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Kriminalität: So kämpft die Polizei gegen Berlins Taschendieb-Banden

Taschendiebfahnder bei der Arbeit am Hauptbahnhof

Taschendiebfahnder bei der Arbeit am Hauptbahnhof

Foto:

Berliner Zeitung/Andreas Kopietz

Der Mann dahinten im Trenchcoat könnte einer von denen sein. Er geht auf dem Fernbahnsteig des Hauptbahnhofs hin und her und schaut auf die Taschen der Leute, die auf den ICE warten.  Sven L. beobachtet den Mann aus den Augenwinkeln.  „Mit den Jahren hat man ein Bauchgefühl dafür, dass mit jemandem was nicht stimmt“, sagt er.

Unauffällig dranbleiben

Der 37-jährige Polizeihauptmeister  gehört seit acht Jahren zur 2007 gegründeten „Ermittlungsgruppe Tasche“ der Bundespolizeidirektion Berlin. Sie besteht aus 13 Beamten. An diesem Tag ist er zusammen mit dem 36-jährigen Polizeiobermeister  Roberto S. auf Streife in der S-Bahn.  Zwei weitere Fahnder und eine Fahnderin sind ebenfalls unterwegs.

Sven L. und Roberto S. halten zehn Meter Abstand zueinander. Taschendiebe sind eine sensible Klientel. Sie steigen ein in die S-Bahn und an der nächsten Station wieder aus. Sie schauen, wer ihnen folgt, sie „schütteln“, wie es im Fahnderjargon heißt.

Pistole unter der Jacke

Wer sich von ihnen nicht abschütteln lassen will, muss Augenkontakt mit den Verdächtigen vermeiden und darf nicht zu markant aussehen.  Manche der Fahnder tragen Rucksäcke, Kapuzenshirts  und Ohrhörer, Brillen und bunte Mützen. Die meisten würde man nie für Polizisten halten. Doch unter der Jacke tragen sie eine P30 mit 15 Schuss.

Die Fahnder  passen an diesem Tag auf 3,5 Millionen Fahrgäste auf, die die S-Bahn täglich transportiert. In Berlins Bahnhöfen und Zügen stieg die Zahl der angezeigten Taschendiebstähle im vergangenen Jahr um 50 Prozent auf rund 11.900 Fälle. Im Stadtgebiet, für das die Landespolizei zuständig ist, waren es  40.400 Fälle – ein Plus von 26 Prozent.

Taschendieb-Schule in Polen

Dafür gibt es mehrere Gründe: Viel mehr Touristen kommen. Die werden auch am meisten beklaut, vor allem an den Wochenenden. Außerdem erzählten aufgegriffene Taschendiebe, dass sie aus dem Ruhrgebiet von Nordafrikanern vertrieben wurden.
Der Mann im Trenchcoat ist wohl harmlos.  Sven L. und Roberto S. fahren zum Bahnhof Zoo und machen jene Runde, die auch Diebe auf der Suche nach Opfern machen: Rolltreppe runter, dann durch die U-Bahn-Station, Rolltreppe hoch. Manchmal begegnen sie ihrer Klientel, die sie bei früheren Festnahmen fotografiert haben.

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Taschendiebstahl (Symbolfoto)

Foto:

dpa

Diebe brauchen warme Finger

Die Fahnder haben ein gutes Gesichtergedächtnis. „Wenn man am Tag Tausende Leute gescannt hat,  dann weiß man abends, was man gemacht hat“, sagt Sven L. Einige Täter kommen aus Polen. In  Kielce soll es in vierter Generation eine Taschendieb-Schule geben, in der sie die Fingerfertigkeit lernen. Die leidet übrigens im Winter, weil Diebe warme Finger brauchen.

Bei starker Kälte verziehen sich die Täter gern in die U-Bahn, sagt Sven L. Das Taschendieb-Handwerk ist ein Lehrberuf.  Auch in Rumänien und Bulgarien. Ein erfolgreicher Dieb verdient monatlich 35.000 Euro, errechneten Polizisten.

Taschendiebe teilen Berlin unter sich auf

Polnische Täter haben sich auf Fernbahnhöfe spezialisiert, auf „Einstiegstaten“ am ICE, wo sich Reisende an den Zügen stauen. Sie sind gut gekleidet, haben Rollkoffer bei sich. Täter aus Moldawien haben sich auf S-Bahn-Fahrgäste spezialisiert, die nachts einschlafen. Die meisten Taschendiebe  kommen jedoch aus Rumänien oder Bulgarien. Verdächtige zu erkennen, wird immer schwieriger, weil in der S-Bahn mehr Flüchtlinge unterwegs sind.
Sven S.  und seine Kollegen  verständigen sich übers Handy, nur manchmal kommen sie sich kurz nahe, um sich abzusprechen – etwa , wenn sich gerade wieder Menschen stauen. Ein Taschendieb nutzt den Stau oder erzeugt ihn: auf Rolltreppen, beim Einsteigen in den Bus oder  in den Zug. Einer blockt, einer zieht, der dritte flüchtet mit der Brieftasche. 96 Prozent der Taten werden erst später entdeckt und angezeigt, was die Jagd auf die Täter so schwer macht.

Taschendiebe in Charlottenburg

Sven L.  verlässt den S-Bahnhof Charlottenburg. In einem Lokal sitzen ein paar Diebe, die er kennt. Sie machen Mittagspause.  Eine Vierergruppe Rumänen ist derweil unterwegs zum Bahnhof. „Alte Bekannte“, murmelt Sven L.

Auf der Rolltreppe des S-Bahnhofs Charlottenburg nähern sich die vier Verdächtigen dem Rucksack eines Mannes. Doch der Mann mit Rucksack rennt los, um die Bahn zu schaffen.  Die vier stehen kurz  auf dem Bahnsteig und laufen dann runter in die Wilmersdorfer Straße. Sven L. und Roberto S. bleiben  dran. Wie auch zwei andere Kollegen, von denen einer –  mit Kapuzenshirt und Brille – scheinbar gelangweilt an einer Säule lehnt. Er beobachtet, wie sie sich einer Asiatin nähern, die sie unbehelligt lassen.

500 Festnahmen im letzten Jahr

Nun wartet die Vierergruppe an der Tür des Busses zum Zoo. Würden sie jetzt jemanden bestehlen, würden die Fahnder zugreifen. Doch die Verdächtigen steigen nur ein. Sven L. läuft  zur S-Bahn. Die ist schneller als der Bus am Zoo. Als er dort auf den Bus wartet, bekommt er auf sein Telefon die Nachricht: „Sie sind im Sex-Kino verschwunden.“
In dieser Schicht hatten die Fahnder kein Glück. Dafür aber am Wochenende darauf. Sie erwischten  vier Diebe, die nachts schlafende Fahrgäste bestohlen hatten.  Im vergangenen Jahr nahmen  Beamte der Bundespolizei in Berlin über 500 Taschendiebe fest.

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