blz_logo12,9

Performance "Wanna Play?" in Kreuzberg: Kunstaktion stellt Schwule bloß

Künstler im Container: Dries Verhoeven mit dem Rücken zum Publikum.

Künstler im Container: Dries Verhoeven mit dem Rücken zum Publikum.

Foto:

Berliner Zeitung/Gerd Engelsmann

Ein Kunstprojekt sorgt für Ärger. Seit Donnerstag hat ein niederländischer Künstler am Heinrichplatz in Kreuzberg einen verglasten Container aufgestellt. In dem chattet er mit schwulen Männern über die in der Szene weit verbreitete Dating-App Grindr. Auf einer LED-Wand hinter ihm können Passanten die Kommunikation mitverfolgen: Alle Gespräche, die Profilnamen – sie sehen sogar die Profilfotos der Männer. Die Bilder waren zunächst kaum verfremdet und in Negativfarben zu sehen.

Der Künstler, der Niederländer Dries Verhoeven, will damit nach eigenen Angaben den Umgang mit Sex im Internet anprangern. Unterstützt wird seine Aktion vom Theater Hebbel am Ufer. Das Projekt erzielt Aufmerksamkeit. Am Freitag standen etwa 30 Passanten vor dem Container und lasen die Chats mit, manche machten Fotos. An einen Datenschutz hatte zunächst offenbar keiner der Organisatoren gedacht. An die Folgen vermutlich auch nicht.

Jetzt stehen Sicherheitsleute davor. Nicht ohne Grund. Eine Scheibe des Containers hat bereits Risse, weil jemand eine Flasche dagegen geworfen hatte. Am Donnerstagabend hatte es eine erste handfeste Auseinandersetzung gegeben.

Über die Plattform Grindr hatte der Künstler Parker T. angesprochen, einen in Berlin lebenden Amerikaner. Beide chatteten eine Weile, tauschten Bilder aus. Dann verabredeten sie sich am Heinrichplatz. Als Parker T. dorthin kam, sah er den Container, die Menschen, die davor stehen blieben und jede Zeile seines Chats mit Verhoeven mitgelesen haben und jedes eigentlich vertraulich gesendete Bild sehen konnten. Parker T. sagte, für ihn sei das eine Demütigung gewesen, er habe sich hintergangen gefühlt. Er stürmte in den Container, versetzte dem Künstler einen Faustschlag und schmiss einen Tisch um. Die Passanten schauten weiter zu.

Cornelius Puschke vom Projektteam des Veranstalters erklärte am Freitag, man habe mit heftigen Reaktionen gerechnet. „Wir haben gehofft, dass es niemanden verletzt, was wir auf der LED-Wand zeigen. Inzwischen haben wir festgestellt, dass es das doch tut.“ Und was folgt aus dieser Erkenntnis, Daten missbraucht und Menschen damit bloßgestellt zu haben?

Fehlende zwischenmenschliche Intimität

Die Veranstalter wirkten am Freitag nervös, ein wenig so, als hätten sie die Folgen ihrer Aktion unterschätzt. Cornelius Puschke sagte, „der Künstler möchte einen Raum zum Nachdenken darüber schaffen, wie wir uns geben, wenn wir online sind. Warum vertrauen wir jemandem über Grindr mehr als einer Person auf dem Heinrichplatz?“

Man wolle diskutieren, sagte Puschke, über Dating-Plattformen, über Menschen, die sich nur noch mit ihrem Porno-Alter-Ego beschäftigten, über das Fehlen von zwischenmenschlicher Intimität. Warum es für diese Diskussion notwendig ist,Homosexuelle auf einem belebten Platz in Kreuzberg bloßzustellen, sagte Puschke nicht.

Parker T. sagte, er habe sich „digital vergewaltigt“ gefühlt. Er will Anzeige erstatten. Er hat seine Erfahrung auf Facebook geteilt. Die ersten Reaktionen zeigen Entsetzen in der Schwulenszene über diese Missachtung der Privatsphäre und des Datenschutzes. Er sei nie darauf hingewiesen worden, dass er Teil einer Kunstaktion sei, sagte der Amerikaner. „Ich schäme mich nicht dafür, was ich geschrieben habe. Ich bin aber erschüttert, dass diese Leute meinen, meine privaten Gespräche einer johlenden Öffentlichkeit präsentieren zu dürfen.“

Puschke entgegnete, auf Verhoevens Grindr-Profilseite stehe ein Warnhinweis, dass man sich nicht mit ihm verabreden sollte, wenn man keine Öffentlichkeit wolle. „Es gibt auf keinen Fall den Wunsch, Leute zu enttarnen.“ Zugleich räumte er aber auch ein, dass es natürlich möglich sei, jemanden aufgrund der Profilfotos zu erkennen oder über den Profilnamen in der App zu finden.

Inzwischen haben die Organisatoren erste Konsequenzen gezogen. Seit Freitagnachmittag sind die Gespräche über die Plattform und die Profilbilder auf der LED-Wand nur verschwommen zu erkennen.
Die Kunstaktion auf dem Heinrichplatz soll bis Mitte Oktober gehen – wenn sie nicht vorher aufgegeben werden muss. Berlins Datenschutzbeauftragter war am Freitag nicht zu erreichen.