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Berliner Zeitung | Anschlag auf Heim-Unterstützerin: Ausländerhasser zünden Auto in Hellersdorf an
18. March 2014
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Anschlag auf Heim-Unterstützerin: Ausländerhasser zünden Auto in Hellersdorf an

Polizisten beschützen das Flüchtlingsheim an der Carola-Neher-Straße. Doch nicht immer ist die Polizei da.

Polizisten beschützen das Flüchtlingsheim an der Carola-Neher-Straße. Doch nicht immer ist die Polizei da.

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Berliner Zeitung

Die 44-Jährige hatte ihren Opel in der Nacht zum Sonntag auf einem Parkplatz der Evangelischen Gemeinde in der Glauchauer Straße geparkt. Gegen 2.30 Uhr bemerkte ein Anwohner die Flammen und alarmierte die Feuerwehr. Das Auto brannte dennoch aus. Die Brandermittler der Polizei fanden bald heraus, dass das Feuer nicht auf einen technischen Defekt zurückzuführen war sondern gelegt wurde – und wahrscheinlich ein gezielter politisch motivierter Anschlag war.

Offiziell meldete die Polizei den Vorfall am Sonntag als eine Autozündelei von vielen. Doch erst auf Anfrage bestätigte ein Polizeisprecher der Berliner Zeitung am Dienstag, dass inzwischen der Staatsschutz ermittelt.

Die für die Verfolgung politisch motivierter Straftaten zuständige Abteilung im Landeskriminalamt geht davon aus, dass die Tat durch Neonazis begangen wurde – auch wenn es offiziell bei der Pressestelle heißt, man ermittle „in alle Richtungen“.

Die Frau, der das abgefackelte Auto gehört, engagiert sich in der Initiative „Hellersdorf hilft“, die die Heimbewohner unterstützt. Sie arbeitet bei der Katholischen Seelsorge der Bundeswehr. Nach eigenem Bekunden will sie eine Brücke schlagen zwischen den Asylsuchenden und den Anwohnern im Viertel. „Hier gibt es nicht nur Rechte sondern auch viele Menschen, die helfen“, sagte sie.

Kfz-Kennzeichen notiert

Bedrohungen durch Gegner des Heims und Neonazis sehen sich die Helfer schon länger ausgesetzt. Als die 44-Jährige Hilfsgüter aus ihrem Auto auslud, sei sie fotografiert worden. Auch hätten sich Rechte ihr Kfz-Kennzeichen notiert, sagte sie einer evangelischen Publikation. Den Brandanschlag auf das Auto der Frau bezeichnet Bezirksbürgermeister Stefan Komoß (SPD) als neue Qualität der Aktivitäten von Rechtsextremisten. „Das ist keine politische Auseinandersetzung mehr, das ist Kriminalität. Hier handelt es sich um direkte Gewalt gegen Personen“, sagte Komoß. „Ich bin froh, dass der Staatsschutz ermittelt.“

Hetzjagd durch den Kiez

Bereits in der Nacht zu Freitag hatten nach Angaben der Polizei sechs Männer eine Hetzjagd auf zwei Flüchtlinge veranstaltet. An der Maxi-Wander-, Ecke Carola-Neher-Straße bewarfen sie den 19- und den 20-Jährigen mit Bierflaschen. Sie konnten sich in das Heim retten und gemeinsam mit anderen Bewohnern ein Eindringen der Täter in das Heim verhindern. Die Täter flüchteten unerkannt. Die Opfer berichteten, dass sie zuvor sogar von einem Pulk von rund 15 Personen über längere Zeit durch den Bezirk verfolgt worden seien. Auch in diesem Fall ermittelt der Staatsschutz.

Der Vorsitzende der Piratenfraktion, Oliver Höfinghoff, fordert: „Der Senat muss endlich den Ernst der Lage erkennen und entsprechend handeln.“ Hellersdorf sei zum Brennpunkt rechter und rassistischer Übergriffe geworden. „Diese Entwicklung ist keineswegs überraschend, sondern hat sich vielmehr schon vor Bezug des Flüchtlingsheims abgezeichnet“, so Höfinghoff. Eine tragende Rolle in diesem Zusammenhang spiele die sogenannte Bürgerbewegung Hellersdorf. Sie habe von Beginn an die rechte Hetze kanalisiert und angeheizt.

Rund um das Flüchtlingsheim kommt es immer wieder zu fremdenfeindlichen Attacken. Im Januar gab es auf das Heim einen Anschlag mit einem Böllersprengsatz und kurz darauf randalierten zwei Männer und eine Frau am Eingang. Die Polizei stellt in dem Bereich einen Brennpunkt politisch motivierter Straftaten fest: Der aktuellen Kriminalstatistik zufolge kam es im Zusammenhang mit dem Heim im vergangenen Jahr zu 64 rechtsextremen Straftaten, darunter fünf Gewaltdelikte.

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