08.12.2011

Neukölln: Ein Ort mit Geist

Von Lucas Negroni
        

Unterhaltung für Erwachsene in uriger Atmosphäre: Gäste auf der Tanzfläche des Loftus Hall.
Unterhaltung für Erwachsene in uriger Atmosphäre: Gäste auf der Tanzfläche des Loftus Hall.
Foto: Benjamin Pritzkuleit
Berlin –  

In der früheren Kantine einer Neuköllner Spielautomatenfabrik hat ein neuer Club aufgemacht, bei dem sich nicht nur hinter dem Namen eine eigenartige Geschichte verbirgt.

Loftus Hall ist ein düsterer Ort. Am südöstlichen Zipfel Irlands, vor der rauen Brandung des Meeres steht er seit Hunderten von Jahren, dieser altehrwürdige, quadratische Kasten, ein Herrenhaus, um das sich die wildesten Mythen ranken: Eine junge Frau, erzählt man sich, sei dort vom Teufel in den Wahnsinn getrieben worden. Durch das Dach sei der Teufel verschwunden und habe dabei ein Loch in die Decke gerissen, das man bis heute nicht stopfen könne.

Dara Drea O’Neill, ein drahtiger Ire Ende zwanzig sagt, er habe dieses Loch schon mit eigenen Augen gesehen. Er kennt diesen Ort gut, denn er ist in der nahe gelegenen Stadt Waterford aufgewachsen. Nach einem durchfeierten Sommer in Berlin wanderte er mit zwei Freunden aus der Schulzeit, Patrick Reddy und Peter Power, nach Deutschland aus. Im Januar 2010 eröffneten sie den Club Kleine Reise am Spreewaldplatz in Kreuzberg. Im Juli diesen Jahres musste er wegen Anwohnerklagen schließen.

Loftus Hall

Bildergalerie ( 10 Bilder )

Vor ein paar Wochen haben sie einen neuen Club eröffnet. Ausgerechnet den Namen Loftus Hall haben sie ihm gegeben. Zwar glaube O’Neill keineswegs an Geister, erzählt er. Dennoch habe ihn die Atmosphäre dieses Ortes beeindruckt. Irgendwie gäbe es eine Parallele zwischen dem echten Loftus Hall in Irland und dem Berliner Club, der früher die Kantine einer Neuköllner Spielautomatenfabrik war. Im Hauptflügel des Gebäudes entstehen übrigens weiterhin Flipper und andere Daddelgeräte.

Wie Omas Wohnung

Dunkelbraune, holzvertäfelte Wände, Vorhänge aus schwerem roten Stoff, schummerige Beleuchtung – in den Ecken Gestecke aus Plastikblumen. „Es fühlt sich hier so an, als betrete man die Wohnung einer verstorbenen Großmutter“, sagt O’Neill. Als müsse er unbedingt etwaige übersinnliche Kräfte bemühen. Größtenteils haben er und seine mittlerweile vier Kompagnons diesen Ort so belassen, wie sie ihn vorgefunden haben.

Die Kasse hinter einem der Bartresen sieht aus wie eine historische Schreibmaschine, die riesigen Kühlschränke mit den schweren Metallbeschlägen wirken wie aus einer längst vergessenen Zeit, und an der Wand hängt ein goldener Teller mit der Gravur: „Zum 60. Geburtstag, unserem Gerhard“, das Datum ist der 21. 11. 1970. „Allein der Geruch an diesem Ort ist etwas Besonderes“, sagt O’Neill.

Dara Drea O'Neill aus Irland hat mit Freunden den  Loftus Hall  in einer ehemaligen Kantine einer Spielautomatenfabrik in Neukölln eröffnet.
Dara Drea O'Neill aus Irland hat mit Freunden den Loftus Hall in einer ehemaligen Kantine einer Spielautomatenfabrik in Neukölln eröffnet.
Foto: Benjamin Pritzkuleit

Als er zusammen mit seinen Freunden die Räume vor Monaten besichtigte, entdeckten sie einen Stapel Fotos. Die Bilder zeigen rund 60 Jahre des Lebens, das die vorige Pächterin hier geführt hat. Angefangen hatte sie als junge, hübsche Frau. Bis zu dem Zeitpunkt, als ihr Ehemann starb und in diese Räume eingebrochen wurde, bewirtete sie hier Hochzeitsgesellschaften und die Angestellten der Spielautomatenfabrik. Nach dem Einbruch hatte sie sich hier nicht mehr sicher gefühlt und überließ die Räume O’Neill und seinen Kollegen. „Jetzt schreiben wir die Geschichte dieses Ortes fort“, sagt er.

Samstagnacht um weit nach Mitternacht füllen sich die drei Räume des weitläufigen Clubs nur langsam mit vorwiegend studentischem Publikum. Kaum jemand in dieser Nacht scheint Wert auf einen extravaganten Auftritt zu legen. Die meisten Gäste sind schlicht und unauffällig gekleidet, vorwiegend in dunklen Farbtönen.

Im Nebenraum, wo vor einer Bar einige Tische mit Stühlen aufgebaut sind, sitzen sie in kleinen Grüppchen und unterhalten sich, meist auf Englisch. Währenddessen spielt der DJ auf dem noch leeren Dancefloor eine für Berliner Clubs untypische Auswahl. Auf „Barbara Ann“ von den Beach Boys folgt „Ms. Jackson“ von Outkast und ein Remix von Snoop Dogg’s „Ain’t No Fun“.

Bloß kein Musik-Snobismus

Das gehöre zum Konzept des Clubs, sagt O’Neill. Er wolle keinen Musik-Snobismus betreiben und all denjenigen einen Ort bieten, die keine Lust auf die immerselben coolen, düsteren und anonymen Läden hätten. Es gehe darum, sich in freundlicher Atmosphäre zu unterhalten und ungezwungen Spaß zu haben.

Der Beweis dafür, dass O’Neill es ernst mit diesem Konzept meint, folgt wenige Augenblicke später an der Bar. Mit den Worten „weil du so lange warten musstest“ kassiert der Barkeeper den Gin Tonic für nur 4 anstatt 5 Euro. Das Glas Whiskey gibt es heute für alle Gäste noch kostenlos dazu.

Eine Stunde später hat sich die Atmosphäre im Loftus Hall geändert: Auf dem Dancefloor ist es nun dicht gedrängt voller Tanzender. Ewan Pearson legt trockenen House auf, einige Gäste laufen mit aufgeknöpften, verschwitzten Hemden herum oder haben gleich ganz nackte Oberkörper. O'Neill hat sich mittlerweile unter die Feiernden gemischt und lehnt mit einem Bier in der Hand am Tresen.

Natürlich mache er sich manchmal Gedanken darüber, ob es damals die richtige Entscheidung gewesen ist, nach Berlin auszuwandern und hier einen Club aufzumachen – „ich stelle mir diese Frage jeden Tag“, sagt er. „Aber jedes Mal wenn ich verreise und dann wieder nach Berlin zurückkomme, begreife ich, wie verdammt gut diese Stadt ist.“

Loftus Hall, Maybachufer 48, Neukölln.

Die nächste Party findet am Freitag, 9. Dezember statt, mit den DJs: Morgan Geist, Marc Schneider, Derek Plaslaiko, The House Of Disco. Vor 24 Uhr kein Eintritt, danach zwischen 5 und 8 Euro.

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