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Pläne zur Zentral- und Landesbibliothek (ZLB): Ein Raumschiff für das Tempelhofer Feld

Raumschiff Tempelhof: So stellen sich die Architekten Kohlmayer und Oberst die Bibliothek vor.

Raumschiff Tempelhof: So stellen sich die Architekten Kohlmayer und Oberst die Bibliothek vor.

Foto:

Architekturbüro Kohlmayer Oberst

Berlin -

Die Zentral- und Landesbibliothek (ZLB) soll einen Neubau am Rand des Tempelhofer Feldes erhalten. Die Wettbewerbsjury vergab im Dezember 2013 zwei erste Preise: sie gingen an die Züricher Architekten Sarah Miebach und Rico Oberholzer sowie an die Stuttgarter Regina Kohlmayer und Jens Oberst. Vor der Entscheidung sollen sie ihre Entwürfe jetzt überarbeiten. Die Stuttgarter Architekten beschreiben im Gespräch mit der Berliner Zeitung, wie es weitergeht.

Noch ist nicht entschieden, wer den Zuschlag für den Neubau der ZLB erhält. Berlins Stadtentwicklungssenator hat dennoch vor kurzem seine Sympathie für Ihren Entwurf bekundet. Hat Sie das überrascht?

Oberst: Das hat uns nicht überrascht. Das hat uns gefreut.

Gehen Sie jetzt davon aus, dass Sie den Zuschlag bekommen?

Oberst: Nein, es hat uns ja nur gefreut. Wir respektieren das Ergebnis des Preisgerichts. Es gibt zwei erste Preisträger. Wir haben beide die Überarbeitung zu leisten, dann wird die Entscheidung getroffen. Insoweit ist das weder eine Vorwegnahme noch eine Vorentscheidung.

Wie sehen die nächsten Schritte bei Ihnen aus?

Oberst: Wir warten die nächsten 14 Tage ab, bis wir die Bearbeitungsvorschläge bekommen und starten dann in die Überarbeitungsphase. Die wird wahrscheinlich sechs bis acht Wochen dauern. Und dann wird eine Entscheidung getroffen.

Bibliotheken wünschen sich eher ein Gebäude, das in die Höhe wächst, statt ein so langes Haus wie Sie es planen. Wie werden Sie darauf reagieren?

Oberst: Wir wissen, dass die neue Bibliothek in Stuttgart, in der die unterschiedlichen Bereiche übereinander gestapelt werden, unter Bibliothekaren als ein Vorbild genannt wird. Das heißt aber nicht, dass es nicht auch andere Lösungsansätze gibt, die mindestens so vorbildhaft sein werden.

Kohlmayer: Es gibt ja auch andere Projekte, die sich in die Fläche entwickeln. Es gibt solche Bibliotheken in Helsinki und in Alexandria, in Katar wird ein solches Haus gerade errichtet.

Welche städtebauliche Idee steht hinter Ihrem Entwurf: Wollen Sie dem mächtigen Flughafengebäude mit einem großen Haus etwas entgegensetzen?

Oberst: Die Bibliothek muss stark genug sein, um dem Flughafengebäude entgegenzutreten. Aber es gibt noch andere Dimensionen: Da ist die Autobahn, die Bahnlinie, wir haben die etwa zwei Kilometer langen Landebahnen. Auf diese städtebaulichen Dominanten reagiert unser Entwurf. Es ist ein Gebäude der Dimension.

Für ihr Gebäude ist unter anderem der Begriff Raumschiff verwendet worden. Wie finden Sie das?

Architektur darf immer assoziieren. Wir haben ein breites Portfolio an Bezeichnungen gehört: Mal Schiff, mal Lastkahn, wir haben auch schon Öl-Lampe gehört.

Es heißt, Ihr Projekt liegt über dem Budget von 270 Millionen Euro, das bisher veranschlagt ist. Werden Sie es schaffen, innerhalb des Kostenrahmens zu bleiben?

Oberst: Nach unserer Schätzung halten wir die Baukostengrenze ein. Die Aussagen, dass wir vermutlich darüber liegen, stammt aus der Vorprüfung des Wettbewerbs. Die Berechnungen müssen wir erst mal verifizieren. Klar ist: Wir werden den Rahmen einhalten, der uns vorgegeben ist.

Wo sehen Sie die Vorzüge Ihres Entwurfs gegenüber dem anderen erstplatzierten Entwurf?

Oberst: Wir wollen unsere Arbeit nicht mit der Arbeit der Schweizer vergleichen. Das ist dem Respekt gegenüber den Kollegen und gegenüber dem Verfahren geschuldet.

Die Qualitäten unseres Konzeptes sind jedoch beim Raumprogramm zu sehen. Wir haben gerade bei der öffentlichen Bespielbarkeit, also der Aneignung, die dem Bürger möglich sein sollte, Angebote gezeichnet, die über das Thema Bibliothek hinausgehen. Da muss Kommunikation stattfinden können, da muss spontan ein Zusammenkommen möglich sein, da müssen Menschen animiert werden, vielleicht kleine Ausstellungen zu machen, sich mitteilen zu können. Das ist das Charakteristikum unserer Arbeit.

Haben Sie sich bei Ihrem Entwurf mit der markanten Betonfassade von einem anderen Architekten leiten lassen?

Nein, der Entwurf ist typisch für unser Büro. Wir arbeiten einfach gerne mit Beton. Wir sind technologisch geprägt, aber es gibt kein signifikantes Vorbild.

In Berlin gibt es eine große Zahl von Menschen, die gegen die geplante Randbebauung des Tempelhofer Feldes sind. Darunter fällt auch der Bau der ZLB. Können Sie die Kritik nachempfinden?

Kohlmayer: In gewissen Maßen kann man das nachvollziehen, dass es Bürger gibt, die an dem Bestand hängen. Letztendlich ist es Aufgabe der Politik, die Menschen von den Planungen zu überzeugen.

Wie beurteilen Sie die Tempelhof-Planung des Landes Berlin: Ist sie überzeugend? Sind Sie zufrieden mit der Einfassung der Bibliothek in den Stadtraum?

Kohlmayer: Grundsätzlich ist alles sehr nachvollziehbar. Wir haben uns erlaubt, bei den städtebaulichen Vorgaben etwas abzuweichen, und die Bibliothek mehr in den Stadtraum einzubinden. Das ist eine kleine Korrektur an dem kompletten städtebaulichen Entwurf.

Inwiefern weichen Sie ab?

Oberst: Bei den anderen Arbeiten sind die Bibliotheken vom Tempelhofer Damm aus gesehen in der zweiten Reihe platziert. Davor gibt es eine Blockstruktur. Diese Blockstruktur haben wir nicht aufgegriffen. Wir sind der Meinung, dass die Bibliothek unmittelbar zwischen Luftseite, dem Feld, und der Landseite, dem Tempelhofer Damm, eingespannt sein muss. Wir können uns nicht vorstellen, dass es dort eine Barriere durch einen Wohn- oder Gewerbeblock gibt.

Wie wird der Nutzer die Bibliothek erleben, wenn er das Haus betritt?

Oberst: Es wird zwei Eingänge geben. Einen zum Tempelhofer Damm und einen weiteren zum Tempelhofer Feld. Wir möchten ein schwellenfreies Haus errichten, das den Gedanken eines offenen Gebäudes im öffentlichen Raum ausdrückt. Von der Erdgeschosszone mit einer Raumhöhe von acht, neun Metern gehen die Besucher in die erste Ebene, die sich durch die Fenster zur Stadtseite und zum Tempelhofer Feld öffnet. Dort befinden sich die Medien-Angebote für Kinder und Jugendliche. Die zweite Ebene ist eine eher introvertierte Ebene, die sich hinter der Betonfassade befindet und durch Oberlichter belichtet wird. Sie wird eher einen wohnlichen, ruhigen Charakter aufweisen. Wir stellen uns vor, dass man da auch mal einen ganzen Tag verbringt.

Wenn Sie in die Zukunft blicken: Wie wird das Tempelhofer Feld in zehn Jahren aussehen, speziell am Tempelhofer Damm?

Kohlmayer: Die Bibliothek wird ein belebtes Haus sein, in das die Berliner gerne gehen, sich treffen und informieren. Der Park wird eine gute Qualität aufweisen und einen guten Freiraum darstellen.

Das Gespräch führte Ulrich Paul.