berlin in dieser Hinsicht „ein unbestelltes Feld gewesen.“ Die Gewaltopfer, die in die Ambulanz kommen, müssen keine Anzeige stellen. Wenn sie aber später die Polizei einschalten, können sie auf ihre Akte in einem Strafrechts- oder Familiengerichtsverfahren zurückgreifen.

Keine Speicherung von DNA-Proben

Dies sei etwa bei Frauen der Fall, die immer wieder von ihren Männern geschlagen werden und sich erst nach Jahren zu einer Anzeige durchringen. „Ich hoffe, dass es uns so gelingt, vor allem das Tabuthema häusliche Gewalt ein Stück weit aus dem Dunkelfeld herauszuzerren“, sagte Justizsenator Thomas Heilmann (CDU). 2013 gab es 14.240 Ermittlungsverfahren wegen häuslicher Gewalt, 2012 wurden 499 Anzeigen wegen Misshandlung schutzbefohlener Kinder gestellt.

Seit rund einem Monat ist die Anlaufstelle in Betrieb. Viele Frauen seien unter den Klienten, aber auch Kinder, die unter Obhut des Jugendamtes stehen, berichtete die stellvertretende Leiterin, Saskia Etzold. Sie werden durch die Polizei, den Weißen Ring oder die Berliner Initiative gegen Gewalt an Frauen vermittelt. In der Ambulanz gibt es keine medizinische Versorgung. Sie ist ein Ein-Frauen-Betrieb, nur die Stelle von Etzold wird finanziert. Von Montag bis Freitag werden Termine vergeben. „Wir müssten aber rund um die Uhr tätig sein. Die meisten Vorfälle ereignen sich nachts oder am Wochenende“, sagte sie.

Um einen 24-Stunden-Betrieb zu gewährleisten, entstehen nach Angaben des Ärztlichen Direktors der Charité, Ulrich Frei, rund eine Million Euro Personalkosten jährlich. Die Charité will die Ambulanz, die zurzeit in Moabit ihren Sitz hat, in den nächsten beiden Jahren ausbauen und am Virchow-Klinikum in Wedding ansiedeln. Das würde zudem Baukosten von rund zwei Millionen Euro erfordern. Heilmann sagte zu, dies in den nächsten Haushaltsberatungen zu behandeln.

In der Gewaltschutzambulanz werden nur körperliche Verletzungen erfasst. Für die Spurensicherung von DNA-Proben nach Vergewaltigungen sind weiterhin die Rettungsstellen zuständig. Nach wie vor ist es nicht möglich, DNA-Spuren anonym zu sichern, was unter anderem in Hamburg oder München angeboten wird.

Dazu fehlt Berlin mit nur einer polizeilichen Asservatenkammer der Platz für die Aufbewahrung von Proben. „Das Projekt muss langfristig ausfinanziert sein, um die Proben zu verwalten“, erklärte Tsokos. Heilmann sagte, er wolle eine wissenschaftliche Auswertung der Modellversuche in anderen Städten abwarten. „Anonyme Spurensicherung hat den Vorteil, dass das Angebot noch niedrigschwelliger ist. Aber je länger das Opfer mit einer Anzeige wartet, desto unwahrscheinlicher ist es, dass der Täter verurteilt wird.“

Die Piraten fordern eine anonyme DNA-Sicherung. Sie hatten im Parlament 750.000 Euro jährlich für die Gewaltschutzambulanz beantragt. „Ich freue mich, dass das Projekt jetzt wenigstens einen Fuß in der Tür hat“, sagte ihr gesundheitspolitischer Sprecher Christopher Lauer.

Mehr Infos im Netz unter: gewaltschutz-ambulanz.charite.de



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