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Obdachlosenchor im Kreuzberg: Perlen sammeln am Klavier

Mit Passion: Der Chor im „Zentrum für Gesundheit und Kultur, gegen Ausgrenzung und Armut“. Ein recht sperriger Name.

Mit Passion: Der Chor im „Zentrum für Gesundheit und Kultur, gegen Ausgrenzung und Armut“. Ein recht sperriger Name.

Foto:

BLZ/Lars Reimann

Berlin -

Rolf schwankt beim Gehen durch den kleinen Raum zum Flügel. Es geht ihm an diesem Tag nicht so gut. Depressionen, sagt er. Aber fehlen wollte er auf gar keinen Fall. Es ist die erste Chorprobe nach der Sommerpause und Rolf hat diesen Moment über den ganzen Sommer herbei gesehnt. Er bezeichnet diesen Chor als sein Lebenselixier. Dann rauscht Jocelyn herein und man merkt sofort, sie ist das Kraftzentrum, nachdem sich die 21 Menschen in dem kleinen Raum ausrichten.

„Ihr braucht noch mehr Kaffee“

Seit vier Jahren kommt die Jazzsängerin alle zwei Wochen in das soziale Zentrum an der Gitschiner Straße in Kreuzberg und singt mit den Menschen, die diese Einrichtung besuchen. Die Gitschiner Straße 15 hat sich den trotzigen Titel „Zentrum für Gesundheit und Kultur, gegen Ausgrenzung und Armut“ gegeben. Es gibt hier Essen für wenig Geld, kostenlose Duschen und Kleiderkammern, Beratung und eine Kreativetage. „Der Chor – das ist mein Beitrag – empowerment“, sagt Jocelyn B. Smith. Es ist eins ihrer Lieblingswörter und mit dem deutschen Wort „unterstützen“ nur unzureichend beschrieben. Denn es geht dabei um eine Hilfe zum selbstbestimmten und selbstverantwortlichen Handeln. Jocelyn B. Smith ist in New York geboren, lebt aber seit vielen Jahren in Berlin. Und sie engagiert sich nicht zum ersten Mal sozial. Sie singt und dichtet auch mit Kindern in Kreuzberger Grundschulen, sie unterstützt eine Initiative gegen Landminen, sie gibt Kinder-Musikworkshops in Lesotho und betreut Sterbende.

Dann geht es in Kreuzberg plötzlich los mit der Musik. Jocelyn schlägt auf dem alten Blüthner-Flügel einen Akkord an und der Chor antwortet: „aaaah“. Ton für Ton stimmt sie die Sänger ein, die ihre Lippen flattern lassen, das Tempo steigern, die Hände ausschütteln. Der Raum ist voll mit Musik und dabei ist das nur die Vorübung. Dann singt Rolf allein, ein Lied über das Leben, über ihn selbst, über den Weg. Wenn er den Faden verliert, singt einfach jemand anders weiter, so dass er sofort wieder weiter weiß. „Wir sind alle Teil dieses Universums“, singen alle mit und Rolf weint. Der Gesang kriecht einem in die Ärmel, so dass sich die Haare aufstellen.

Aber Jocelyn ist noch nicht zufrieden. „Ihr braucht noch mehr Kaffee“, ruft sie. Aber die Hemmungen und Beschwernisse sind bereits abgefallen. Rolf tanzt in seinem orangefarbenen Kapuzenpulli durch den Raum: „Jetzt kommt der Rap“. „Es geht dir wohl wieder gut“, sagt eine Frau, „Ja, das hat mir gefehlt“, antwortet er.

Fast wie bei einem Rockkonzert

„Different voices“ heißt der Chor. Neben Rolf und Eckhard und weiteren Obdachlosen, singen viele Kreuzberger mit, die wenig Geld haben. Sieglinde Nefft und Meinhard Schröder sind dagegen aus einem Zeitzeugenprojekt mit Jocelyn zum Chor gestoßen. „Das sehr unterschiedliche Liedgut, die Kraft, die von Jocelyn ausgeht und das Gemeinsame, dieser Rhythmus“, sagt Sieglinde Nefft, begeistere sie. Und sie treffe an der Gitschiner Straße auch auf eine Lebenswelt, die in ihrem normalen Umfeld in Nikolassee nicht vorkommt. Reinhild Schlantmann wohnt hingegen in Kreuzberg und lebt seit einiger Zeit von staatlicher Unterstützung. „Das hätte ich nie gedacht“, sagt sie, aber gesungen hat sie vorher auch noch nie und wenigstens letzteres ist für sie eine tolle Erfahrung.

Dann lässt Jocelyn Zettel und Stifte austeilen. Jetzt wird komponiert. Denn der Chor wird im Dezember bei einem Obdachlosenfest auftreten bis dahin sollen noch zwei eigene Lieder entstehen. „Was ist eure Philosophie, eure Botschaft?“, fragt Jocelyn. Sie will, dass alle sich beteiligen. Lebensfreude, sich wehren, den eigenen Weg gehen, nicht alles hinnehmen. „Wir nehmen ein Schiff in die Südsee, wenn man zu schwach ist, kann man einfach weggehen“, sagt Eckhard. „Schreib das auf“, ruft Jocelyn, „ihr kennt mich, wir sammeln Perlen, ihr müsst das aufschreiben, während wir sprechen“. Es geht um Freiräume und Egoismus, um Gemeinschaft und darum, so zu werden, wie man eigentlich ist, sich finden. Endlich scheint die Refrainzeile zu stehen: Ich bin ich und das ist okay. Jocelyn verdreht die Augen: „Ich liebe dieses Durcheinander beim Komponieren“. Die einzelnen Strophen werden sich dann wohl um Talente drehen, die jeder hat, so dass sich am Ende auch wirklich jeder wiederfinden kann.

„Ihr habt den Chor so bereichert“, ruft Jocelyn und dann haut sie wieder in die Tasten und sie proben den Refrain. Alle klatschen rhythmisch und Reinhild Schlantmann streckt die Arme in die Luft. Fast wie bei einem Rockkonzert.