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Berliner Zeitung | Oranienstraße: 71-Jährige kämpft um ihre Kiezbibliothek
13. January 2014
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Oranienstraße: 71-Jährige kämpft um ihre Kiezbibliothek

Engagiert sich gegen die Schließung der Bona-Peiser-Bibliothek in der Oranienstraße: Marianne Hopfer.

Engagiert sich gegen die Schließung der Bona-Peiser-Bibliothek in der Oranienstraße: Marianne Hopfer.

Foto:

BLZ/Gerd Engelsmann

Sie könnte es sich gemütlich machen. Bei Reisen, Kaffeekränzchen und Treffen mit Freunden – so wie es Millionen Senioren tun. Aber Marianne Hopfer will keinen geruhsamen Lebensabend. Die 71-Jährige sagt, sie sei schon viel zu lange viel zu ruhig gewesen. Jetzt müsse sie laut werden und was tun „gegen die Verödung meines Kiezes und die Ausgrenzung von Anwohnern“.

Marianne Hopfer engagiert sich gegen die vom Bezirk geplante Schließung der Bona-Peiser-Bibliothek an der Oranienstraße 72. Sie sammelt Unterschriften für einen Anwohnerantrag im Bezirksparlament, das letztlich über das Schicksal der kleinsten Bücherei in Friedrichshain-Kreuzberg entscheiden muss. Sollte die Einrichtung verschwinden, sieht die Seniorin gar ihr Grundrecht auf freie Information torpediert: „Die nächste Bibliothek ist am Kottbusser Tor, das sind fast zwei Kilometer von hier.“ Zu Fuß sei dies von Kindern, Alten und Behinderten nicht machbar. „Und der Bus kostet Geld, was eine Ausgrenzung von sozial Schwachen, aber auch von Kitagruppen und Schulklassen bedeutet.“

Noch vier Bibliotheken

Die Bibliothek existiert seit 1964. Sie gehörte damals zur gerade entstandenen Otto-Suhr-Siedlung westlich vom Moritzplatz. Seit 1994 trägt die Bücherei den Namen von Bona Peiser (1864–1929), der ersten deutschen Bibliothekarin und Mitbegründerin der ersten öffentlichen Lesehalle in Berlin. Auf rund 250 Quadratmetern kann man aus etwa 23 000 Medien auswählen. Schwerpunkt ist das Kriminal-Kabinett mit Büchern, Filmen, Musik und PC-Spielen. Ein Raum ist Kindern gewidmet. Kitagruppen und Grundschulklassen kommen regelmäßig dorthin, immer donnerstags steht „Lesen üben“ an. Marianne Hopfer: „Eltern können ihre Kleinen allein hinschicken, alles ist familiär und übersichtlich.“

Doch die Kiezbücherei soll zum September schließen, ihre Bestände sollen in die Zentralbibliothek an die Frankfurter Allee 14 a nach Friedrichshain verlagert werden. Kulturstadträtin Jana Borkamp (Grüne) begründet dies mit dem vom Senat geforderten Personalabbau: „Unser Bezirk muss 138 Stellen sparen, das sind fast zehn Prozent des Personals“. Im Bezirksamt habe man entschieden, jeden Bereich anteilig zu beteiligen. Auf die Bibliotheken entfielen exakt 5,69 Stellen.

Noch gibt es fünf Bibliotheken im Bezirk, vier davon – an der Dudenstraße, der Glogauer Straße, der Adalbertstraße und der Oranienstraße – sind in Kreuzberg. Borkamp sagt: „Wir können mit noch weniger Mitarbeitern nicht alle Standorte halten.“ Deshalb habe man schweren Herzens bestimmt, die Bona-Peiser-Bibliothek als kleinsten Standort aufzugeben. Marianne Hopfer will das nicht akzeptieren: „In einer Zeit, wo es kaum noch nichtkommerzielle Orte gibt, soll ein weiteres Stück Stadtleben platt gemacht werden“, kritisiert sie. Habe es in Berlin 1990 noch 220 Bibliotheken gegeben, sei deren Zahl seitdem auf zirka 80 gesunken. Auch die 71-Jährige ist Stammkundin in der Bona-Peiser-Bibliothek. Unzählige Bücher habe man ihr dort besorgt, sagt sie. Früher für ihr Studium der Theaterwissenschaften und Publizistik, heute vor allem Biografien, die sie besonders gern liest.

Nachdenken in der Politik

Marianne Hopfer sagt, es gehe ihr nicht um Bequemlichkeit. Vielmehr sei es grundfalsch, an Bildung zu sparen. Sarkastisch schlägt sie der Politik vor: „Stellt doch die Bücher zu Lidl oder Aldi ins Regal, dann braucht ihr gar kein Personal mehr.“

Solch vehementer Einsatz bleibt nicht ohne Echo. Lothar Schüßler, Chef der Linken-Fraktion im Bezirksparlament, sagt, man werde noch einmal über das Gesamtpaket der Personaleinsparung diskutieren müssen. „Bei einer Abstimmung über den Anwohnerantrag von Frau Hopfer sollten wir alle überlegen, ob alles so bleiben muss wie vorgesehen.“ Kritik am Bezirksamt, das sich nicht auf Schwerpunkte festlegen wollte und linear alle Fachbereichen ausdünnen will, kommt auch von der SPD. Fraktionschef Andy Hehmke will eine neue Vorlage: „Es gibt intelligentere Sparmöglichkeiten, die müssen wir einfordern.“

Marianne Hopfer sammelt derweil täglich Unterschriften. Ihre Listen liegen auch in Läden im Kiez aus. 1 000 Unterschriften braucht sie, um den Anwohnerantrag stellen zu können. Das Bezirksparlament muss dann innerhalb von zwei Monaten darüber entscheiden.

Informationen zum Protest unter: www.kribiblio.de