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Pflegeheime: Demenzkranke finden bei Märchen Trost

Schauspielerin Marlies Ludwig trägt Demenzkranken Märchen vor.

Schauspielerin Marlies Ludwig trägt Demenzkranken Märchen vor.

Foto:

Philipp Schumann

Die alte Frau hatte seit Monaten nicht mehr gesprochen. Unbeteiligt schaute sie aus dem Fenster hinaus. „Dann fing sie an, uns anzulächeln“, sagt Diane Dierking. „Und als wir sie ein paar Wochen später fragten, ob es ihr gefallen hat, hat sie uns angestrahlt und gesagt: ,Ja, das war schön.’“ Reime wie „Spieglein, Spieglein an der Wand“, die die Frau schon längst vergessen hatte, erkannte sie wieder.

Dieser Moment im Sophienhaus der Agaplesion Bethanien Diakonie in Steglitz war für Diane Dierking einer der berührendsten. Sie ist Leiterin des Projekts Märchen und Demenz, das die gemeinnützige Gesellschaft Märchenland entwickelt hat. „Märchen sind im Langzeitgedächtnis gespeichert“, sagt Dierking. Auch bei Menschen, die unter fortgeschrittener Demenz leiden, könnten sie als eine Art emotionale Erinnerung wieder wachgerufen werden.

Das Pilotprojekt lief von Oktober bis März im Sophienhaus und in der Pflegeeinrichtung Katharinenhof am Preußenpark in Wilmersdorf. Zweimal die Woche bekamen jeweils zwei Gruppen in beiden Häusern, insgesamt 28 Bewohner, Märchen der Brüder Grimm und von Hans Christian Andersen zu hören.

Schauspielerin Marlies Ludwig trug im bodenlangen Mantel die Erzählungen vor. „Beim Vorlesen hätten die Bewohner nicht erreicht werden können“, erklärt Diane Dierking. „Augenkontakt ist wichtig.“ Wenn etwa die Zuhörer verängstigt reagierten, weil Schneewittchen im gläsernen Sarg liegt, ging die Schauspielerin schneller über diese Stelle hinweg. Der Erfolg habe ihre Erwartungen übertroffen, sagt Dierking. „Wir hatten maximal 25 Minuten pro Sitzung geplant, weil wir davon ausgingen, dass die Bewohner sich nicht länger konzentrieren könnten. Aber oft blieben sie länger sitzen.“

Alle Veranstaltungen wurden dokumentiert und von der Evangelischen Hochschule wissenschaftlich evaluiert. Danach waren 92 Prozent der Reaktionen positiv: Dierking nennt Beispiele. Eine Bewohnerin, deren Hände zunächst verkrampft waren, hätte sich immer mehr entspannt. Eine andere Frau, die anfangs aggressiv gewesen sei, habe sie eines Tages gefragt: „Stroh zu Gold, glaubst Du das?“

„Märchen sind eine wichtige nichtmedikamentöse Therapie“, sagt Silke Fischer, Direktorin von Märchenland. Ihr Ziel ist es, Pflegekräfte und vielleicht auch Angehörige als Erzähler auszubilden. „Der freie Vortrag sollte professionell sein.“ Die Senatsgesundheitsverwaltung hat das Pilotprojekt mit 27 000 Euro unterstützt, weitere 30 000 Euro kamen von den Pflegeeinrichtungen. Im Oktober startet bundesweit ein neues Projekt für einen Zeitraum von zwei Jahren, auch die beiden Berliner Häuser nehmen wieder daran teil. Es wird mit 410 000 Euro zu einem Viertel durch das Bundesministerium für Senioren gefördert.

Den Krankheitsverlauf aufhalten können Märchen jedoch nicht. Nach den Vorträgen vergaßen die Zuhörer sie wieder. „Aber Märchen erleichtern den Alltag für die Bewohner und die Pflegenden“, sagt Silke Fischer.