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Ohrfunk: Radio von und für Sehbehinderte aus Berlin

Sehbehinderte arbeiten im Sender mit.

Sehbehinderte arbeiten im Sender mit.

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AKUD/Lars Reimann

Richtig stolz wird Eberhard Dietrich, wenn man ihn nach dem Titelrepertoire des Ohrfunks fragt. „Wir haben zurzeit rund 6500 Titel drin“, antwortet er dann. Um diese Zahl machen Radiosender meist ein großes Heimlichgetue, weil sie oft beschämend klein ist. Zum Vergleich: Das Titelrepertoire von Radio Eins bewegt sich im fünfstelligen Bereich“, sagt Radio-Eins-Sprecherin Sophia Fiedler, und konkreter will sie auf keinen Fall werden.

Wer sich ein wenig auskennt im Radiogeschäft, weiß, dass große Sender wie der Berliner Rundfunk oder RTL ein äußerst bescheidenes Repertoire an Musikstücken in der Playlist haben, weil – verkürzt gesagt – nur durch das Abnudeln der ewig gleichen Hits vergleichsweise gute Einnahmen generiert werden können. Dadurch entsteht eine gewisse Ödnis, was die musikalische Bandbreite angeht.

Aber der Ohrfunk ist eben kein gewöhnlicher Radiosender, sondern ein Nischenprogramm, das bisher nur wenige Hörer kennen. Gegründet wurde der Sender vor zehn Jahren, damals taten sich 22 Menschen, die meist journalistische Erfahrung hatten, zusammen. Sie wollten ein Programm starten, das sehbehinderte und sehende Hörer anspricht. Im Team des Senders haben rund zwei Drittel eine Sehbehinderung. Alles läuft ehrenamtlich, und trotzdem schafft der kleine Sender es, unter der Woche rund sieben Stunden moderiertes Programm zu senden, am Wochenende sind es sogar täglich 20 Stunden.

„Die Nachrichten übernehmen wir von Deutschlandradio Kultur durch ein spezielles Abkommen“, erklärt Dietrich, der so etwas wie Chefredakteur und Programmkoordinator ist. Eines der zwei Berliner Studios ist eingerichtet im Keller des Gästehauses des ABSV, des Allgemeinen Blinden- und Sehbehinderten Vereins Berlin im Grunewald, direkt am S-Bahnhof Grunewald. Aus den Anfängen der Senderzeit stammen noch zwei Tonbandgeräte, welche das Studio heute als Museumsobjekte zieren. Wie bei anderen Sendern läuft heute alles digital, allerdings hat das Keyboard eine Braillezeile zur Bildschirmwiedergabe, und es gibt ein Sprachausgabeprogramm.

Da der Ohrfunk keine Werbung sendet, war man bei der Anschaffung der Hardware auf Spenden angewiesen. Und es ist erstaunlich, welch qualitativ hochwertiges Programm der Ohrfunk trotz der geringen finanziellen Mittel auf die Beine stellt. Im Ohrfunk-Magazin, das täglich um 11, um 15 und um 19 Uhr läuft, interviewen die Moderatoren Künstler, Politiker, Wissenschaftler, Journalisten oder Schauspieler. Es gibt Spezialsendungen, die sich Musikrichtungen wie Country, Weltmusik, elektronischer Musik oder Trance widmen. Auch die blinde Berliner Sängerin Joana Zimmer war schon mehrmals zu hören. „Wir spielen keine Schlager, keine Volksmusik und keinen Techno“, schränkt Dietrich die musikalische Ausrichtung ein. Einen festen Platz haben natürlich Hörspiele und Features. Als Service weist der Ohrfunk auf Fernsehfilme hin, die eine Audiodeskription, also eine akustische Bildbeschreibung, haben.

Zu hören ist der Sender auf viele Arten: Zum einen kann man ihn im Internet Stream, zum Beispiel ohrfunk.radio.de, hören, auf Playern wie dem Real Player oder Media Player, im Kabelnetz von Kabel Deutschland auf 90,8 MHz, bei Telekolumbus auf 105,35 MHz sowie in verschiedenen digitalen Kabelnetzen. In großen Teilen von Berlin ist der Ohrfunk außerdem auf der Frequenz 88,4 zu hören.

Diese Frequenz wurde nach der Schließung des Flughafens Tempelhof frei. Der Funkverkehr des Flughafens hatte bestimmte Frequenzbereiche gestört, was nun nicht mehr der Fall ist. Allerdings ist die Frequenz relativ schwach und kann nur von rund 900 000 Hörern empfangen werden. Der Süden Berlins empfängt die Wellen vom Sendemast des Postgiroamtes am Halleschen Ufer, er strahlt mit 500 Watt in den Äther. Neben dem Ohrfunk senden zum Beispiel das Alexradio, Multikultfm, reboot fm, Pi Radio und Twen FM. Wie viele Hörer der Ohrfunk hat, kann Dietrich nicht genau sagen: „Ich schätze zwischen 3 000 und 4 000 pro Stunde, jedenfalls zu wenig, um es durch die gängigen Messverfahren messen zu lassen“.


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