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Olympia 1936 in Berlin: Wie die Nazis die U-Bahn-Station Stadtmitte erfanden

Mitte, wo gar keine Mitte ist.

Mitte, wo gar keine Mitte ist.

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Zu den vielen Verwirrungen um die Frage, wo denn nun die Berliner Mitte liege, fügt der U-Bahnhof „Stadtmitte“ eine weitere hinzu: Dort, zwischen Friedrichstraße und Leipziger Straße, liegt sie jedenfalls nicht. Warum aber der um maximale Aufmerksamkeit bettelnde Name? Hier schon mal ein Hinweis: Den U-Bahnhof dieses Namens gibt es seit 1. Februar 1936.

Tatsächlich sollte die neue Strecke, deren Bau 1905 begann, das Stadtzentrum erschließen und eine Verbindung vom turbulenten Leben an Leipziger und Potsdamer Platz quer durch die Kultur- und Geschäftsgegend bis zum Spittelmarkt herstellen – mit Verlängerungsoption Richtung Alexanderplatz.

Bei der Eröffnung 1908 wurde der unter der Mohrenstraße entlangführende Bahnhof „Friedrichstraße“ genannt und zählte bald zu den am meisten frequentierten Berlins. Als nach langen Baustörungen 1923 die Nord-Süd-Bahn (U6) endlich fertig war, erhielt die der U2 nahe gelegene neue Station den Namen „Leipziger Straße“.

Ein wichtiger Umsteigepunkt entstand, etwas umständlich, weil die 160 Meter lange Entfernung durch den sogenannten Mäusetunnel zurückzulegen war (und noch heute ist). Um einen begrifflichen Zusammenhang zwischen den Kreuzungspunkten von U2 und U6 herzustellen, musste die bisherige Station „Friedrichstraße“ ebenfalls den Namen „Leipziger Straße“ annehmen.

Von den Nazis benannt

Das verwirrte die Passagiere, weshalb man 1924 versuchte, mit neuem Namen samt Haupt- und Nebentitel mehr Orientierungshilfe zu geben: Die Station an der Nord-Süd-Bahnstrecke hieß fortan „Friedrichstadt (Leipziger Straße)“, die Station der Spittelmarktlinie „Friedrichstadt (Mohrenstraße)“. Dann aber kam das Jahr der Olympischen Spiele in Berlin. Groß sollte das nationalsozialistische Deutschland aussehen, groß die Reichshauptstadt. Die Vision Hitlers und seines Architekten Speer vom gigantischen Germania waren nicht im Blitztempo umzusetzen, so musste Kulissenzauber her.

So kam es, dass am 1. Februar 1936 der Doppel-Bahnhof Friedrichstadt abermals umbenannt wurde. Mit urbaner Bedeutung aufgeblasen hieß er fortan – nach Bahnsteigen getrennt – „Stadtmitte (Leipziger Straße)“ und „Stadtmitte (Mohrenstraße)“. So konnten die Nationalsozialisten den Sportlern aus aller Welt eine Stadtmitte vorführen – eine mit großstädtischem Leben, mit Jubel, Trubel, Heiterkeit. Und wir leben noch 80 Jahre nach der Protzerei mit dieser falschen Stadtmitte. Fragt sich, ob das angesichts der lebhaften Bürgerdebatte um die Neubelebung der alten Mitte so bleiben muss. Eine Irreführung ist der Name des U-Bahnhofs allemal – für Bürger wie Besucher.



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