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Nach Hatz durch die Brückenstraße: Neonazi-Schläger bleiben straffrei

Die Neonazikneipr "Zum Henker" in der Brückenstraße ist deutschlandweiter Treffpunkt von Neonazis geworden.

Die Neonazikneipr "Zum Henker" in der Brückenstraße ist deutschlandweiter Treffpunkt von Neonazis geworden.

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Andreas Kopietz

"Imbissbetreiber schlägt Neonazis mit Dönerspieß in die Flucht“. Für Schlagzeilen dieser Art sorgten in der Nacht zum 2. September vergangenen Jahres Mehmet Y., sein Bruder Ibrahim und sein Cousin Ayhan.

Kurz nach 3 Uhr jagten damals drei Neonazis einen 23-Jährigen durch die Brückenstraße in Niederschöneweide, weil sie ihn für einen „Linken“ hielten. Das Opfer flüchtete in einen Dönerimbiss an der Ecke Schnellerstraße. Die Neonazis rannten hinterher, schlugen und traten den 23-Jährigen. Die drei Imbiss-Mitarbeiter stellten sich schützend vor den Gejagten. Sie bedrohten die Angreifer mit einem Dönerspieß und drängten sie aus dem Laden, während sie ausländerfeindlich beschimpft wurden. Zufällig waren Zivilpolizisten in der Nähe, die die Täter festnahmen. Die Angreifer, ein 18-Jähriger aus Schleswig-Holstein sowie der 31-jährige Heiko W. aus Hamburg und der 23-jährige Torsten O. aus Wittstock, hatten zuvor in der nahegelegenen Neonazi-Kneipe „Zum Henker“ gefeiert.

Am Donnerstag vor einer Woche hat das Amtsgericht Tiergarten das Verfahren wegen gefährlicher Körperverletzung und Beleidigung eingestellt. Die Beschuldigten, die sich von dem rechten Szene-Anwalt Wolfgang Nahrath vertreten ließen, erhielten eine Geldauflage von 150 Euro, die sie an den Geschädigten zahlen müssen. Das Verfahren gegen den 18-jährigen Haupttäter war gesondert nach dem milderen Jugendstrafrecht geführt worden. Es wurde ebenfalls eingestellt, weil der Täter inzwischen eine andere Haftstrafe von einem Jahr und sechs Monaten in der Jugendarrestanstalt Neumünster abzusitzen hat.

"Ein Beweisproblem"

Heiko W. und Torsten O. waren nach Einschätzung der Richterin nicht die treibenden Kräfte bei der Tat. „Sie waren zudem nicht vorbestraft und geständig und haben sich bei dem Opfer entschuldigt“, sagt Gerichtssprecher Tobias Kähne. Zudem sei das Opfer nicht verletzt worden. „Wir hätten generell ein Beweisproblem gehabt.“

Kurz nach der Tat hatte Oliver Igel, der SPD-Bezirksbürgermeister von Treptow-Köpenick, die Imbiss-Mannschaft besucht und sie für ihre Zivilcourage gelobt. Die Bezirksverordnetenversammlung zeichnete Mehmet Y. in diesem Jahr mit dem Preis für Zivilcourage aus.

Ein Signal, dass das Bagatellen sind

Angesichts des Amtsgerichtsbeschlusses will Bürgermeister Igel keine Richterschelte betreiben. „Aber es ist enttäuschend“, sagte er am Mittwoch der Berliner Zeitung. „In der Gegend um die Brückenstraße, wo viele Neonazis Angst verbreiten, haben mutige Menschen eingegriffen. Wenn am Ende das Verfahren gegen die Täter so billig endet, ist das ein Signal, dass dies alles Bagatellen sind.“

Der Sprecher des Bündnisses für Demokratie und Toleranz, Hans Erxleben, hält die Gerichtsentscheidung für einen Skandal. „Das ist keine angemessene Strafe für einen gewalttätigen politisch motivierten Überfall, erklärte er. Die Verfolgungsjagd durch die Brückenstraße habe zum Ziel gehabt, einen Menschen zu verletzen. „Es ist eine Farce, wenn sich Bezirk und Zivilgesellschaft gegen rechte Gewalt und für Zivilcourage engagieren und die Justiz aber solche Dinge nicht konsequent verfolgt und ahndet.“

Mehmet Y., der als „Held von der Brückenstraße“ gefeiert worden war, soll Freunden zufolge nie daran geglaubt haben, dass die Täter je bestraft würden. Er lehnt aus Frust jeden Kommentar dazu ab: „Ich habe dazu alles gesagt.“

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