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Berliner Zeitung | Notunterkünfte für Flüchtlinge in Berlin: Bezirke wehren sich gegen Container-Dörfer
21. October 2014
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Notunterkünfte für Flüchtlinge in Berlin: Bezirke wehren sich gegen Container-Dörfer

Gut 300 Menschen, darunter 100 Kinder, leben an der Salvador-Allende-Straße in Köpenick. 500 Meter entfernt sollen weitere 400 Flüchtlinge einziehen.

Gut 300 Menschen, darunter 100 Kinder, leben an der Salvador-Allende-Straße in Köpenick. 500 Meter entfernt sollen weitere 400 Flüchtlinge einziehen.

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Berliner Zeitung/Gerd Engelsmann

Berlin -

Am Montag gab Sozialsenator Mario Czaja (CDU) die sechs Standorte für provisorische Flüchtlingsunterkünfte bekannt. Für rund 43 Millionen Euro will Berlin Containerdörfer errichten, um 2 400 Flüchtlinge unterzubringen. Doch die Auswahl der Standorte wird von Bezirkspolitikern kritisiert. Der Senator habe seine eigenen Kriterien für die Auswahl der Grundstücke nicht eingehalten, heißt es.

Laut Czaja sollen die Container, die auf landeseigenen Flächen errichtet werden, verkehrsgünstig und in der Nähe einer Grundschule stehen. Und: Sie sollen nicht dicht an anderen Flüchtlingsunterkünften sein. In Treptow-Köpenick ist aber genau das der Fall. Dort sollen im Dezember 400 Menschen an der Alfred-Randt-Straße im Allende-Viertel 2 in Container ziehen. Diese werden auf einem 7000 Quadratmeter großen Areal erbaut, auf dem vor einigen Jahren eine Kita abgerissen wurde.

Ängste und Vorurteile

Doch nur etwa 500 Meter Luftlinie entfernt, im Allende-Viertel 1, gibt es schon ein Flüchtlingsheim. Mehr als 300 Asylsuchende leben dort. Rathauschef Oliver Igel (SPD), der wie alle Bezirksbürgermeister erst am Montagvormittag per Telefonkonferenz informiert wurde, sieht eine Konzentration von 700 Flüchtlingen im Wohngebiet kritisch: „Es wird Ängste und Vorurteile deutlich steigern“, sagt er.

Ähnlich urteilt auch Anwohner Uli Haas, der sich im Bezirk beim Runden Tisch für Flüchtlinge engagiert. Er und seine Mitstreiter kümmern sich im Allende-Viertel um die Asylbewerber, machen Ausflüge mit den Kindern und diskutieren mit Anwohnern, auch mit Heimgegnern. Ihnen ist es zu verdanken, dass Proteste vor dem Flüchtlingsheim selten geworden sind. „Im Allende-Viertel 2“, sagt Haas, „ist die Situation noch schwieriger.“ Gleich neben dem Containerdorf seien eine Kita und ein Seniorenheim. Haas: „Dort Flüchtlinge unterzubringen, verträgt sich nicht.“ Zudem lebten im Viertel viele Menschen mit rechter Gesinnung – 8,5 Prozent bekam die NPD bei der Bundestagswahl.

Auch in Lichtenberg, wo 480 Flüchtlinge nahe dem Tierheim am Hausvaterweg in Container ziehen sollen, gibt es Kritik. Evrim Sommer, Bezirkschefin der Linken, moniert, der Ort liege weitab von Schulen und sei nur schwer öffentlich erreichbar. In Marzahn-Hellersdorf fürchtet Bürgermeister Stefan Komoß (SPD) Engpässe beim Schulangebot. Auch aus Steglitz-Zehlendorf kommt Kritik.

Dort sollen zwei Dörfer entstehen, eines davon am Osteweg in Lichterfelde. Bürgermeister Norbert Kopp (CDU): „Das ist nur etwa 300 Meter vom Flüchtlingsheim an der Goerzallee entfernt, wo schon 200 Menschen wohnen.“ Zudem sei am Osteweg seit Monaten ein Schulneubau geplant. In der Nachbarschaft entstehen derzeit viele Wohnungen und Einfamilienhäuser, so auch auf dem Gelände der ehemaligen McNair-Kaserne der US-Armee. Kopp: „Wo wir jetzt die benötigte Schule bauen sollen, ist mir schleierhaft.“


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