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Nach Raserunfall auf dem Tauentzien: Polizei will härter gegen Racer Szene vorgehen

Die gesperrte Tauentzienstraße am 01.02.2016 in Berlin nach einem illegalen Autorennen. Bei dem illegalen Autorennen ist ein Fahrer ums Leben gekommen.

Die gesperrte Tauentzienstraße am 01.02.2016 in Berlin nach einem illegalen Autorennen. Bei dem illegalen Autorennen ist ein Fahrer ums Leben gekommen.

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dpa

Für manche Auto-Freaks gibt es nichts Schöneres: in aufgemotzten Limousinen über Hauptstraßen rasen, den Motor aufheulen lassen, mit anderen Tuning-Fans Rennen fahren. Doch jetzt wächst das Risiko, dass sie in eine Polizeikontrolle geraten und ihr Bolide aus dem Verkehr gezogen wird.

Am Freitag kündigte Berlins Polizeipräsident Klaus Kandt an, stärker gegen die Racer-Szene vorzugehen. „Wir werden ab sofort auf die Bekämpfung illegaler Autorennen einen besonderen Fokus legen“, sagte er. Nicht nur auf dem Kurfürstendamm und der Tauentzienstraße, wo am 1. Februar ein Unbeteiligter bei einem illegalen Autorennen starb, werde ab sofort öfter kontrolliert. Die Polizei hat damit begonnen, weitere Raserstrecken zu identifizieren. „Es wird ein Lagebild erarbeitet“, sagte Kandt.

Michael W., Arzt im Ruhestand, hatte Pech. Als er bei Grün über die Kreuzung fuhr, kam der 69-Jährige einem illegalen Autorennen in die Quere – und in seinem Auto ums Leben. Der 24 Jahre alte Marvin N. war mit einem Mercedes AMG, Hamdi H. (26) mit einem nicht minder hochgezüchteten Audi A 6 durch Charlottenburg gerast. Seit dem Unfall vom 1. Februar steht die Berliner Polizei unter Druck. Die Forderungen, stärker gegen die Racer-Szene vorzugehen, sind lauter geworden.

Staatssekretär: Bußgeld zu niedrig

Zwar postierten sich bereits am Freitag Polizisten am Kurfürstendamm und der Tauentzienstraße. „Dieser Achse ist Schwerpunkt der Szene“, sagte Andreas Tschisch, der in Kandts Stab für die Verkehrssicherheit zuständig ist. Doch woanders werde mal hier, mal dort gerast. „Es gibt keine festen Orte. Die Strecken werden konspirativ per Handy abgesprochen“, so Tschisch. Trotzdem hofft die Polizei, bald weitere Einsatzorte festlegen zu können. Kandt: „In einigen Wochen wollen wir diese Kontrollen intensivieren.“

Es gibt allerdings ein weiteres Problem: „Durch Bußgelder lassen sich diese Raser kaum abschrecken“, berichtete Tschisch. Er bekräftigte, was Berlins Innen-Staatssekretär Bernd Krömer zuvor festgestellt hatte: „Die Bußgelder für nicht angepasste Geschwindigkeit sind viel zu niedrig. Sie sollten auf europäischen Standard angehoben werden“, forderte der CDU-Politiker.

Darum erprobte die Polizei im vergangenen Sommer ein anderes Vorgehen: Sie zog 20 hochpreisige Autos, darunter Lamborghinis und Maseratis, aus dem Verkehr. Nachdem Gutachter verbotene Umbauten festgestellt hatten, wurden die Betriebserlaubnisse gelöscht. „Das Auto zu verlieren – das schmerzt mehr als ein Bußgeld“, so Tschisch.

Allerdings bieten Anwälte, die sich als „Autonarren“ bezeichnen, ihre Dienste an. Und selbst wenn es zum einer Anklage kommt, geht das Verfahren für Raser oft glimpflich aus: Zwei 20 Jahre alte Männer, bei deren Rennen in Köln ein Taxifahrgast starb, wurden im Januar nur zu Bewährungsstrafen verurteilt. Der Richter bezeichnete den Unfall mit Todesfolge als „jugendtypische Tat“.

Mit Tempo 157 über die Seestraße

„Nicht angepasste Geschwindigkeit“, wie Rasen im Polizeideutsch heißt, war in Berlin auch im vergangenen Jahr dritthäufigste Unfallursache. Die Zahl dieser Unfälle sank um 18 Prozent, betrug aber immer noch 2 516. Das Rekordtempo wurde wieder mal auf der Autobahn A 113 im Südosten gemessen: Tempo 164 – erlaubt sind 80. Auf der Seestraße in Wedding wurde ein Auto mit 157 Kilometer pro Stunde geblitzt – zulässig sind lediglich 50.

Obwohl Rasen immer noch ein Problem ist, lässt der Senat mit einer Ausnahme keine weiteren stationären Blitzer aufstellen. Tschisch: „Alte Technik wird getauscht. Doch die Zahl der Standorte, 22, bleibt stabil.“ Es gebe aber täglich 40 Kontrollen mit mobilen Geräten, sagte er.

Nicht genug, so die Gewerkschaft der Polizei. „Der Polizei fehlt Personal, um nachhaltig für Sicherheit auf den Straßen zu sorgen“, warnte sie. Hatte es 2012 noch 15 392 Tempokontrollen gegeben, so waren es vergangenes Jahr nur 12 192. Die Zahl der Verkehrssonderkontrollen sank von 7 650 auf 4 569, hieß es.

Weiterhin ist unklar, ob es auch in diesem April einen Blitz-Marathon gibt. Es kann sein, dass die stadtweite Kontrolle „eingeschränkt oder nicht stattfindet,“ so Kandt. „Die Polizei ist stark belastet“ – sie müsse sich um immer mehr Flüchtlinge kümmern. Im April gebe es aber einen einwöchigen „Twitter-Marathon“ zur Verkehrssicherheit. „Wir werden alle Unfälle twittern – und die Hälfte aller Blitzer-Standorte“, sagte der Polizeipräsident. „Ich rechne mit großem Interesse.“