09.12.2011

Occupy Berlin: Ein Camp in Selbstauflösung

Von Stefan Strauss
        

Zerstrittener Haufen: Zoltan Grashoff lebt seit einem Monat im Occupy-Camp. Jetzt hat er genug  und will weg.
Zerstrittener Haufen: Zoltan Grashoff lebt seit einem Monat im Occupy-Camp. Jetzt hat er genug und will weg.
Foto: Markus Wächter
Berlin –  

Ein Ersatzgrundstück brauchen die Bewohner des Occupy-Camps vermutlich gar nicht mehr: Die Besetzer sind heillos zerstritten. Statt mit Kapitalismuskritik müssen sie sich aktuell mit Gewaltvorfällen und sexuellen Übergriffen auseinandersetzen.

Der Koch ist wütend, seine Freundin weint, die Küche ist längst abgebaut, die Toiletten verschlossen, es fehlen Wasser und Strom. Knapp einen Monat, nachdem etwa 50 Anhänger der weltweiten Occupy-Bewegung das Gelände des früheren Bundespressestrandes in Mitte besetzt hatten, steht das Camp kurz vor seiner Selbstzerstörung.

Die Bewohner sind zerstritten, im Camp sowie in Internetforen und auf Facebook häufen sich Beschimpfungen und Beleidigungen. Man beschimpft sich als „Sozialpsychos“ und „Deppen-Revoluzzer“, Camp-Bewohner werden als „Linksextremisten“ und „Kleinkriminelle“ bezeichnet. „Die Nerven liegen blank“, sagt Saskia Koch, die von Beginn an im Camp lebt.

Besetzer in Ausschuss geladen

Jüngster Beleg der Streitigkeiten ist die E-Mail eines früheren Camp-Unterstützers an die Bezirksverordneten in Mitte. Dort sind Vertreter der Zeltstadt am kommenden Dienstag in den Ausschuss Transparenz und Bürgerdienste eingeladen. Der Schreiber der E-Mail empfiehlt den Verordneten jedoch, die Einladung an diese „linksextremistische Kerntruppe“ besser auf das kommende Jahr zu verschieben, dann werde das Camp sowieso nicht mehr existieren. Ausschussvorsitzende Katja Dathe (Piratenpartei) lehnt das ab. „Wir haben die Occupy-Leute eingeladen, weil wir wissen wollen, was Occupy Berlin eigentlich will“, sagt sie.

Inside Occupy

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Das wissen die Camp-Bewohner im Moment wohl selber nicht. Statt wie geplant über politische Ziele und praktische Gesellschaftsveränderungen zu diskutieren, müssen sich die Kapitalismuskritiker im Moment mit Gewaltvorfällen und sexuellen Übergriffen im Camp auseinandersetzen. Einige Bewohner, darunter Zoltan Grasshoff, der von Anfang an dabei ist, will das Camp verlassen. Viele Zelte sind schon abgebaut, manche liegen eingefallen im Sand.

In den vergangenen Tagen haben sich vor allem Obdachlose einquartiert. Kinder sollten allerdings nicht im Camp wohnen, haben die Bewohner entschieden, „da Kindern der Zustand im Camp wegen seiner Gefahren mit Alkohol, Drogen, Gewalt und Psychosen nicht zuträglich wäre“, steht im Online-Protokoll einer Versammlung. Ein Bewohner hat das Camp ohne Absprache in Berliner Sozialforum umbenannt. Auch das brachte Ärger und Beschimpfungen mit sich.

Weiter im Haus der Statistik?

Am Donnerstag hat die bisherige Pächterin des einst erfolgreich betriebenen Strandcafés Bundespressestrand, Johanna Ismayr, das gesamte Areal an die Eigentümerin des Geländes, die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben, übergeben. Johanna Ismayr musste weichen, weil auf der Freifläche im Regierungsviertel ein neues Bürogebäude des Bundesbildungsministeriums gebaut werden woll. Die Baugenehmigung fehlt aber noch.

Am 15. Dezember will die Bima auf dem Gelände mit bauvorbereitenden Arbeiten beginnen. Bis dahin suche man „eine einvernehmliche und friedliche Lösung“, sagt eine Sprecherin. Den Besetzern sei ein unbebautes Grundstück sowie die vorübergehende Nutzung eines Gebäudes angeboten worden. Dem Vernehmen nach soll es sich um das leer stehende „Haus der Statistik“ an der Otto-Braun-Straße in Mitte handeln, das Occupy-Anhänger vergangene Woche für wenige Stunden besetzt hatten.

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