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Berliner Zeitung | Plattform Hollaback Berlin: 1200 Aufschreie gegen Grapscher und Belästiger in Berlin
10. January 2016
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Plattform Hollaback Berlin: 1200 Aufschreie gegen Grapscher und Belästiger in Berlin

Schon ein kleines "Hey, Baby" kann belästigend sein.

Schon ein kleines "Hey, Baby" kann belästigend sein.

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Hollaback

Plötzlich sind da Hände. Auf dem Oberschenkel, an der Taille, an der Brust oder am Po. Völlig unvermittelt. Schreck. Angst. Wut. Fassungslosigkeit. Und ehe Worte das artikulieren können, ist der Moment auch schon vorbei, die Hände wieder weg. Was bleibt, ist ein Gegenüber, das schamlos grinst, unschuldig tut oder einfach weggeht. Und ein diffuses Gefühl von Machtlosigkeit.

Viele der Berichte auf der Internet-Plattform Hollaback Berlin schildern solche Szenen. Sie spielen mitten auf den Straßen Berlins, in der U-Bahn, im Supermarkt oder in der Mensa. Was fast alle Übergriffe gemein haben, ist die Beiläufigkeit, mit der sie geschehen. Und ihre Dokumentation mit einer pinken Stecknadel.

Auf einer Karte auf der Hollaback-Webseite zeigen diese Marker an, wo Frauen in Berlin überall sexuell belästigt wurden. Die Nadeln sind über das ganze Stadtgebiet verteilt, von Steglitz bis Friedrichshain, von Treptow bis Moabit, eine große, pinke Anklage.

Hinter jedem Eintrag verbirgt sich die anonym erzählte Geschichte einer Frau. "Brüll zurück", heißt "Hollaback" übersetzt. Belästigungsopfer finden hier die Sprache wieder, die ihnen im Moment des Übergriffs meist fehlt.

"Die Frauen können sich das Erlebte von der Seele schreiben. Sie merken, dass sie nicht allein sind und fühlen sich ernstgenommen", sagt Julia Brilling. Die 31-Jährige gründete den Berliner Ableger des weltweiten Hollaback-Netzwerks 2011 gemeinsam mit einer Kommilitonin. Mit ihrer Plattform wollen sie auch das öffentliche Bewusstsein für das Thema Belästigung schärfen.

"Oft als dummer Jungenstreich abgetan"

"In Deutschland wird sexualisierte Gewalt oft als dummer Jungenstreich abgetan, so à la unter den Rock gucken oder Nachpfeifen", sagt Brilling, die die Arbeit für Hollaback ehrenamtlich macht und hauptberuflich als Beraterin tätig ist. "Aber so werden Frauen zu Objekten."

Brilling kritisiert eine Hierarchie zwischen den Geschlechtern, eine Einteilung in das Starke und das Schwache, und einen von männlichen Denkmustern geprägten Umgang miteinander. "Schon unter pubertierenden Jungs ist es normal, im Bus die Anmachsprüche an Mädchen zu testen."

Öffentlich im Zug masturbieren

Am häufigsten lesen sie und die anderen Administratoren der Webseite von Übergriffen in der Bahn oder auf der Straße. Männer setzen sich dicht neben Frauen, obwohl der ganze Waggon frei ist, oder lümmeln breitbeinig auf dem Sitz gegenüber. "Auch gibt es nicht wenige Fälle, in denen Männer neben Frauen im Zug masturbieren. Völlig öffentlich, ohne, dass jemand etwas sagt, das glaubt man kaum!"

Doch soweit muss es gar nicht kommen. Auch ein Spruch, das kleine "Hey, Baby, du siehst heiß aus" oder dauerhaftes Anstarren können Frauen ein mulmiges Gefühl machen. "Belästigung ist alles, was als Belästigung empfunden wird", sagt Brilling.

Eine 14-Jährige habe vielleicht eine andere Schwelle als eine 30-Jährige. "Aber jede unangenehme Begegnung kann ein kleines Trauma hinterlassen. Sie greift in den Alltag ein, sorgt dafür, dass man bestimmte Orte meidet oder einen anderen Weg nach Hause nimmt."

Grapschen ist nicht strafbar

Insgesamt rund 1200 Geschichten sind auf der Plattform bisher bereits eingegangen, berichtet Brilling. Sie kennt keinen Fall, in dem erfolgreich Anzeige erstattet wurde. "Grapschen ist bisher nicht strafbar. Es gibt zu schwache Gesetze zu sexueller Belästigung, nur den Beleidigungsparagraphen. Da muss das Opfer das Erlebte aber beweisen, was total schwer ist, wenn es quasi im Vorbeigehen passiert."

Die CDU hatte am Wochenende erklärt, man wolle das Sexualstrafrecht reformieren und auch Übergriffe unterhalb der Schwelle sexueller Nötigung, zum Beispiel Grapschen, unter Strafe stellen. Brilling hält das jedoch für ein gezieltes Manöver, um von der aktuellen Stimmung nach den Vorfällen in Köln zu profitieren. "Wer weiß, wann das kommt und wie weit es dann wirklich greift", sagt sie.

Auf die Frage, ob sie Betroffenen zur Anzeige rät, weiß Brilling keine eindeutige Antwort. "Einerseits fände ich es gut, wenn alles angezeigt würde, damit das Problem anerkannt wird. Anderseits kann ich verstehen, wenn Frauen die schlimmen Momente nicht noch mal durchleben wollen, wenn die Polizei sie dazu befragt." Oft fehle es den Beamten an Einfühlungsvermögen, sie seien nicht gut genug geschult.

Brilling hofft, dass die Gesetze irgendwann Frauen besser schützen. Dass ein Umdenken bei den Menschen einsetzt. Besonders optimistisch ist sie allerdings nicht. "Nach den Vorfällen in Köln erlebt das Thema Belästigung gerade mal wieder einen Medienhype." Der diene aber gar nicht unbedingt immer ihrer Sache.

"Es geht darin längst nicht mehr um sexualisierte Gewalt. Das Problem wird einer fremden Gruppe zugeschoben, nicht in der Mitte der Gesellschaft verortet." Es würde mehr über Täter gesprochen, über Geflüchtete und Ausländer, über Männer - anstatt über Frauen. "Nur zu sagen, dass sind die, wir sind anders - das ist zu einfach."