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Occupy-Camp: Treffpunkt Feuertonne

Gesundes Essen: Andreas Kappeller kocht jeden Tag vegane Menüs, Suppen und Desserts für die Bewohner. Eine Arbeitsgruppe Essen besorgt alle Zutaten.

Gesundes Essen: Andreas Kappeller kocht jeden Tag vegane Menüs, Suppen und Desserts für die Bewohner. Eine Arbeitsgruppe Essen besorgt alle Zutaten.

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Markus Wächter

Berlin -

Über das Essen hat sich noch keiner empört. Koch Andreas Kappeller steht in der improvisierten, zugleich aber perfekt eingerichteten Küche des Occupy-Zeltlagers in Mitte. Kappeller, der einst in Nobelrestaurants auf Sylt und beim Sterne-Koch Harald Wohlfahrt gekocht hat, zeigt auf die Großpackungen Porree, Kartoffeln, Zwiebeln und Möhren. Daneben stehen mehrere Flaschen Olivenöl, Gewürze, etliche Packungen Reis und Milch. So viel anders sieht es in den Küchenlagern von Restaurants auch nicht aus. Auch nicht auf dem Speiseplan: Kürbissuppe, Couscous, Kaiserschmarren und Pflaumengelee. „Ich hab ein Herz für die Occupy-Bewegung. Die Leute sollen ordentlich essen“, sagt Kappeller. „Es muss sich was ändern in der Welt.“

Seit zwei Wochen leben etwa 50 meist junge Menschen auf dem Gelände am Kapelle-Ufer. Früher war hier die Bar Bundespressestrand, jetzt nennen die Besetzer das Areal Bundespressecamp. Wo vor ein paar Wochen noch Besucher in Liegestühlen Caipirinha in der Sonne tranken, stehen ordentlich aufgereiht die Zelte der Occupy-Anhänger. Die Bewohner haben es nach der Besetzung des ungenutzten Geländes geschafft, eine komfortable Zeltstadt zu errichten. „Die Struktur wächst mit dem Camp“, sagt Zoltan Grasshoff, einer der Bewohner. „Uns fehlt es hier eigentlich an nichts.“ Vor seinem Zelt steht eine selbstgebaute Solaranlage, sie versorgt das Zelt mit Strom für einen Heizlüfter und den Computer.

Immer online

Rund 50 Zelte haben die Besetzer aufgebaut. Schlafzelte stehen hier, dazu eine große Jurte, die Pfadfinder aus Zehlendorf gespendet haben. Es gibt auch ein Theaterzelt und ein Zelt für Medien. Im Dunkeln sitzen dort junge Leute an ihren Rechnern, schicken ihre Nachrichten, Protokolle von Sitzungen und Neuigkeiten über Facebook, Twitter und auf Blogs und Internetseiten. Dort sind seit Freitag auch Bilder vom Polizeieinsatz am Freitag im New Yorker Finanzviertel zu sehen, bei dem mehr als 200 Wall-Street-Besetzer verhaftet wurden. Ähnliches ist auch den Berliner Occupy-Anhängern schon passiert. Marius, ein junger Mann, sagt, die Polizei habe ihn brutal ins Gesicht geschlagen und festgenommen, auf Videos sieht man, wie Polizisten bei einer Demo am Brandenburger Tor eine Mutter gewaltsam von ihrem Kind trennen. Die Protestler sind empört. „Wir sind friedlich und gewaltfrei“, sagt Marius.

Die Bewohner und ihre Unterstützer haben ständig zu tun. Über alles wird geredet, alles wird besprochen. 58 Arbeitsgruppen gib es. Sie kümmern sich um Themen wie Bildung, Arbeitsstreik, prekäre Arbeits- und Lebensverhältnisse sowie gewaltfreie Kommunikation, aber auch um Logistik und Transport, Wäscherei und Fundbüro. Die AG Arbeitsamt organisiert Küchen- und Reinigungsdienste sowie Nachtwachen für das Camp. Wer will, trägt sich in eine Liste ein, wer Lust hat, gründet eine Gruppe. Es gibt die Idee, ein Fernsehstudio einzurichten. Politische Talkshows soll es dort geben, die im Internet übertragen werden, die Zuschauer können anrufen und ihre Meinung sagen. Eine Zeitung ist geplant.

Die Polizei kontrolliert täglich das Camp und zählt die Zelte. Besucher kommen vorbei, sie bringen Spenden mit, meist Lebensmittel, aber auch Geld. Sie wärmen sich an den Feuertonnen auf dem Gelände, trinken heißen Tee und Kaffee. Olaf, 52, sagt, er komme oft vorbei. Er gehöre zu den 99 Prozent der Bevölkerung, die nicht reich sind. Er arbeitet im Großhandel, das Geld reiche „gerade so“. Im Camp finde er Menschen, denen es ähnlich gehe.

Bunte Mischung an Protestlern

Ein Mann, er nennt sich „Justav“, erzählt, er sei aus Sachsen-Anhalt ins Camp gekommen. Er kümmert sich um Strom und Licht und sägt das Feuerholz. Warum er mitmacht? „Ich will etwas tun, damit diese Welt nicht sinnlos vernichtet wird.“

Eine Arbeitsgruppe fährt durch die Stadt und sammelt Lebensmittelspenden aus Großmärkten und Bioläden ein. An Vorräten mangele es nicht, sagt Koch Kappeller. Am Freitag besuchte Angela Davis, die Kommunistin aus den USA, das Camp. „Wir sind überrascht, wie viele Menschen uns unterstützen“, sagt Bewohnerin Saskia Koch. Sie hat Stéphan Hessels Buch „Empört Euch“ gelesen. „Neues schaffen, heißt Widerstand leisten“, schreibt Hessel. „Widerstand leisten heißt Neues schaffen.“ Deshalb sei sie im Camp, sagt Saskia Koch.

Es ist eine bunte Mischung an Menschen, die sich im Camp versammelt hat. Junge Menschen, Obdachlose und Hartz-IV-Empfänger, Studenten und Berufstätige. Viele sind unerfahren mit Protestaktionen, aber auch erprobte Politaktivisten, Gewerkschafter, Friedenskämpfer, Antifa-Leute und Atomkraftgegner sind dabei. Es läuft nicht alles harmonisch ab, sagen die Bewohner, es gebe auch Streit und Leute, die stressen. „Wir müssen sehr tolerant sein“, sagt Saskia Koch. „Wir sind 99 Prozent, und das sind eben auch sehr viele Individuen.“

ie Campbewohner dürfen bis zum 30. November auf dem Gelände bleiben. Dann will der Bund dort ein Bürogebäude des Bundesbildungsministeriums bauen. Eine Baugenehmigung fehlt noch, das Abgeordnetenhaus muss dem Bauplan erst zustimmen. Die Bundesbehörde hofft auf eine „friedliche Lösung“ mit den Besetzern. Doch die Campbewohner wollen das Gelände nicht verlassen. „Wir brauchen einen dauerhaften öffentlichen Platz“, sagt Marius. Noch spricht niemand von einer Räumung durch die Polizei.