16.01.2012

Neukölln: Zwischen Döner und Design

Von Sabine Deckwerth
Die Karl-Marx-Straße in Neukölln: Das alte Hertie-Kaufhaus (l.) wurde bereits für 70 Millionen Euro umgebaut. Das C&A-Haus gegenüber steht jetzt leer.
Die Karl-Marx-Straße in Neukölln: Das alte Hertie-Kaufhaus (l.) wurde bereits für 70 Millionen Euro umgebaut. Das C&A-Haus gegenüber steht jetzt leer.
Foto: Paulus Ponizak
Berlin –  

Gerade erst hat ein Kaufhaus an der Karl-Marx-Straße dicht gemacht. Trotzdem geht es aufwärts, sagen Neuköllner.

Sie heißen Tphone-House, Handy-Land oder Handy-Prince. Auf der Neuköllner Karl-Marx-Straße gibt es gefühlt die höchste Handy-Laden-Dichte der Welt. Bietet mal keiner Funktelefone oder Flatrates an, wird mit Pferdewetten, Super-Döner oder Crash-Preisen geworben. Die Meile zwischen den Neukölln-Arcaden im Westen und dem Karl-Marx-Platz im Osten, quasi das Herz des Multi-Kulti-Bezirks Neukölln mit seinen 307.000 Einwohnern, ist vor allem ein Paradies für Billiganbieter. Zum Leidwesen des Bezirks. „Wir hätten gern mehr hochwertige Geschäfte“, wünscht sich Baustadtrat Thomas Blesing von der SPD. Anfang Januar hat nun auch noch das C&A-Haus, Karl-Marx-Straße 95, dicht gemacht. Pläne für den dreigeschossigen Bau, der fast 60 Jahre lang Einkaufstempel war, gibt es noch keine.

Damit hat der Bezirk das Problem eines weiteren Leerstandes. Seit fünf Jahren bereits steht nebenan das einstige kaiserliche Hauptpostamt leer, ein gigantischer Backsteinbau mit knapp 6000 Quadratmetern Nutzfläche. Gekauft wurde es von einer italienischen Holding. Ideen zur Nutzung, etwa als Hotel, Ärztehaus, Türkischer Basar oder Hamam, gibt es zwar, aber umsetzen will sie niemand.

Seit 85 Jahren Familienbetrieb

Dennoch, von einem Niedergang der Karl-Marx-Straße will keiner sprechen. Im Gegenteil. Der 35-jährige Lars Kropp, mit seinem Bruder Geschäftsführer von Kropp-Feinkost gegenüber des einstigen C&A-Hauses, ist überzeugt, dass sich die Schließung der C&A-Filiale positiv auswirken kann. Weil das Haus jetzt saniert werden und neue Geschäfte dort einziehen könnten. Wie gut so etwas funktioniert, könne man an dem ehemaligen Hertie-Kaufhaus sehen, sagt er. Der Betonklotz wurde für 70 Millionen Euro umgebaut, seit gut zwei Jahren beherbergt er Mode- und Lebensmittelgeschäfte, im oberen Stockwerk ist ein Fitness-Center untergebracht. Auch C&A hat dort noch eine Filiale.

Der gut sortierte Kropp-Feinkost-Laden mit seinen frischen und geräucherten Fischen, den Braten und Salaten sticht heraus aus den Geschäften. Den Familienbetrieb gibt es bereits seit 85 Jahren an der Karl-Marx-Straße. Lars Kropps Urgroßvater Erich Kropp hat den Laden 1927 als „Fischfachgeschäft mit Wild und Geflügel“ gegründet. Für die Straße habe es immer mal bessere, mal schlechtere Zeiten gegeben, sagt Kropp. Derzeit sieht er einen „leichten“ Aufwärtstrend. „Die Straße ist voller Menschen, und es werden immer mehr junge Leute.“

Für Horst Evertz stehen die Worte „jung, bunt und erfolgreich“ für das Herz Neuköllns. Evertz ist Sanierungsbeauftragter des Landes und Mitstreiter der „Aktion Karl-Marx-Straße“, die sich mit finanziellen Mitteln von Bund, Land und Bezirk für eine Aufwertung der Straße einsetzt. „Jung“ stehe für die junge Kundschaft als Besonderheit für Neukölln, sagt er. Das liegt an der hohen Geburtenrate, aber auch am Zuzug junger Künstler und Designer in den Bezirk. „Bunt“ stehe für Vielfalt, sagt Evertz, weil Menschen aus 160 Nationen hier leben. Und „erfolgreich“ sei die Prognose.

Immerhin gehört die Karl-Marx-Straße zu den belebtesten Einkaufsstraßen der Stadt. Allerdings ist eher „laufen statt kaufen“ angesagt: Die Leute geben weniger Geld aus als anderswo, was an der einkommensschwachen Bevölkerungsstruktur liegt. In Neukölln leben mit rund 20 Prozent die meisten Arbeitslosen der Stadt.

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