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Berliner Zeitung | Pause vom Alltag: Die Dachterrasse am Hermannplatz
08. July 2013
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Pause vom Alltag: Die Dachterrasse am Hermannplatz

Open Air im vierten Stockwerk bei Karstadt am Hermannplatz. Pflanzkübel sorgen für etwas Grün. Etwa hundert Sitzplätze gibt es.

Open Air im vierten Stockwerk bei Karstadt am Hermannplatz. Pflanzkübel sorgen für etwas Grün. Etwa hundert Sitzplätze gibt es.

Foto:

AKUD/Lars Reimann

Der Dachgarten war eine Attraktion damals im Jahr 1929, als das neue Kaufhaus am Hermannplatz eingeweiht wurde. Sogar eine Tanzfläche gab es bei Karstadt, für passende Musik sorgte die hauseigene Band. Aus allen Teilen der Stadt kamen die Besucher. In welchem Warenhaus konnte man schon in luftiger Höhe draußen sitzen.

Dagegen wirkt die im Jahr 2000 wiedereröffnete Terrasse des SB-Kaufhausrestaurants eher unspektakulär. Auf dem Boden liegen gräuliche Gehwegplatten, Pflanzenkübel sorgen für etwas Grün, die Aluminiumtische sind nicht schön, aber wetterfest und statt Tanzmusik untermalt der Verkehrslärm vom Hermannplatz das Ambiente. Doch ihren Reiz hat die Kaufhausterrasse bis heute nicht verloren.

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Etwa 50 Gäste sitzen an diesem schönen Sommernachmittag auf der sonnenüberfluteten Terrasse mit ihren rund hundert Plätzen. Ein Mann steht an der Brüstung und nimmt das Panorama in sich auf. Ganz hinten, im Westen, ist die Kirche am Südstern zu sehen und südöstlich das Rathaus Neukölln. Direkt unter ihm, auf dem Hermannplatz, strömen Menschen aus den U-Bahn-Eingängen, ein Vater mit Kinderwagen schreit einer jungen Frau hinterher, die bei Rot über die Straße läuft. Großstadtgetriebe. Doch auf der Dachterrasse im vierten Stockwerk geht es entspannt zu.

„Man sitzt hier oben ganz wunderbar, man wird nicht belästigt“, sagt Marianne Sachs und zieht an ihrer Zigarette. Über zwei Stunden sitzt sie nun schon mit ihrer Schwester Gisela Schadow auf der Terrasse. Ein Mal im Jahr kommen die beiden Schwestern hierher, immer in der ersten Juliwoche. „Dann haben wir unser jährliches Treffen mit unserem Neffen, dem Sohn unserer verstorbenen Schwester“, sagt Marianne Sachs. Der wohne in Neukölln und solle es nicht so weit haben.

Ihrem Neffen haben die Tanten das Tagesangebot spendiert, Riesenrösti mit Champignonköpfen und Gartensalat für 5,95 Euro. Für die Rentnerinnen aus Charlottenburg ist der jährliche Ausflug zum Hermannplatz immer auch ein bisschen wie eine Reise in eine andere Welt. „Während der U-Bahn-Fahrt von Charlottenburg ändert sich mit jeder Station das Publikum“, sagt Gisela Schadow. Es werde rauer, bunter, interessanter. „Aber hier leben möchte ich nicht.“

„Das ist wie Urlaub“

Auch Familie El-Kassem hat dieser Gegend an der Grenze von Kreuzberg zu Neukölln den Rücken gekehrt. 16 Jahre lebten sie in der Urbanstraße, dann haben sie in Alt-Mariendorf eine größere Wohnung gefunden. Aber zwei, drei Mal in der Woche setzt sich Mariam El-Kassem in ihr Auto und fährt mit ihren Eltern Hayat und Ahmad zum Hermannplatz. „In Alt-Mariendorf gibt es auch einen Karstadt, aber keine Terrasse“, erklärt die Tochter. Die Familie hat ihren Kaffee schon längst ausgetrunken. Doch sie bleiben noch ein wenig sitzen. „Das ist wie Urlaub“, sagt Mariam El-Kassem.

Manfred Schulze, der Leiter des Kaufhausrestaurants will wieder an frühere Zeiten anknüpfen. „Wir überlegen, die Terrasse abends für Veranstaltungen zu verplanen“, sagt er. Derzeit ist die Aussichtsplattform nämlich nur bis 20 Uhr geöffnet, an allen Tagen außer sonntags. Gut möglich also, dass bald wieder bei Karstadt am Hermannplatz getanzt wird.

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