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Neukölln: Gebetet wird später

Große Packungen für große Familien: Am Samstag laden Meryem Eroglu (Foto) und Fatima Ibrahim zum letzten Neukölln-Rundgang in diesem Jahr.

Große Packungen für große Familien: Am Samstag laden Meryem Eroglu (Foto) und Fatima Ibrahim zum letzten Neukölln-Rundgang in diesem Jahr.

Foto:

Markus Wächter

Berlin -

Der Eurogida-Supermarkt an der Karl-Marx-Straße gleich beim S-Bahnhof Neukölln ist riesig und meist drängelig voll. Fatima Ibrahim und Meryem Eroglu macht das gar nichts. Völlig entspannt stehen die jungen Frauen vor dem Regal mit dem eingelegten Gemüse, dicht umringt von fast 20 Frauen und Männern, die einigen Kunden mit ihren Einkaufswagen im Weg stehen.

Die meisten in dieser eigentümlichen Gruppe sind deutsche Touristen wie das ältere Paar vom Bodensee oder Mutter und Tochter aus Oldenburg. Auch Berliner sind dabei. Fatima Ibrahim und Meryem Eroglu zeigen ihnen Neukölln. Sie zeigen es bei einer Stadtführung aus Sicht von hier lebenden Migranten.

Das Gemüse – Auberginen, Bohnen, gefüllte Weinblätter und vieles mehr – wird in mächtigen, durchsichtigen Plastikbehältern angeboten. Ziemlich groß aus der Perspektive einer deutschen Kleinfamilie. „Das stellt man bei uns abends auf den Tisch, wenn die Familie zusammensitzt oder Besuch kommt“, sagt Fatima.

Die Packungen seien generell groß in diesem Supermarkt, weil die Familien, die hier einkaufen, groß sind. Sehr wichtig für die Kundschaft sei auch das blaue Siegel, draußen, an der Lichtwerbung des Marktes. Dort steht das Wort Helal. Es bedeutet so viel wie erlaubt und gibt die Sicherheit, dass alle Nahrungsmittel nach islamischen Regeln verarbeitet sind. Kein Schweinefleisch etwa. Und keine Gelatine in den Gummibärchen.

Fatima und Meryem sind gebürtige Berlinerinnen. Sie sind Schulfreundinnen, beide 20 Jahre alt, sie haben gerade Abitur gemacht. Fatimas Familie stammt aus dem Libanon, Meryems aus der Türkei. Schon seit fünf Jahren führen die beiden für den gemeinnützigen Verein Kulturbewegt Gruppen durch ihren Heimatkiez rund um den Richardplatz. Sie machen das gern. Sie fühlen sich wohl hier, anders als etwa in Spandau oder Marzahn.

Wenn sie davon erzählen, dass in Neukölln 163 Nationalitäten miteinander leben, hört sich das ein wenig stolz an. Berichte, in denen ihr Bezirk nur im Zusammenhang mit Kriminalität, Drogen und Gewalt vorkommt, ärgern sie. Auch auf ihren Bürgermeister Heinz Buschkowsky von der SPD sind sie nicht besonders gut zu sprechen.

Billiger als Karstadt

Wie an diesem Samstag sind die Zuhörer meist überaus aufmerksam und wissbegierig. „Wir werden oft Privates gefragt“, sagt Fatima. Damit hat sie kein Problem. Sie erzählt, dass sie mit ihren Eltern nach wie vor Arabisch redet, mit den fünf Geschwistern Deutsch. „Aber meine Mama versteht alles!“ Sie traue sich nur nicht, Deutsch zu reden. Deswegen ist Fatima, die seit dem Sommer die deutsche Staatsbürgerschaft besitzt, bei allen Behördengängen dabei. Aber die Mutter nehme jetzt an einem Integrationskurs teil, sagt sie.

Hinter der Tordurchfahrt in der Schöneweider Straße 11 befand sich früher eine Knopffabrik. Jetzt ist dort der Sitz der türkischen Gazi Osman Pasa Moschee, von außen kaum zu erkennen. GOP steht in großen, blauen Lettern über der Eingangstür im Hinterhof. Nachdem alle ihre Schuhe ausgezogen haben, führen die Frauen ihre Begleiter in den Gebetsraum der Männer im ersten Stock.

Er ist mit rot gemustertem, weichem Teppich ausgelegt, die Wände mit orientalischen Mustern gefliest. Während die Stadtführerinnen der in einer Ecke auf dem Boden sitzenden Gruppe noch die Rituale erklären, setzt der Gebetsgesang ein. Etwa 30 Männer stehen auf und beginnen zu beten. Sie verbeugen sich, gehen auf die Knie, berühren mit der Stirn den Boden und wiederholen diesen Ablauf immer wieder. Eine Weile erzählt Meryem noch weiter. Ob das die Betenden nicht stört? Nein, sagt sie.

Jeder könne die auf Arabisch rezitierten Gebete auswendig. Als sie ihre Ausführungen wegen der zunehmenden Lautstärke doch unterbricht, ruft sie auf ihrem Handy E-Mails ab. Wie alle gläubigen Muslime betet auch Meryem fünfmal am Tag. Und wenn man es mal nicht zur rechten Zeit schaffe, sagt sie, könne man ein Gebet auch nachholen. Beide Frauen tragen ein eng gebundenes Kopftuch. Für sie sei das kein Zwang, sagt Meryem. „Wir fühlen uns einfach wohler so.“

„Achten Sie auf die Preise“, ruft Fatima, als die Gruppe wieder die Karl-Marx-Straße erreicht. Hier gibt es fast nur Läden wie „Tam Tam, Ankauf – Verkauf“, „Handy King“ oder „Jasmin Kinder- und Jugendmoden“. Auf dicht gefüllten Kleiderständern gibt es Jeans für zehn Euro. „Das ist billiger als Karstadt“, betont sie. Das sei für große Familien wichtig. Als sich die Gruppe nach zwei Stunden auflöst, gehen die meisten Teilnehmer zu den beiden jungen Frauen, schütteln ihnen die Hand und bedanken sich.

Mehr Infos gibt es unter www.kulturbewegt.de