22.12.2011

Otto-Suhr-Institut: Ohne Umsonst-Dozenten droht der Kollaps

Von Jonas Rest
Das Otto-Suhr-Institut in Dahlem: Zwei Drittel der Seminare von Lehrbeauftragten wurden nicht bezahlt.
Das Otto-Suhr-Institut in Dahlem: Zwei Drittel der Seminare von Lehrbeauftragten wurden nicht bezahlt.
Foto: Hansjoachim Mirschel
Berlin –  

Am Otto-Suhr-Institut der Freien Universität weiß man nicht mehr weiter, weil für Lehraufträge plötzlich gezahlt werden muss.

Ein Betrieb weiß nicht mehr weiter, weil die Beschäftigten nicht länger umsonst arbeiten dürfen. Was absurd klingt, geschieht gerade am Otto-Suhr-Institut (OSI) der Freien Universität Berlin. Weil Lehraufträge in Berlin ab diesem Semester grundsätzlich zu vergüten sind, steckt Deutschlands größtes Institut für Politikwissenschaft in der Klemme. Das OSI hatte bislang in so großem Ausmaß auf unbezahlte Dozenten zurückgegriffen, dass es nun in Finanznot geraten ist.

Ursprünglich waren Lehraufträge dazu gedacht, um Praxiserfahrungen an die Hochschulen zu bringen. Ehemalige Minister oder NGO-Experten sollten ihre Fachkenntnisse weitergeben, um die Lehre der Professoren zu ergänzen. In ihrer prekären Finanzsituation haben die Universitäten Lehraufträge allerdings als billige Möglichkeit entdeckt, um ihre Vorlesungsverzeichnisse zu füllen.

„Ohne Lehrbeauftragte würde die Hochschullehre inzwischen zusammenbrechen“, sagt Andreas Keller vom Vorstand der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). „Was ursprünglich als Ergänzung gedacht war, wird weitläufig missbraucht, um den Lehrbetrieb aufrecht zu halten“.

Am OSI wurden in den letzten beiden Semestern Institutspapieren zufolge ein Drittel aller Seminare von Lehrbeauftragten gehalten. Zwei Drittel dieser Seminare wurde nicht bezahlt.

Dozentin jobt am Popcorntresen

Oft sind es junge Akademiker oder Doktoranden, die in Hoffnung auf eine wissenschaftliche Karriere unbezahlt arbeiten, um Lehrerfahrung zu sammeln. Für die Nähe zu Professoren wird die Umsonstarbeit in Kauf genommen. Einige Dozenten finanzieren sich über Stipendien, andere über Nebenjobs: Eine 30-jährige Feminismus-Dozentin trafen Studenten des Otto-Suhr-Instituts etwa schon spätabends hinter dem Popcorntresen eines Berliner Kinos. Auch über Hartz IV sollen Dozenten des Instituts ihren Lebensunterhalt finanziert haben.

Ein-Euro-Job Uni-Dozent
Lehrbeauftragte

Wenn sie überhaupt Geld bekommen, erhalten Lehrbeauftragte des Otto-Suhr-Instituts 840 bis 960 Euro pro Semester. Ein Arbeitskreis von Lehrbeauftragten an der Freien Universität Berlin hat berechnet, wie viel dies pro Stunde Arbeitszeit bedeutet, wenn die Betreuung der Studierenden, die Korrektur von Hausarbeiten und die Vorbereitung der Seminare mit eingerechnet wird. Ihr Ergebnis: Sie verdienen weniger als einen Euro pro Stunde.

Was bundesweit an der Tagesordnung ist, wird für das Otto-Suhr-Institut nun zum Problem: Seit der Novelle des Berliner Hochschulgesetzes im Sommer 2011 sind Lehraufträge immer zu vergüten, solange die Dozenten nicht im öffentlichen Dienst tätig sind. Formal galt diese Regelung zwar schon vorher. Aber es gab ein Schlupfloch: Die Institute konnten sich von den Dozenten den „freiwilligen Verzicht“ auf die Besoldung erklären lassen. Erst danach gab es den Lehrauftrag. Mit dem neuen Hochschulgesetz ist das nicht mehr möglich.

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