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Berliner Zeitung | Empörung über Polizisten : Was das Video der Festnahme nicht zeigt
07. July 2014
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Empörung über Polizisten : Was das Video der Festnahme nicht zeigt

Rund 2300 Menschen demonstrieren am Samstag für ein Bleiberecht der Flüchtlinge aus dem Schulgebäude in Berlin-Kreuzberg. Nun sorgt ein Video mit den Aufnahmen vermeintlicher Polizeigewalt für eine Empörungswelle im Netz.

Rund 2300 Menschen demonstrieren am Samstag für ein Bleiberecht der Flüchtlinge aus dem Schulgebäude in Berlin-Kreuzberg. Nun sorgt ein Video mit den Aufnahmen vermeintlicher Polizeigewalt für eine Empörungswelle im Netz.

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imago/Future Image

Seit Samstag kursiert im Internet ein Video, das bis Montag rund 200.000 Mal geklickt wurde. Der Film, der mit „Brutaler Polizeiübergriff, 5. Juli 2014, Berlin-Kreuzberg (Görlitzer Park)“ untertitelt ist, sorgt für breite Empörung in der linken Szene und anderen polizeikritischen Kreisen. Allein über Facebook bekam die Polizei 30 Beschwerden.

Der Film beginnt mit der Aufforderung eines Polizisten an einen Mann: „Ausweis her!“ Als der sich weigert und zurückweicht, soll er zur Identitätsfeststellung mitgenommen werden. Weil er sich mit allen Kräften wehrt, sind mehrere Beamte nötig, um ihn zu bändigen. Solche Szenen sehen nie nett aus.

Was der Film nicht zeigt, ist, was zuvor geschah: Die Polizei war da, weil es im Görlitzer Park eine Schlägerei gab, bei der ein Mann verletzt wurde. Als die Polizei den Sachverhalt aufnehmen wollte, ging nach Angaben der Beamten immer wieder ein 22-Jähriger dazwischen, obwohl er mehrfach weggeschickt wurde. Schließlich sollte ihm ein „qualifizierter Platzverweis“ ausgesprochen werden, mit Personalienaufnahme. Die Situation eskalierte.

Was der geschnittene Film ebenfalls ausblendet, ist die Pfeffersprayladung, die jemand auf die Polizisten sprüht. Er zeigt auch nicht, dass der Beamte, der den Ausweis des 22-Jährigen sehen wollte, am Schluss von oben bis unten bespuckt war.

Was man sieht, lässt sich auch anders deuten: Dass Polizisten schon bei alltäglichen Einsätzen von einer Menschenmenge umringt und beschimpft werden – und dass sie dabei durchaus mal ein Fahrrad an den Kopf kriegen können. Die Verletztenbilanz seitens der Polizei: eine Gehirnerschütterung, ein Biss in den Finger, eine Schulterprellung, mehrere Augenreizungen. Wie es dem Kontrollierten geht, ist nicht bekannt.

Es gibt Videos im Netz, die polizeiliches Fehlverhalten sehr genau dokumentieren und zu Disziplinarverfahren führten. Dieser Film aber ist kaum mehr als Propaganda.