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Opfergrab von NS-Verbrecher: Viel Ehre für einen Massenmörder in Berlin

Das Grab des Massenmörders wird regelmäßig geputzt und geharkt.

Das Grab des Massenmörders wird regelmäßig geputzt und geharkt.

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Berliner Zeitung/Paulus Ponizak

Berlin -

Am Dienstag wurde in Berlin das Mahnmal für die Opfer der nationalsozialistischen Euthanasie-Morde eingeweiht. Doch einer der größten NS-Verbrecher, die diese Morde mitzuverantworten haben, hat in Berlin dauerhaftes Ruherecht: Das Grab von Herbert Linden, der ab 1939 den Massenmord an Kranken und Behinderten organisierte, befindet sich auf dem Waldfriedhof Zehlendorf. In einer Anlage mit 449 Kriegsgräbern hat er seit 1946 ein „anerkanntes Grab der Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft“.

Auf dem Areal der Berliner Philharmonie, vor der am Dienstag das neue Denkmal eingeweiht wurde, stand einst jene Dienststelle, von der aus die Ermordung Kranker und Behinderter im ganzen Reich organisiert wurde. Dort hörte man auf die Weisungen des Arztes Dr. Herbert Linden. Der Leiter der Abteilung Erb- und Rassenpflege im Reichsinnenministerium war ab 1939 einer der Planer der „Kinder-Euthanasie“ und einer der Organisatoren der Aktion T4 zur „Vernichtung lebensunwerten Lebens“, die nach der Adresse der Mordzentrale benannt wurde.

Linden war Obergutachter bei der Erfassung und Selektion der Insassen von Behindertenanstalten und entschied nach Aktenlage über Leben und Tod. Er suchte Schloss Grafeneck auf der Schwäbischen Alb als erste Tötungsanstalt für die Aktion T4 aus. Er nahm an einer Probe-Vergasung in Brandenburg teil, war ab 1942 im KZ Buchenwald an medizinischen Experimenten an Häftlingen beteiligt. Und im Vernichtungslager Belzec war er Vergasungsfachmann.

Ganz in der Nähe von Willy Brandts Ruhestätte

Als Todesursache ist in der Gräberliste Feindeinwirkung/Kriegseinwirkung verzeichnet. Tatsächlich entzog er sich seiner Verantwortung: Am 27. April 1945 vergiftete er sich in einem Haus in der Zehlendorfer Camphausenstraße. So steht es in einer Standesamtsakte, die der Historiker Götz Aly fand. Möglicherweise tauchte Linden ab, vermutet Aly, der in seinem Buch "Die Belasteten" das Thema "Euthanasie" behandelt. Erst eineinhalb Jahre nach dem angeblichen Selbstmord wurde Linden auf dem Friedhof bestattet. Geburts- und Sterbedatum auf dem Grabstein sind um einen Tag verschoben. Zudem gibt es von ihm kein Bild, was auf gesäuberte Personalakten hindeutet.

Sein Grab befindet sich in unmittelbarer Nähe zu dem von Willy Brandt. Für das Rasenmähen in der geschlossenen Kriegsgräberanlage, für Gießen, Harken und Grabsteinputzen erhält das Bezirksamt vom Senat jährlich 7 633 Euro. Der Umstand, dass dem Schreibtisch-Massenmörder so viel Ehre zuteil wird, macht unter anderem Gerhard Brändle aus Karlsruhe wütend. „Das ist ein kaum zu überbietender Zynismus und eine Verhöhnung der Opfer der Nazi-Gewaltherrschaft“, findet Heimatforscher Brändle, der die „Euthanasie“-Verbrechen in Pforzheim dokumentierte und so auf Herbert Linden gestoßen ist.

Zuständig für Berlins Kriegsgräber ist SPD-Bausenator Michael Müller. An ihn wandten sich Gerhard Brändle und der in Pforzheim lebende Pfarrer i.R. Hans Ade, der sich auch für die „Euthanasie“-Opfer einsetzt. In einem Brief an den Senator forderten sie Lindes „zynische Ehrung“ zu beenden und das Anbringen einer Tafel, die über dessen Rolle informiert. Im Antwortschreiben, das vom Senator mitgezeichnet ist, wird auf das Gräbergesetz verwiesen, das der Bund kreiert hat. Das 1965 entstandene Gesetz dient dazu, „der Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft in besonderer Weise zu gedenken und für zukünftige Generationen die Erinnerung daran wach zu halten“. So steht es gleich im ersten Satz.

Auf Presseanfragen zu dem Grab gibt sich die Verwaltung des Bausenators, der im Dezember den Regierenden Bürgermeister beerben möchte, zugeknöpft. Fragen beantwortet die Behörde nur schriftlich, ein Gespräch wird abgelehnt. „Bei der Erfassung als Opfergrab war eine Unterscheidung der Toten nach Opfern und Tätern auf einer historisch nachvollziehbaren Grundlage vom Gräbergesetz nicht gefordert“, formuliert Petra Rohland, Sprecherin des Senators. Eine spätere Aberkennung des Opfergrabstatus sei im Gesetz nicht geregelt.

„Auch eine heutige nachträgliche Überprüfung aller unter das Gräbergesetz fallenden Toten ist von Seiten der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt nicht möglich, da die geschichtshistorischen Hintergründe unserer Verwaltung nicht in allen Ausmaßen bekannt sind“, so die Sprecherin. Dies könne nur auf Grundlage einer bundesweiten Vorgabe erfolgen, für die das entsprechende Ministerium das Gräbergesetz novellieren müsste. Rohland zufolge will Senator Müller den Umgang mit Personen, von denen bekannt wird, dass sie zu den Tätern zählen, nun auf Bundesebene ansprechen.



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