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Neues Quartier am Hauptbahnhof: Wie die Europacity Berlin verändert

Auch die Straßen und Plätze – vergleichbar vielleicht mit Nervensträngen und Gehirn – funktionieren schon, wenn auch nicht reibungslos. Jedenfalls fährt jetzt endlich die Straßenbahn durch die Invalidenstraße, und die Stummel-U-Bahn zum Brandenburger Tor wird bei Touristen immer beliebter.

Die Europacity war noch vor ein paar Jahren ein totes Terrain – außer dem Glaspalast, dem größten Kreuzungsbahnhof Europas, gab es dort nichts. Nur eine elend große Leere, eine Sandwüste, über die der Wind hinwegfegte. Doch inzwischen haben viele Unternehmen die einzigartige Lage mit dem Kanzleramt als Nachbarn erkannt und füllen die Leere aus.

Steigenberger hat sein Nobelhotel am Washingtonplatz eröffnet und verdeckt nun das architektonisch missratene Meininger. In das Kennedy-Haus nebenan ziehen 2015 die Immobiliendienstleister von Jones Lang LaSalle und die Anwälte von White & Case LLP ein. Auch die Wirtschaftsprüfer von PricewaterhouseCoopers werden ihre Zentrale am Humboldthafen eröffnen.

Ein typisches Bahnhofsviertel mit Bordellen, Spielhallen und Automatencasinos wird mit der Europacity aber keineswegs entstehen. Dazu sind die Bodenpreise viel zu teuer, in einigen Bürokomplexen werden zudem mit 22 Euro pro Quadratmeter bereits Spitzenmieten in Berlin erzielt. Zwar gibt es nördlich des Bahnhofs ein paar Billigimbisse mit Döner und Chinapfanne.

Gleich daneben aber will Ariel Schiff an der Invalidenstraße mit seinem Amano-Hotel und vor allem mit einer exklusiven Bar im 6. Geschoss samt riesiger Dachterrasse einen anderen Takt vorgeben. Schon einmal zum „Bar-Team des Jahres“ gekürt, sollen künftig Geschäftsreisende, Modeleute, Manager und Berliner im Amano auf Sofas sitzen und durch eine Glasbrüstung auf den Humboldthafen und den Reichstag sehen können. „Wir sind hier an der Schnittstelle von Ost und West“, sagt Schiff. Er glaube an den Standort Europacity, der sich losgelöst vom Hauptbahnhof entwickele. „Je mehr Büros entstehen, desto besser ist es.“

Tatsächlich entstehen entlang der Heidestraße derzeit vor allem Konzernzentralen. Vorerst ist nur der 69 Meter hohe Tower von Ölgigant Total Deutschland fertig. Der Bauboom geht jetzt aber weiter, immer mehr Baukräne drehen sich in der Umgebung. 50Hertz etwa, das Unternehmen betreibt Hochspannungsnetze, errichtet seit November seine neue Unternehmenszentrale.

Und der österreichische Immobilienkonzern CA Immo, dem große Teile des 40 Hektar großen Areals gehören, hat kürzlich für 2015 angekündigt, neben dem Total-Tower mit dem Bau von zwei weiteren Bürohäusern für fast 100 Millionen Euro zu beginnen.

Die Architekten haben jedoch nicht die Freiheit, sich in dieser Leere wie auf einer Spielwiese auszutoben, an diesem neuen Ort zu experimentieren. Zu streng ist das Raster, das der Masterplan des Landes für die Europacity vorgibt. Manche Häuser wirken daher nur als profane Klötzchenarchitektur und sind auswechselbar. Oder folgen mit monotonen Fassaden und schießschartengleichen Fenstern der aktuellen Mode.

Die Heidestraße selbst wird vom Senat auf 38 Meter verbreitert und zum Boulevard ausgebaut. Eine Hälfte, die Fahrbahn Richtung Norden nach Moabit, ist fertig und soll im Februar freigegeben werden. Zehn Millionen Euro kostet das Projekt, 2,3 Millionen davon steuert CA Immo bei. Allein die Gehwege sind sieben Meter breit, drei Baumreihen werden gepflanzt. In den Häusern am Boulevard soll es Cafés, Restaurants und Boutiquen geben, so wünscht es sich das Land.

Noch gehört aber viel Fantasie dazu, sich auf der Brachfläche statt der Sandberge ein neues Wohnviertel vorzustellen mit Uferpromenaden am Berlin-Spandauer Schifffahrtskanal und einem großen Stadtplatz, auf dem einmal Kinder toben und Familien spazieren gehen. Für die ersten 500 von 1 400 geplanten Wohnungen in dem Quartier will CA Immo demnächst den Baustart feiern.

Dazu wurde jetzt mit dem Senat ein städtebaulicher Vertrag unterzeichnet. Die Investoren beteiligen sich unter anderem mit acht Millionen Euro an einem Schulneubau und errichten für vier Millionen Euro zwei bis drei Kitas. Damit ist der Grundstock gelegt – die Europacity hat das Zeug, einmal zum Herzen der Stadt zu werden.


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