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Pendeln von Berlin nach Cottbus: 260 Kilometer Arbeitsweg - und das jeden Tag

Pendler Martin Dobianer, Bahnhof Friedrichstraße, RB, Regionalbahn nach Cottbus, Personen, Wirtschaft, Verkehr, pendeln,

Pendler Martin Dobianer, Bahnhof Friedrichstraße, RB, Regionalbahn nach Cottbus, Personen, Wirtschaft, Verkehr, pendeln,

Foto:

AKUD/Lars Reimann

Potsdam -

Brandenburg ist ein Land der Pendler. Jeder vierte Berufstätige – etwa 265.000 von einer Million – arbeitet in einem anderen Bundesland, die meisten von ihnen, es sind fast 194.000, in Berlin. Martin Dobianer (26) ist einer von ihnen. Auf einer Fahrt nach Cottbus erzählt er davon, was es heißt, für seine Arbeit täglich 260 Kilometer zurückzulegen.

Herr Dobianer, Sie wohnen in Cottbus, arbeiten in Berlin und pendeln täglich. Wie lange brauchen Sie für ihren Arbeitsweg?

Vier Stunden. Jeweils zwei Stunden von Tür zu Tür. Ich nehme immer den gleichen Zug. 5.45 Uhr gehe ich aus dem Haus, 6 Uhr sitze ich in Cottbus im Zug, 8 Uhr bin ich im Büro und 18.20 Uhr wieder zu Hause. Wenn alles klappt.

260 Kilometer täglich.Warum tun Sie sich so einen weiten Arbeitsweg an?

Das frage ich mich auch manchmal. Aber im Ernst: Weil die Arbeit so toll ist. Ich habe Gesundheitsmanagement studiert und mich danach deutschlandweit beworben. Zuerst hab ich in Halle gearbeitet, in einem Krankenhaus, da hab ich unter der Woche auch gewohnt. Dann ergab sich was in Berlin – und seit neun Monaten pendle ich.

Was genau machen Sie beruflich?

Ich bin Belegungsmanager im Lazarus-Haus Berlin, das ist eine stationäre Pflegeeinrichtung.

Warum ziehen Sie nicht einfach nach Berlin?

Ich habe eine Frau, zwei Kinder und ein Haus in Cottbus. Und meine Frau will nicht nach Berlin.

Haben Sie schon mal Ihren Zug verpasst?

Nein, noch nie. Die Frage ist aber, ob der Zug pünktlich ist. Ich war auch schon mal eine Stunde zu spät.

Was machen Sie unterwegs?

Langweilig ist mir nicht. Auf dem Hinweg frühstücke ich erst mal eine halbe Stunde …

Echt? Sie frühstücken im Zug?

Ja, ich nutze die Zeit im Zug sinnvoll. Ich habe Stullen dabei und eine Thermoskanne mit Kaffee. Zu Hause ist keine Zeit dafür. Dann gucke ich ein bisschen Nachrichten auf meinem Handy oder lese Fachzeitschriften.

Keine Bücher?

Nicht so oft. Aber heute habe ich eins dabei. „Passagier 23“ von Sebastian Fitzek.

Gucken Sie auch manchmal aus dem Fenster?

Nö. Aus dem Fenster schaut man nur am Anfang. Außerdem ist es jetzt immer dunkel draußen. Manchmal schlafe ich aber auch, das gebe ich zu.

Sitzen Sie immer auf dem gleichen Platz?

Nein. Zurück geht das schon gar nicht, weil der Zug total voll ist. Aber ich habe mal überlegt, ob ich nicht 1. Klasse fahren sollte. Da gibt es eher Sitzplätze.

Sie sind doch sicher nicht der einzige Pendler nach Berlin. Kennt und grüßt man sich?

Man sieht schon immer die gleichen Leute, und manchmal tauscht man auch Blicke aus. Aber wir grüßen uns nicht, nein.

Was machen die anderen Fahrgäste unterwegs?

Viele schlafen, mehr morgens als abends. Viele lesen, aber mehr Bücher als Zeitschriften. Viele sitzen mit ihrem Handy da.

Ist Zugfahren im Sommer angenehmer?

Ja und nein. Im Sommer geht das frühe Aufstehen natürlich besser. Aber der Geruch …

Sie meinen im Zug?

Ja, wenn es warm ist, ist das nicht so schön. Zum Glück fahre ich morgens mit dem IC, da ist die Luft besser.

Wie gut kennen Sie eigentlich Berlin?

Nicht so gut. Ich arbeite da, und kenne, was ich berufliche kenne – Krankenhäuser in Mitte und Wedding. Ich war auch schon in Bernau und Lobetal, aber auch dienstlich.

Könnten Sie mit dem Auto nach Berlin fahren?

Oh, das wäre äußerst anstrengend. Da kann ich nicht telefonieren und nicht emailen – im Zug ist es viel entspannter. Wobei das mit dem Telefonieren auch nicht immer geht. Kurz vor KW (Anm.: Königs Wusterhausen) bricht immer das Netz zusammen. Funkloch.

Würden Sie lieber in Cottbus arbeiten?

Wenn es diese Arbeit, die ich jetzt mache, auch in Cottbus gäbe – dann ja. Ich finde das mit dem Pendeln aber auch gar nicht so schlimm. Wenn ich im Zug sitze, ist der halbe Tag schon vorbei.

Wie meinen Sie das?

Dann hab ich das Größte schon geschafft. So zeitig aufzustehen, ist schon anstrengend. Aber wenn ich dann in Berlin bin, vergeht die Zeit so schnell. Das liegt an der Arbeit.

Gefällt Ihrer Frau, dass sie so lange unterwegs sind?

Naja, sie hat mal gesagt: Wenn du glücklich bist damit, dann mach es. Ich bin zum Glück kurz nach 18 Uhr wieder zu Hause, da hab ich dann auch Zeit für die Kinder.

Aufs Jahr gerechnet sitzen sie zwei Monate im Zug …

Echt? Das ist viel. Wenn ich nur eine Stunde brauchen würde, wäre es schon besser. Aber es ist heute wirklich schwer, einen Job zu finden, in dem man gut verdient und der einen ausfüllt. Ich habe meiner Tochter, sie ist viereinhalb, mal gesagt, dass ich auch arbeiten gehe, damit ich ihr etwas kaufen kann. Da hat sie gesagt: Ich brauche nichts, Du kannst heute zu Hause bleiben.

Das Gespräch führte Claudia Fuchs.



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