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Obdachlosenheim in Berlin-Mitte: Obdachlose raus, Flüchtlinge rein?

Protest gegen Verdrängung: Bewohner hängen aus der 5. Etage ein Plakat.

Protest gegen Verdrängung: Bewohner hängen aus der 5. Etage ein Plakat.

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Gerd Engelsmann

Frank Kretschmann wird in zwei Monaten 50 Jahre alt. Doch daran mag er lieber nicht denken, ihm ist nicht nach Feiern zumute. Denn der Mann mit den hinten zusammengebundenen, langen Haaren kann nicht sagen, ob er dann noch in dem Wohnheim für wohnungslose Menschen in der Berlichingenstraße 12 ein Zimmer bewohnt, ob er dann überhaupt ein Dach über dem Kopf hat.

Frank Kretschmann und die 31 anderen Bewohner des Hauses haben vom bisherigen Betreiber der Einrichtung die Kündigung erhalten, weil diesem von der Hausverwaltung Berolina Grundbesitz GmbH selbst zum 29. Februar gekündigt wurde. Die Bewohner, einige leben schon zwölf Jahre dort, sollen bis zum 31. Januar aus dem Gästehaus Moabit ausziehen.

Ständige Verdrängung

„Ich wohne hier seit dem 4. September. Ich werde zum zweiten Mal verdrängt“, sagt Kretschmann. Doch wie passiert es einem, der in der Pflegebranche gearbeitet hat, dass er seine Wohnung verliert? Und obdachlos wird? Er habe den Vermieter seiner alten Wohnung in der Neuen Hochstraße wegen zahlreicher Mängel etwa einem defekten Wasserboiler, nassen Wänden und Schimmel an den Fenstern verklagt. Vor Gericht unterlag er und wurde zur Räumung der Wohnung verurteilt. Kretschmann kann das Urteil heute noch nicht begreifen. „Alles, was ich gefordert habe, war nur die Beseitigung von Mängeln.“

Dass er jetzt wieder gekündigt wurde, hat für Kretschmann einen üblen Beigeschmack. Denn für das Haus gibt es einen neuen Betreiber – das Berliner Unternehmen Gikon Hostel & Wohnheim. Es will dort unter anderem Flüchtlinge unterbringen. „Hier steht der Profit im Vordergrund. Die Bewohner werden danach beurteilt: Wer bringt mehr Geld“, sagt Kretschmann.

Vor zwei Tagen hat er eine Demonstration angeführt und durfte vor dem Bezirksparlament in Mitte reden. Er berichtet von einem Bewohner, der von einem Pflegedienst betreut wird, andere haben durch den festen Wohnsitz wieder Kontakt zu ihrer Familie und die Chance auf einen Job. Das sei bedroht. Die Bezirksverordneten wollen die Obdachlosen schützen, notfalls solle das Bezirksamt das Haus beschlagnahmen und dafür sorgen, dass es nicht mit Flüchtlingen belegt wird, lautet ihr Beschluss.

Sozialstadtrat Stephan von Dassel (Grüne) hat sich kürzlich mit der Gikon getroffen. „Wir werden dafür sorgen, dass die jetzigen Bewohner nicht ab Anfang Februar obdachlos werden. Nur das Wie steht leider noch nicht fest“, sagt von Dassel. Eigentümer und Hausverwaltung hätten nicht auf den Gesprächswunsch des Bezirks reagiert.

Auf Anfragen reagiert die Berolina jetzt über eine Anwaltskanzlei, sie betonte am Freitag, dass der alte Mietvertrag zu Ende Januar 2016 gekündigt wurde, da die Betreiberin die Mietsache stark verwahrlosen lassen hat. Auf die künftige Nutzung habe die Berolina keinen Einfluss, sie werde vom Betreiber des Gästehauses bestimmt.

Die Gikon zeigt nach einem Gespräch mit dem Stadtrat Entgegenkommen: „Die Bewohner müssen nicht raus, bis Ende Februar ist alles gesichert“, sagt Geschäftsführer Martin Kleiner. Wegen des hohen Mietpreises für das Haus von 27.500 Euro pro Monat – laut Bezirk ist das das Zweieinhalbfache der bisherigen Miete – sei es nicht mehr möglich, die Zimmer einzeln zu belegen. Mehrere Menschen müssten künftig in einem Zimmer untergebracht werden. Dem Bezirk hat Kleiner angeboten, eine Etage für Obdachlose zur Verfügung zu stellen.

Ob in das Haus bald Flüchtlinge einziehen, ist fraglich. „Wir lassen nicht zu, dass Flüchtlinge gegen Obdachlose ausgespielt werden“, sagt Regina Kneiding, Sprecherin der Sozialverwaltung. Für das Haus werde kein Vertrag zur Flüchtlingsunterbringung abgeschlossen. Frank Kretschmann bleibt die Hoffnung, dass die weiteren Gespräche erfolgreich sind. Sonst muss er sein Einzelzimmer räumen.