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Oktoberfest 2015: "Ein Dirndl soll in der Taille eng wie ein Mieder sitzen!"

Spitze muss sein: Verkäuferin Moira Carpenter zuppelt und zieht, bis das Dirndl an Verena Lörsch richtig sitzt.

Spitze muss sein: Verkäuferin Moira Carpenter zuppelt und zieht, bis das Dirndl an Verena Lörsch richtig sitzt.

Foto:

Berliner Zeitung/Hans Richard Edinger

Ein Dirndl muss her. So ein echtes bayerisches Gwand. Weil Herbst ist und damit Oktoberfest. Weil so ein Dirndl fesch aussieht und angeblich jeder Frau steht. Weil es irgendwie in ist, und inzwischen auch Stars wie die Schauspielerin Salma Hayek eines tragen. Aber wie findet man heraus, welches zu einem passt, und was zu so einem Dirndl-Outfit alles gehört? Wir haben uns beim Trachten-Spezialisten Angermaier beraten lassen.

Zuallererst wird die Länge bestimmt. „Mini geht gar nicht“, sagt Verkäuferin Moira Carpenter, 22 Jahre alt, die aus Zehlendorf kommt und im Hofbräu in Mitte für Angermaier bayerische Wiesn-Kleidung verkauft. Knöchellang wollen wir nicht, lieber knieumspielend, das wirkt fescher. Marsala ist super und Modetrendfarbe in diesem Jahr, wie wir erfahren. Gemeint ist Beerenrot, das passt auch perfekt zu blondem Haar.

Himmelhoch

Bevor’s ans Reinzwängen geht – so ein Dirndl soll in der Taille eng wie ein Mieder sitzen! – kommt der BH. Pardon, der Dirndl-BH, der auch den kleinsten Busen alpenartig gen Himmel hebt. Schließlich muss so ein Wiesn-Kleid Laszivität ausstrahlen und deshalb obenrum immer gut ausgefüllt sein. „Gepolstert nicht nur von unten, sondern auch an den Seiten“ sei so ein Dirndl-BH, erklärt die Verkäuferin. Er nimmt einem fast die Luft zum Atmen. Kein Wunder, dass so ein Dirndl keine wirkliche Arbeitskleidung war. Vielmehr ließen sich die Städterinnen im Verlauf des 19. Jahrhunderts solch schnittige Tracht für ihren Landurlaub schneidern.

Jetzt kommt das Blüschen! Das ist eher ein bauchfreies Streifchen Stoff mit fast nur Ärmeln dran, das je nach Schulterbreite der Trägerin falsche und richtige Falten schlägt. Das Streifchen wird ins Dirndlkleidchen gestopft und hört weit über der Taille auf. Es darf auf keinen Fall verrutschen, auch wenn man sich noch viele Runden beim Tanz im Kreise dreht. Bevor eins richtig sitzt, haben wir mindestens fünf Modelle probiert.

Nach dem Blüschen wird gebunden. Erst mal vorn. Miederbänder gibt es zu diesem Zweck oder Miederketten oder beides. Die halten nicht unbedingt alles zusammen, sondern werden nur locker „von oben nach unten eingezogen“, wie Moira Carpenter erklärt. Die Enden dann auf keinen Fall verknoten, sie werden lediglich unter der Schürze versteckt.

Diese wiederum wird per Schleife gebunden. Nicht hinten, nicht vorn, sondern links oder rechts. Vorsicht! Jetzt muss man gut überlegen. Sitzt die Schleife aus Sicht der Trägerin rechts, ist sie verheiratet oder anderweitig vergeben und daher nicht an fremden Mannsbildern interessiert. Sitzt die Schleife links, ist sie noch zu haben. Man weiß allerdings nicht genau, ob die Sache mit der Schleife ein alter Brauch oder eine Erfindung der Neuzeit ist, um das Dirndl weiter ins Gespräch zu bringen.

Ein Statussymbol

Mit unserer Ausstattung sind wir aber noch lange nicht zu Ende: Ist die Schürze gebunden – „immer ein paar Zentimeter kürzer als der Rock – kommt der Unterrock. Weiß, mit Spitze besetzt. „Damit es richtig unter dem Saum hervorblitzt“, wie Moira Carpenter sagt. Nun „die Schühchen“. Da ist fast alles erlaubt. High Heels oder Ballerinas, Trachtenstiefel oder Trachtenpumps. Aber natürlich auf keinen Fall Flip Flops oder Sandaletten. Logisch.

Kein Dirndl kommt ohne Trachtenschmuck aus. Ein Kropfband sei denkbar, sagt Verkäuferin Carpenter und greift zu einem halsengen Band. Wir entscheiden uns lieber für eine Kette aus Silber, die zu den Miederknöpfen passt. Zum Schluss gibt’s einen Janker, eine Art Jacke gegen die Kühle im Herbst, einen Hut aufs Haar und ein Charivari für die Taille. Charivari? Man kann auch Münzkette dazu sagen. Der Mann trägt sie am Hosenlatz, die Frau an der Schürze. Wer reich war, konnte so seine Goldmünzen zeigen.

Jetzt hätten wir beinahe das Täschchen vergessen. Denn wo soll die Frau sonst mit ihrem Lippenstift hin? Aber dann sind wir fertig für die Wiesn – nach zweieinhalb Stunden im Trachtengeschäft mit Blüschen und Schühchen. Mit der Zeit haben wir uns richtig in das Dirndl verliebt. Und wollen es am liebsten gar nicht wieder ausziehen.