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Neugestaltung des U-Bahnhofs Hermannstraße: Mit Raubtieren gegen Graffiti-Sprayer

Berlin ist ein Dschungel. Exoten beleben den U-Bahnhof Hermannstraße.

Berlin ist ein Dschungel. Exoten beleben den U-Bahnhof Hermannstraße.

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Berliner Zeiutng/Gerd Engelsmann

Ein Kragenfaultier lugt aus tropischem Grün auf den Bahnsteig, ein bengalischer Plumplori, der zur Familie der Feuchtnasenaffen gehört, schaut die Fahrgäste mit großen Augen an, ein Baumkänguru und ein Rüsselhündchen leisten ihnen Gesellschaft.

Im U-Bahnhof Hermannstraße, der Neuköllner Endstation der U 8, hat das Wort Großstadtdschungel eine neue Bedeutung bekommen. Mehr als 80 bedrohte Tierarten, die der Berliner Illustrator Felix Scholz porträtiert hat, bevölkern Fliesen und Wände. Die ungewöhnliche Neugestaltung ist ein weiterer Versuch der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG), sich gegen Graffititäter zu wehren. Am 20. Oktober soll alles fertig sein.

Dass sich im U-Bahnhof Hermannstraße so viele Exoten auf spanischen Feinsteinzeugfliesen tummeln, hat einen Grund: Auf gemusterten Flächen toben sich Vandalen ungern aus. Warum gerade Urwaldmotive Kritzeler und Sprayer abschrecken, weiß Uwe Kutscher auch nicht. Doch dass sie diese Wirkung haben, ist für den BVG-Mann erwiesen. „Vor fünf Jahren haben wir im U-Bahnhof Bismarckstraße eine Wand mit solchen Motiven versehen, seitdem wurde sie nicht mehr beschmiert“, freut sich der Bauingenieur. Seit 1985 ist er bei der BVG, seit 15 Jahren leitet er die Bauabteilung der U-Bahn. Man merkt ihm an, dass er gern Neues ausprobiert.

Bald wieder Fünf-Minuten-Takt

Der 52-Jährige Berliner weiß, welche Verantwortung er hat: Er ist für die Bauten eines Verkehrssystems verantwortlich, das für viele Menschen zum alltäglichen Umfeld gehört – im vergangenen Jahr wurde Berlins U-Bahn für 510 Millionen Fahrten genutzt. Viel Geld stehe nicht zur Verfügung, aber hässlich soll das Umfeld nicht sein, sagt er.

Der U-Bahnhof Hermannstraße, macht Kutscher bei einem Rundgang mit BVG-Chefin Sigrid Evelyn Nikutta klar, widersprach bis vor einigen Monaten dieser Maxime. Vom Senat geplant, hatte die Station viele dunkle Winkel und schwer einsehbare Ecken. Obwohl erst 1996 eröffnet, hatten sich im Verborgenen schwere Baumängel entwickelt. „Einen merkten wir erst, als wir die Decke öffneten“, sagte Kutscher. „Die Konstruktion der Abhängung hätte die nächsten fünf Jahre nicht mehr durchgehalten.“ Sie wurde ersatzlos entfernt.

Das ließ die Kosten auf anderthalb Millionen Euro steigen und kostete weitere Zeit, weshalb sich die Bahnhofssanierung länger hinzieht. Die Folge ist, dass derzeit nur ein eingleisiger Betrieb möglich ist und die U 8 südlich der Boddinstraße lediglich alle zehn Minuten fahren kann. Doch ein Ende der Arbeiten ist in Sicht. Ab 20. Oktober gilt wieder der Fünf-Minuten-Takt.

Weniger Vandalismusschäden

Geschmolzenes Glas auf Stahl, Emaille genannt, das ist ein anderes Mittel, das Kutscher ausprobiert hat, um Graffiti-Täter mit Erfolg abzuschrecken. Das zeigen die vor Jahren sanierten Bahnhöfe der U 5, und es wird sich auch im U-Bahnhof Hermannstraße bewähren, hofft der Ingenieur. Rechteckige Platten, deren Grüntöne mit den Dschungelmotiven korrespondieren, schmücken die Wände hinter den Gleisen.

„Emaille ist sehr robust und lässt sich leicht reinigen“, sagt der Bau-Chef. Die Strategie zahlt sich aus. Von 2008 bis 2013 sanken die Vandalismusschäden bei der BVG von 9,7 Millionen auf 4 Millionen Euro pro Jahr. Auch neue Technik trug dazu bei. Wärmebildkameras fangen an zu filmen, wenn Sprayer in Tunnel laufen. Auf den Bahnhöfen verschaffen Fischaugenobjektive einen Rundumblick. Weil die Aufnahmen so gut sind, konnten Graffiti-Täter, die nachts im U-Bahnhof Leinestraße Wände beschmiert hatten, vor kurzem gefasst werden.

Architektur hat Kutscher nicht studiert. Doch seine Ambitionen sind unverkennbar, er gestaltet gern. Die Anwohner des Mehringplatzes, die sich über die BVG-Baustelle vor ihren Balkonen aufregten, besänftigte er mit einer bunten LED-Beleuchtung der dortigen Friedenssäule. Als die Sanierung des U-Bahnhofs Mehringdamm anstand, dachte er lange nach. Mintgrün? Hässlich. Napoleon-Motive in Anlehnung an den früheren Bahnhofsnamen Belle-Alliance-Straße? Kapiert keiner. Die Idee kam ihm im Gäste-WC seiner Wohnung: Fliesen mit einem ähnlichen graubraunen Farbton sollten im Bahnhof an die Wände. Und so kam es auch.