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Neukölln: Unter Hipstern

Hipster in meiner Nachbarschaft. Das Silver Future in der Weserstraße, der Ausgehmeile des Viertels.

Hipster in meiner Nachbarschaft. Das Silver Future in der Weserstraße, der Ausgehmeile des Viertels.

Foto:

Benjamin Pritzkuleit

Berlin -

Vor ein paar Wochen haben wir das Graffiti entdeckt. Es steht an einer Hauswand, zwei Häuser von unserem entfernt. „Neukölln bleibt dreckig“, heißt es in roter Schreibschrift auf der hellgelben Fassade. Meine Kinder waren empört. „Warum soll es hier dreckig bleiben?“, fragte die Neunjährige. „Dreckig ist doch nicht gut.“

Wir wohnen in der Weserstraße in Nord-Neukölln. Das ist die Gegend in Berlin, in der die Mieten so stark steigen wie nirgendwo sonst in der Stadt. Nach dem jüngsten Marktreport haben sie sich in nur einem Jahr um 50 Prozent erhöht, jedenfalls für die zehn Prozent der teuersten Wohnungen.

Ich bin 1992 in die Weserstraße gezogen, nicht lang nach dem Mauerfall. Alle dachten damals, Berlin würde boomen, und Neukölln, das damals eine eher arme, trübe Gegend war, in der Sozialhilfeempfänger und türkische Großfamilien wohnten, würde mitgerissen von dem Aufschwung. Ich wäre eigentlich lieber nach Kreuzberg gezogen, aber die Eigentumswohnungen dort konnte ich mir nicht leisten. Die Immobilienpreise waren nach der Entscheidung für Berlin als Hauptstadt stark gestiegen. Ich bezahlte für meine unrenovierte Dreieinhalb-Zimmerwohnung damals 3 500 Mark pro Quadratmeter.

Es ging bergab

Doch Berlin boomte nicht. Und mit Nord-Neukölln ging es bergab. Der Kaisers auf der Sonnenallee musste schließen. Ihm folgte ein Teppichladen, dann eine Resterampe. Um die Ecke öffnete ein Puff. In der Weserstraße gab es Eckkneipen und Cafés, in denen türkische oder arabische Männer hinter Milchglasscheiben Tee tranken. Auf dem Spielplatz am Reuterplatz saßen Frauen, die ihre Kippen in den Sand warfen, in dem ihre Kinder spielten. Viele Ladengeschäfte standen leer, auch in unserem Haus gab es Wohnungen, in denen niemand wohnte.

Ich wäre auch gern weggezogen, aber ich hätte meine Wohnung nur mit großem Verlust verkaufen können. Wenn sich damals überhaupt jemand gefunden hätte, der bereit gewesen wäre, Geld für eine Neuköllner Immobilie auszugeben. Es gab noch ein paar Nachbarn, die etwa zur selben Zeit gekauft hatten wie ich. Wir fühlten uns als Schicksalsgemeinschaft, vom Pech vereint. Festgenagelt in Neukölln.

Zum Ausgehen ging ich nach Kreuzberg, bald auch in den Prenzlauer Berg und nach Friedrichshain, nie in die eigene Nachbarschaft. Außer ein oder zwei Lokalen am Maybachufer gab es hier keine Restaurants oder Bars, die mich angesprochen hätten. Ich sagte damals nicht gern, wo in Berlin ich wohnte. Es war mir peinlich.

Im Jahr 2004 zog ich nach Manila in den Philippinen. Neukölln spielte in meinem Leben keine Rolle mehr. Ich kam nur noch einmal im Jahr für zwei, drei Wochen dorthin. Meine Wohnung stand leer, obwohl sie sehr wenig kosten sollte. Nur einmal fand sich eine Studentin, die für kurze Zeit einzog.

Als ich 2006 in Berlin war, lief in den Kinos der Film „Knallhart“ von Detlev Buck. Er handelt von einem Jungen, der von Zehlendorf nach Neukölln zieht. Dort wird er von einer Jugend-Gang drangsaliert, dann wird er zum Drogendealer. Am Ende erschießt er jemanden. Der Film wurde in meiner Nachbarschaft gedreht. Ich erkannte den Balkon mit dem zerschlissenen Sofa wieder. Das Parkhaus, in dem der Showdown stattfindet, liegt neben der Stadtbibliothek, in der ich mit meiner Tochter Kinderbücher auslieh.

Im selben Jahr schrieben die Lehrer der Rütli-Schule ihren Brandbrief an den Bildungssenator. Sie verlangten, die Schule müsse geschlossen werden. Sie könnten der Gewalt der Schüler nicht mehr standhalten. Die „Zeit“, die ich in Manila las, veröffentlichte auf ihrer Titelseite ein Foto, das aus dem Schulhof heraus aufgenommen war. Man sah Fotografen und Kameraleute, die sich vor dem Tor drängeln. Im Hintergrund sah man mein Haus.

Vielleicht ist es kein Wunder, dass ich mitten in diesem Niedergang die Anzeichen für die Wende in Neukölln nicht erkannte.

In unserem Haus wurde sie von den Isländern eingeleitet. Das war eine Gruppe von Freunden, nicht alle Isländer, aber wir nannten sie so. Sie kauften 2007 die leerstehenden Wohnungen, renovierten sie und zogen dort ein. Siebenhundert Euro bezahlten sie pro Quadratmeter, mehr als 1 000 Euro weniger als ich. Es waren Filmemacher, Architekten. Ich war überrascht. Warum zogen solche Leute nach Neukölln? Eine der neuen sagte, sie fände es aufregend hier. Ihr 14-jähriger Sohn erzählte, dass er kurz nach dem Umzug von zwei Jungs überfallen worden sei. Sie hätten versucht, ihm den Rucksack wegzunehmen. Er war blond und hatte bis dahin in Lichterfelde-West gewohnt. Er erinnerte mich an den Jungen aus Detlev Bucks Film.

Der lange Weg

Ein Jahr später machte eine Bekannte eine illegale Bar in einem Hinterhaus in unserer Straße auf. Dann wurde eine Eckkneipe an der Weserstraße, Ecke Pannierstraße von einer Kneipe mit dem Namen „Freies Neukölln“ abgelöst. Hier standen Kerzen auf Holztischen, man konnte draußen sitzen, unter den Gästen waren viele junge Leute. Ich dachte damals, dass das „Freie Neukölln“ sich nicht lange halten würde. Dass der Laden sich die falsche Gegend ausgesucht hätte. Ich dachte, dass die Kneipe verschwunden sein würde, wenn ich im nächsten Jahr wieder da sein würde. Ich blieb auch dann noch misstrauisch, als Freunde mir Zeitungsartikel nach Manila mailten. Sie hatten Überschriften wie „Neukölln rockt! Unterwegs in Berlins spannendstem Bezirk“, und „Ein Kiez wird Kult“.

Doch als ich wiederkam, gab es das Freie Neukölln immer noch. Und es hatten noch mehr Lokale aufgemacht. Das Silver Future etwa, eine szenige Schwulenkneipe, das Kuschlowski, eine Bar, mit Hockern aus durchgesägten Plastikwannen, einem Ledersofa und einem Kamin. Am Weichselplatz öffnete ein Café namens „rudimarie“. Für mich war das ein Name aus einer anderen Sphäre. Ein Prenzlauer-Berg-Name. Es gab dort Latte Macchiato und überregionale Tageszeitungen. Ein Bekannter öffnete ein asiatisches Restaurant in der Friedelstraße. Man musste dort stundenlang auf sein Essen warten, alle Rechnungen warf der junge Wirt ungeöffnet in eine Sporttasche, die Miete zahlte er nur nach Aufforderung. Das kleine Restaurant wurde bald in Stadtillustrierten gefeiert, Freunde schickten mir die Besprechungen. Sie erzählten, dass man dort keinen Platz mehr bekommen könne. In meiner Wohnung wohnte jetzt ein junges Paar, sie aus Slowenien, er aus den USA, Studenten. Sie hatten angerufen, nur fünf Minuten nachdem ich die Anzeige für meine Wohnung online gestellt hatte.

Im Englischen gibt es den Begriff „tipping point“. Er bezeichnet jenen Punkt, an dem eine Entwicklung stark beschleunigt wird. Diesen Punkt erreichte Neukölln wohl im Jahr 2010. Ich verlor dann den Überblick. Mit dem Tempo, in dem sich mein Kiez veränderte, konnte ich nicht mithalten. Und das hatte nicht in erster Linie damit zu tun, dass ich nicht so oft dort war. Wenn etwas neu aufmachte, wusste ich nun manchmal gar nicht mehr, was dort vorher gewesen war.

Ein neuer Name

Die Medien oder vielleicht die Immobilienmakler erfanden einen neuen Namen für unsere Gegend. Sie hieß nun Kreuzkölln. Schräg gegenüber eröffneten zwei Designerinnen, eine Norwegerin und eine Deutsche, eine Boutique. Ein Rock, der mir gefiel, kostete 140 Euro. Die Norwegerin erzählte, dass sie ihre Sachen vorher in Friedrichshain verkauft hätte. „Aber dort ist es so langweilig geworden.“In den Thai-Puff auf der Weserstraße zog ein Laden, der sich „Salon Su de CouCou – art shop, gallery, project space“ nennt. Was es dort gibt, weiß ich bis heute nicht genau. In einem der Cafés für türkische Männer richtete sich ein italienisches Restaurant ein. Es kamen ein Inder, ein Coffee-Shop, eine Weinhandlung und ein Fotoautomat, in dem man Schwarz-Weiß-Fotos machen kann. Die Resterampe auf der Sonnenallee wich einem Bio-Supermarkt. In der Weserstraße öffnete die „Eismanufaktur“, die Pinienkerneis im Angebot hat und eine Sorte namens Karamell Fleur de Sel. Karamell Fleur de Sel in Neukölln!

Im Sommer tummelten sich auf den Trottoirs vor den Kneipen und Bars junge Menschen. Man hörte Spanisch, Englisch, Französisch, Italienisch. An Laternenpfählen klebten Zettel, auf denen „Suche Wohnung“ stand. Ein Freund, der nach Kreuzberg zog, erzählte, dass zur Besichtigung seiner Wohnung mehr als hundert Leute erschienen seien. Der Sohn einer Freundin aus meiner Heimatstadt Heidelberg, der zum Studium nach Berlin kam und in Prenzlauer Berg wohnte, bat mich, die Augen nach einer Wohnung in meiner Nachbarschaft offenzuhalten.

Im Haus freuten wir uns. Darüber, dass wir nicht mehr die Bezirksgrenze überschreiten mussten, um einen Kaffee zu trinken, dass die leeren verwahrlosten Ladenwohnungen verschwunden waren, die Tristesse. Darüber, dass unsere Wohnungen vielleicht doch keine Fehlinvestition gewesen waren. Dass unser Bezirk jetzt begehrt war, es uns nicht mehr peinlich sein musste, in Neukölln zu wohnen. Dass manche uns sogar für Pioniere hielten, auch wenn wir das nicht wirklich waren. Eher Veteranen.

Die Ladenbesitzer in der Umgebung, die durchhielten, ohne zu wissen, dass die Jahre des Niedergangs nur eine lange Durststrecke waren, schienen eine ähnliche Entwicklung durchzumachen wie wir. Sie wirkten bald selbstbewusster. Und die Geschäfte gingen besser. Im Laden des Trödlers in der Weserstraße stand früher das Sammelsurium, das bei Wohnungsauflösungen alter Leute zusammenkommt. Der Inhaber trägt immer noch die gemusterte Wollmütze, die ihn wie einen anatolischen Hirten wirken lässt. Aber er hat jetzt Lampen im Angebot, die in einem Designerladen stehen könnten. Und antike Möbel. Kürzlich hörte ich ihn auf Englisch mit einer jungen Kundin sprechen. Der Second-Hand-Laden um die Ecke gleicht immer noch einer vollgestopften Kleiderkammer. Aber die Besitzerin sitzt jetzt nicht mehr alleine dort, sie hat eine Kollegin, der Laden ernährt nun offenbar zwei Menschen.

Zurück in Manila, schickte mir ein Freund ein Foto von dem Straßenschild vor unserem Haus. Jemand hatte den Schriftzug „Simon“ vor das „Weserstraße“ geklebt. Bei meinem nächsten Besuch sprachen wir Nachbarn darüber, ob unsere Straße Gefahr liefe, eine zweite Simon-Dach-Straße zu werden, diese Straße in Friedrichshain, in der es nur noch Bars und Restaurants gibt. Eine dieser Ballermann-Straßen mit Nachbarschaftsinitiativen gegen den Lärm. „Gut, dass wir den Fuchs haben“, sagte eine Nachbarin. Herr Fuchs ist der Elektroinstallateur, der sein Geschäft unten in unserem Haus hat. Bei uns würde also keine Kneipe aufmachen, deren Gäste uns im Schlaf stören würden.

Den Ball flach halten

Im neukoellner.net, einer Kiezzeitung im Internet, las ich ein Interview mit der Inhaberin des „rudiemarie“. „Was würden Sie verändern, wenn Sie könnten?“, fragte der Reporter. „Ich würde den Boom auf Neukölln stoppen, ich würde Investoren verbieten sich hierher zu orientieren und die Mieten stabil halten. Ich würde den Ball flach halten, was Neukölln betrifft“, sagte sie. Die Leute vom „Freien Neukölln“ drehten einen Film, den sie auf Youtube und Vimeo veröffentlichten. Darin war von den „ganzen beschissenen Studenten, Künstlern und Tagedieben“ die Rede, dem „Mob der kreativen Klasse“. „Plötzlich war der ganze Kiez randvoll mit diesem Pack“, sagt der Sprecher. „Ihr trampelt unseren Kiez tot.“

Es täte ihnen leid, dass sie diese Bewegung losgetreten hätten. Die beiden ließen mich an den Zauberlehrling denken, der die Abwesenheit seines Lehrmeister nutzt, um selbst ein bisschen zu zaubern. Er verwandelt Besen in Wasserträger, freut sich, wie sich der Badezuber füllt. Doch dann bringen die Besen immer neues Wasser, es kommt zu einer Überschwemmung. „Stehe, stehe“ ruft er verzweifelt. Vergeblich. Erst sein Lehrer kann der Flut Einhalt gebieten. In Neukölln aber ist kein Hexenmeister zu erwarten, der die Gentrifizierung aufhalten wird.

Anfang 2011 erschien in der englischen Zeitung „The Guardian“ ein Artikel mit dem Titel „Let’s move to Kreuzkölln, the epicentre of cool – lass uns nach Kreuzkölln ziehen, das Epizentrum der Coolness“. Im selben Jahr klebten Zettel an den Hauswänden, die sich an die „Dear students, artists and travellers“ wandten, die ,„lieben Künstler, Studenten und Reisenden“. Neukölln sei einer der ärmsten Bezirke, hieß es dort. Die Neuankömmlinge sollten bitte nicht durch Unwissenheit die Mieten hochtreiben, indem sie Preise akzeptierten, die ihnen niedrig erschienen, die für Neukölln aber viel zu hoch seien. Es war ein Ausdruck der Angst, die sich in Neukölln ausbreitete.

Vergangenes Jahr kam ich nach Deutschland zurück, nach Neukölln. Ich fühle mich wohl hier, ich mag die internationale Atmosphäre. Sie ist so lebendig. Für viele der Läden bin ich wohl ein bisschen zu alt, an den Türen der Clubs, die es hier geben soll, würde ich womöglich scheitern. Aber ich habe das Publikum gern um mich, das hier jetzt wohnt, junge Leute aus aller Welt, die alle ziemlich gute Laune zu haben scheinen, die Hipster, wie sie oft genannt werden. Die Verunsicherung spüre ich auch. Freunde am Weichselplatz erzählten, ihr Haus sei an einen Inder aus Manchester verkauft worden. Sie fürchten Mieterhöhungen. Dem Bekannten mit dem Restaurant in der Friedelstraße wurde gekündigt. Das Haus war von einer Firma aus Luxemburg gekauft worden. Mit der legeren Art seiner Mietzahlungen machten sie kurzen Prozess.

Die letzte Eckkneipe

Von meinem Balkon aus kann ich eine Brandmauer sehen. „Kotzkölln“ hat jemand in riesigen Buchstaben darauf geschrieben. Auf unserem Abschnitt der Weserstraße hat vor ein paar Wochen die letzte Eckkneipe zugemacht. Vor ein paar Tagen erreichte mich die Mail eines Maklers, der Wohnungen in der Weserstraße anbietet. Es war vom „quirligen Reuterkiez“ die Rede, von der internationalen Kulturavantgarde hier. Es gab ein Foto unserer Straße im Abendlicht, ein Bild aus dem Kuschlowski. Alles machte einen heimeligen Eindruck. Aber wo sind die Leute hin, die bis jetzt in dem Haus gewohnt haben? Die Wohnungen kosten 2 200 Euro pro Quadratmeter. Ich könnte nun wohl mit Gewinn verkaufen, aber ich will es gar nicht mehr. In unserem Haus ist im August wieder ein Kind schulpflichtig geworden. Die Eltern sind nicht weg gezogen. Es geht nun in der Weserstraße in die Schule. Das ist für mich vielleicht die größte Veränderung.