21.01.2012

Online-Mobbing: Gaffen ist nicht cool

Von Martin Klesmann
        

Im TV-Film „Homevideo“ wird Jakob (r.) von Mitschülern im Internet gemobbt und sucht Rat bei seiner Mutter. Doch sie kann ihm nicht helfen.
Im TV-Film „Homevideo“ wird Jakob (r.) von Mitschülern im Internet gemobbt und sucht Rat bei seiner Mutter. Doch sie kann ihm nicht helfen.
Foto: NDR
Berlin –  

Wissenschaftler der Technischen Universität untersuchen Mobbing im Internet. Viele Schüler wollen eingreifen, wissen aber nicht, wie sie dies tun können.

Ein Schüler, der sich bei den vermeintlich coolen Jungs seiner Klasse beliebt machen wollte, wurde von diesen zum „Zappeltanz“ aufgefordert. Als er dann den „Zappeltanz“ aufführte, filmten sie ihn und stellten die Sequenz unter Youtube ins Internet, versehen mit beleidigenden Kommentaren. Der Junge wurde zum Gespött der ganzen Schule.

Das ist nur ein Fall von vielen: Erstmals haben Forscher unbeteiligte Jugendliche befragt, wie sie mit Beleidigungen, Schmähungen und Hassbotschaften auf Facebook oder anderen Internet-Netzwerken umgehen. Das Ergebnis, das jetzt öffentlich wurde: Berliner Schüler tun zu wenig, wenn sie mitbekommen, dass Mitschüler Opfer von Cybermobbing werden. „Häufig verhalten sie sich passiv und warten erst mal ab“, urteilt Jan Pfetsch von Fachgebiet Pädagogische Psychologie der Technischen Universität Berlin. „Doch dieses Verhalten ist nicht unbedingt auf Desinteresse zurückzuführen – oft weisen die Jugendlichen darauf hin, dass sie sich selbst hilflos fühlen und nicht wissen, an wen sie sich wenden können.“ Mitunter hätten sie auch Angst, selbst Mobbingopfer zu werden.

Meist nur Zuschauer

Ausgangspunkt für die Studie waren die alarmierend vielen Cybermobbing-Meldungen aus Schulen, die im vergangenen Jahr bei der Senatsschulverwaltung eingingen. Insbesondere betrafen sie das inzwischen stillgelegte Internetforum „Isharegossip“, das Schüler regelrecht zu Hasseinträgen aufgefordert hatte. Auch Amoklaufandrohungen gab es dort.

Für die Studie befragten die Forscher der TU dann gut 30 Berliner Gymnasiasten und Sekundarschüler im Alter zwischen 14 und 17 Jahren. „Die Jugendlichen sehen nur teilweise die Verantwortung bei sich, als unbeteiligter Zuschauer bei Cybermobbing einzugreifen“, so Pfetsch. „Mal finden sie es lustig, was da vor sich geht, mal versuchen sie, zumindest ihren Freunden gegen Online-Attacken zu helfen.“ Sind enge Freunde betroffen, suchen die Jugendlichen am ehesten den Kontakt zum Opfer, zeigen Mitgefühl. Auch löschen sie dann Kommentare auf den Pinnwänden in sozialen Netzwerken oder melden Hassmails und beleidigende Bilder.

Die Jugendlichen fordern von den Betreibern allerdings bessere Möglichkeiten, Regelverstöße anzuzeigen. Bei Facebook gebe es zwar den Button „Beitrag melden“, er sei aber mitunter schwer zu finden, sagt Pfetsch. Viele Jugendliche seien ohnehin skeptisch, durch eine Meldung etwas zu erreichen.

Gerüchte, Beleidigungen und Gewaltandrohungen

Die befragten 14- bis 17-Jährigen berichteten am häufigsten von Beleidigungen und gegenseitigen Beschimpfungen im Internet. Auffällig sei dort die sexualisierte Sprache, Mädchen würden als „Schlampen“, Jungs als „schwul“ bezeichnet.

Generell würden Mädchen eher üble Gerüchte verbreiten, Jungs hingegen auch direkt beleidigen oder Gewalt androhen. Besonders demütigend für Mobbingopfer sei das Wissen, dass ein unkalkulierbar großes Publikum die Einträge im Internet sehen kann. Denn die Schüler wissen: Wer im Internet gemobbt wird, dem passiert das dann auch auf dem Schulhof.

Für Wissenschaftler Pfetsch entscheiden letztlich die unbeteiligten Zuschauer, also die vielen „Gaffer“, ob das Cybermobbing wieder zurückgedrängt werden kann. „Sie sind Teil der Lösung und Teil des Problems.“ Bis Herbst möchte er 1 000 Berliner Schüler für eine detaillierte Studie befragen.

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