blz_logo12,9

Mord an der Fleischtheke: Ein zufälliges Opfer

In dieser Supermarkt-Filiale wurde am Dienstagabend ein 82-jähriger Mann erstochen. Die Staatsanwaltschaft hält den Täter für geisteskrank.

In dieser Supermarkt-Filiale wurde am Dienstagabend ein 82-jähriger Mann erstochen. Die Staatsanwaltschaft hält den Täter für geisteskrank.

Foto:

Sven Meissner

Berlin -

Nur zwei Meter entfernt von der Stelle, wo 18 Stunden zuvor ein Mann getötet wurde, gibt es alle möglichen Sonderangebote: runtergesetzte Sandalen, besonders preiswerte Wurst.

In der Kaufland-Filiale an der Weddinger Residenzstraße, wo am Dienstagabend ein Verwirrter einen 82-jährigen Mann erstochen hat, geht am Mittwoch alles wieder seinen gewohnten Gang – so, als wäre nichts passiert. Aus den Lautsprechern dringt italienische Schmusemusik, die verglaste Wursttheke blitzt, auf dem weißen Fliesenboden davor ist das Blut weggewischt.

Völlig unvermittelt hatte Valentin W. am Dienstag gegen 17.30 Uhr zugestochen. Der 30-Jährige griff sich ein Messer aus der Warenauslage, ging zielstrebig auf den 82 Jahre alten Marcel M. zu und stach auf ihn ein – immer wieder, in Brust und Rücken. Als der Täter wegrennen wollte, hielten ihn Kunden und Angestellte fest. Zufällig waren noch Kriminalbeamte auf dem Parkplatz des Geschäfts – denn kurz vor dem Angriff hatte in dem Laden ein anderer Kunde einen tödlichen Zusammenbruch erlitten. Der Ladendetektiv holte die Beamten zurück. Sie nahmen Valentin W. fest. Marcel M. starb noch am Tatort.

Wirre Äußerungen

Die Staatsanwaltschaft hält Valentin W. für psychisch krank. Er wurde am Mittwochabend einem Richter vorgeführt und bekam einen Unterbringungsbefehl in eine psychiatrische Klinik.

Wer sich seine wirren Äußerungen im Internet anschaut, bekommt einen Eindruck, wie es möglicherweise zu der Tat kommen konnte. Auf Youtube präsentiert sich Valentin W. als Waffennarr, etwa mit einem Samuraischwert, einem Dolch und einer Pistole. Auf seiner Facebook-Seite gratuliert er Hitler zum Geburtstag, fabuliert über seinen Drogenkonsum und darüber, dass sein Leben zwischen Illusion und Realität liege.

Valentin W. wurde im kirgisischen Bischkek geboren, ging in Bayern zur Schule und lernte in Berlin Physiotherapeut. Er gilt nicht nur bei Nachbarn als aggressiv. 2011 verurteilte ihn das Berliner Landgericht zu vier Jahren Haft auf Bewährung, weil er einen anderen Mann mit einem Messer angegriffen und verletzt hatte.

#image1

Der 30-Jährige, der nicht weit weg vom späteren Tatort wohnt und regelmäßig in dem Supermarkt einkaufte, hat nicht viele Freunde. Nachbarn aus der Iranischen Straße bezeichnen ihn als verschroben. Dem Hausmeister drohte er mit den Worten: „Hades wird dir den Kopf spalten!“

Marcel M. wurde ein zufälliges Opfer. Nach den bisherigen Erkenntnissen der Polizei kannten sich der Rentner und der 30-Jährige nicht. Im Laden gab es vor der Tat auch keinen Streit zwischen ihnen. „Der alte Mann war einfach zur falschen Zeit am falschen Ort“, sagt ein Polizist. „Er war ein netter, ruhiger Mensch, immer schick angezogen, oft mit dem Fahrrad unterwegs“, sagt Ingrid Domscheit, Wirtin des Soldiner Ecks, wo der Rentner ab und an einkehrte. „Er war sogar mal Hausmeister hier. Er hat ab und zu hier einen Cognac getrunken.“ Marcel W. war ein angesehenes Mitglied seiner Kirchengemeinde. Ein Nachbar in der Wriezener Straße, wo M. wohnte, kann es nicht fassen, was dem 82-Jährigen widerfuhr. Der Rentner habe den Leuten die Fahrräder repariert, erzählt er.

Schweigen nach der Tat

Bei Kaufland will man sich nicht zu der Tat äußern. Während des Angriffs hatten sich zahlreiche Kunden in der Nähe aufgehalten. Seelsorger mussten die geschockten Zeugen betreuen, die Filiale schloss vorzeitig. Ab Mittwochmorgen sollte wieder Normalbetrieb herrschen. Auch an der fünf Meter langen Fleischtheke, vor der sich die Tat ereignete. Der Verkäuferin, die dahintersteht, ist das recht. „Ganz und gar nicht prickelnd“ sei ihr momentanes Gefühl, sagt sie, mehr aber nicht: „Anordnung aus der Chefetage. Ich darf mit keinem über das Thema reden, nicht mal mit Stammkunden.“ Auch die Leitung der Filiale wolle nichts zu dem Vorfall sagen, erklärt eine Angestellte an der Information.

Einem älteren Mann friert das Lächeln ein, als er erfährt, dass sich die Tat an jener Fleischtheke abgespielt hat, an der er gerade steht. Schrecklich sei das Ganze, sagt er. „Andererseits sind diese Dinge heute ja schon wieder fast normal. Der Umgang in der Gesellschaft wird eben immer roher.“


Mord bei Kaufland auf einer größeren Karte anzeigen