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Pläne des Finanzsenators: Bestehende Kitas sollen noch mehr Kinder aufnehmen

Da ist doch Platz am Waschbecken - findet Finanzsenator Nußbaum.

Da ist doch Platz am Waschbecken - findet Finanzsenator Nußbaum.

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dpa

Finanzsenator Ulrich Nußbaum (parteilos) plant bereits bestehende Kitas mit mehr Kindern auszulasten als bisher üblich. In der Konsequenz könnten dadurch Kita-Gruppen noch größer werden. Er beruft sich dabei auf das Ergebnis einer dreiwöchigen Stichproben-Erhebung in repräsentativ ausgewählten Kitas, die vom Finanzsenator betrieben wurde.

Zwar werden laut Erhebung nicht alle vom Steuerzahler finanzierten Kita-Stunden voll in Anspruch genommen. Doch auf den zweiten Blick ist der Kita-Alltag komplizierter: Wer sein Kind für den erweiterten Ganztagsbetrieb mit mehr als neun Stunden angemeldet hat, nutzt laut der jüngsten Erhebung nur 8 Stunden und 22 Minuten. Kinder mit einem Halbtagsplatz von maximal fünf Stunden aber sind oft sogar ein bisschen länger in der Kita, als sie dürfen. Nußbaum verweist auch darauf, dass während der drei Stichproben-Wochen im Juni und Juli etwa 22 Prozent der angemeldeten Kinder gar nicht in die Kita, vor allem weil sie krank oder in Urlaub waren.

Trotzdem eine ganze Erzieherin

„Es kann nicht sein, dass viele Familien auf Kita-Plätze warten müssen, weil fast ein Viertel der vorhandenen und bezahlten Kapazitäten ungenutzt bleibt“, sagte Nußbaum der Berliner Zeitung. Immerhin gebe das Land aus gutem Grund 1,2 Milliarden Euro für die Kita-Betreuung aus. „Dieses Geld darf nicht in ungenutzte Kapazitäten fließen.“ Angesichts des erwarteten Anstieges der Kinderzahlen in Berlin will Nußbaum offenbar vor allem vergleichsweise teure Kita-Neubauten vermeiden. Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) widersprach Nußbaum umgehend: „Nur weil Kinder gelegentlich mal früher aus der Kita abgeholt werden oder krankheitsbedingt fehlen, werden daraus nicht gleich freie Kita-Plätze.“ Nußbaum dürfe auch nicht unterschlagen, dass auch eine Erzieherin mal krank werde.

Auch die Kita-Träger reagierten mit Unverständnis auf Nußbaums Ansinnen. „Im gesetzlich festgelegten Personalschlüssel für die Kitas ist bereits eingerechnet, dass nicht immer alle Kinder die volle Zeit anwesend sind“, sagte Martin Hoyer vom Paritätischen Wohlfahrtsverband, dem großen Dachverband für freie Kita-Träger. Und wenn auch am Nachmittag nur noch ein oder zwei Kinder in der Gruppe seien, müsse trotzdem noch eine ganze Erzieherin vor Ort sein. „Da können wir aus statistischen Gründen nicht schon mal den Fuß nach Hause schicken“, sagte Hoyer ironisch überspitzt. Kita-Träger seien ja gesetzlich verpflichtet, bestimmte Öffnungszeiten einzuhalten. Die zeitliche Nutzung der Kita-Plätze entspreche nach seinen Berechnungen ohnehin ziemlich genau der vom Land finanzierten Anwesenheit von Kita-Erzieherinnen. „Das hat uns selbst überrascht“, sagte Hoyer. Es sei doch schon heute so, dass nur die tatsächlich vergebenen Plätze vom Land finanziert würden. Während der Sommerferien seien Kitas nicht voll ausgelastet.

Fortbildung und Dokumentation

Roland Kern vom Dachverband der Kinder- und Schülerläden verwies darauf, dass die Grundlagen zur Berechnung des Kita-Personalschlüssels aus dem Jahr 1978 stammten. Heute aber seien laut Berliner Bildungsprogramm 23 Prozent der Arbeitszeit einer Erzieherin für Aufgaben reserviert, die nicht unmittelbar mit dem Kind zu tun hätten: Fortbildung, Dokumentation der kindlichen Entwicklung, oder Evaluationen etwa. Maria Lingens vom Kita-Träger Arbeiterwohlfahrt stellte fest, dass die vor ein paar Jahren eingeführte Beitragsfreiheit für die letzten drei Kita-Jahre nicht dazu führe, dass dort ein größerer Betreuungsbedarf in Anspruch genommen werde als bei den gebührenpflichtigen Kinder-Krippen für Unter-Dreijährige. Das aber war Nußbaums Vermutung gewesen. Deshalb hatte er die Stichproben-Erhebung gewollt.