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Neue Bewegung: Rockerbanden knattern im Kleinwagen durch Berlin

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Am 10. Januar 2014 stürmen Vermummte in ein Wettbüro in Reinickendorf und schießen acht Mal auf Tahir Ö., der an einem Tisch sitzt. Der 26-Jährige ist sofort tot. Auftraggeber für den Mord soll Kadir P. sein, der Boss der inzwischen verbotenen Hells Angels Berlin City. Ihm und zehn weiteren Hells Angels wird gerade am Berliner Landgericht der Prozess gemacht.

Der Mord hat Berlins Rockerszene verändert. Einer der führenden Köpfe der Hells Angels sitzt in Untersuchungshaft, und die Szene bemüht sich, Ruhe reinzubekommen. Öffentlich ausgetragene Auseinandersetzungen mit anderen Clubs finden nicht mehr statt. Die Hells Angels versuchen derweil, ihren Club zusammenzuhalten.

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Hells Angels: Streustraße (Weißensee), Weißenhöher Straße (Biesdorf), Potsdam, Werder, Cottbus, Templin.

Bandidos: Eberswalde, Fürstenwalde, Forst,
Brandenburg (Havel).

Gremium: Mellensee, Strausberg, Velten, Wriezen, Forst,
Oranienburg, Eisenhüttenstadt.

Die Polizei zählt in Berlin und im Speckgürtel etwa 1 000 Mitglieder von Rockerclubs, die sich selbst zu den „One-Percentern“ zählen.

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BLZ / Galanty

In der kriminellen Rockerszene geht es um viel Geld. Sie ist laut Polizei tief ins organisierte Verbrechen verstrickt. Ihre Mitglieder handeln mit Rauschgift und Waffen, erpressen Schutzgeld und lassen Prostituierte für sich arbeiten. Die Angehörigen einiger Rockerclubs sind nach Einschätzung der Polizei inzwischen nur noch „Kriminelle auf Rädern“. Von Motorradromantik und dem Ideal von Freiheit keine Spur mehr.

Der Polizei sind bei Weitem nicht alle Rockerclubs suspekt. Es sind wenige, die sich selbst zu jenem einen Prozent zählen, das nach eigenen Gesetzen lebt und sich außerhalb des geltenden Rechts sieht und das Symbol „1%“ an ihrer Weste, der Kutte, tragen.

Neue Clubs drängen ins Geschäft

In letzter Zeit bieten die „Outlaw Motorcycle Gangs“, wie sich die Außergesetzlichen auch nennen, teilweise ein klägliches Bild. Viele haben nicht einmal ein eigenes Motorrad, sagen Polizisten. Dies macht sie aber kein bisschen ungefährlicher.

Das zeigt eben auch der Fall von Tahir Ö., der den Bandidos nahe stand. Er hatte sich vor einem Club in Mitte mit Türstehern angelegt und einen von ihnen mit einem Messer verletzt. Dieser gehörte zu den Hells Angels, was Tahir Ö. das Leben kostete. Denn Rockern ist Ehre so heilig wie die Kutte, die sie tragen.

Jahrelang tobte ein blutiger Krieg in der Rockerszene um die Vorherrschaft im Bereich der organisierten Kriminalität. Macheten, Beile und Handgranaten wurden eingesetzt. Die Auseinandersetzung scheint nun in Berlin entschieden zu sein: Die Hells Angels haben die Vorherrschaft über die Stadt erobert und machen sich zunehmend auch in Brandenburg breit. Die verfeindeten Bandidos sind auf dem Rückzug.

Neue kleinere Gangs versuchen, ins kriminelle Geschäft zu drängen: Clubs, die sich Guerilla Nation nennen, Bulldogs, Osmanen Germania oder Mongols, in dem arabische Clans mitmischen, Rebels oder Satudara. Ein nationalistisch-türkischer Club namens Turkos, der mit den Insignien eines Rockerclubs auftrat, um Kurden Angst zu machen, löste sich inzwischen wieder auf.

Ihre Geldgier und ihr Kampf um Einfluss geht so weit, dass kriminelle Rockerclubs ihre Prinzipien aufgeben. Eines lautete zum Beispiel: Nicht mit der Polizei reden, keine Aussagen gegenüber dem Staat. Im Prozess gegen Kadir P. sagen gerade Hells Angels aus.

Ein weiteres eisernes Prinzip: Besitz einer Harley Davidson. „Ein Großteil der Rocker hat nicht mal einen Führerschein“, sagt ein Ermittler des Rockerdezernats im Landeskriminalamt. Um sich und seine Familie zu schützen, möchte der Polizist anonym bleiben. „Gerade die von den neuen Clubs müssen sich zu viert in einen Kleinwagen klemmen“, sagt er.

Noch ein Prinzip gaben die Rocker auf: Ein eigenes Clubhaus. „Selbst das bewerkstelligen die meisten Clubs nicht mehr“, so der Ermittler. Die Bandidos gaben im vergangenen Jahr ihr letztes Clubhaus an der Provinzstraße in Gesundbrunnen auf. Sie vagabundieren in der Stadt herum, wie auch der MC Gremium, der sein Clubhaus in Oberschöneweide aufgeben musste und nun ins brandenburgische Mellensee zog. Nur die Hells Angels haben noch zwei Vereinsheime.

Ein weiterer Tabubruch: 2010 lief Kadir P., Chef des Bandidos-Chapter El Centro mit rund 80 Mann – einer nie dagewesenen Größenordnung – zu den verfeindeten Hells Angels über. Obwohl viele der Bandidos nur Prospects oder sogar nur Hangarounds (siehe Lexikon) waren, wurden alle dort sofort als Vollmitglieder aufgenommen. „So etwas war bis dahin unüblich“, sagt der Ermittler. Kadir P. habe sogar nach kurzer Eingliederung in den Hells Angels MC Nomads Turkey nach nicht mal einem Jahr das später vom Innensenator verbotene Charter Berlin City gründen dürfen, ohne dass die anderen Clubs in Deutschland gefragt wurden. „Indem sie ihn geholt haben, öffneten sie die Büchse der Pandora“, sagt der Fahnder. Außerdem war der Türke Kadir P., wie seine anderen Kumpanen, Ausländer. Eiserne Regel war bis dahin, dass die Hells Angels in Deutschland ein rein deutscher Club sind.

Warum verstießen sie gegen ihre Prinzipien? „Man wollte den Mann einfach nicht gegen sich haben“, so der Ermittler. Das alles führte zu internen Spannungen bei den Hells Angels und zur Spaltung in Old School und New School. „Es gibt große Animositäten zwischen den Parteien“, sagt der Ermittler. „Die Alten halten an den Traditionen fest. Den Neuen sind Traditionen egal. Ihnen geht es nur ums Geld.“

Kriminelle Szene geht alle an

Weil Rocker wie die Hells Angels sich als Brüder verstehen, stehen sie auch alle für einander ein. Sie und ihre Familien haben Anspruch auf Unterstützung durch die Clubs. „Die Altrocker haben genug Schwierigkeiten, sich selbst über Wasser zu halten“, sagt der Polizist. Und so kann es passieren, dass die Alten für die Jungen um Kadir P., die gerade wegen Mordes vor Gericht stehen, die Prozesskosten tragen und die Verteidiger bezahlen müssen. Dafür müssen die Clubs Kredite aufnehmen, oft auch bei befreundeten Brüdern im Ausland. Generell muss in einem Fall wie Kadir P. geklärt sein, ob der Mord eine Club-Tat war oder eine Privat-Tat. Das ist noch offen. Nur bei Club-Taten bekämen die Berliner Unterstützung von der gesamten Organisation der Hells Angels in Form von geliehenem Geld.

Umso empfindlicher trifft es die kriminellen Rockerclubs, wenn die Behörden ihnen das illegal erwirtschaftete Geld wegnehmen. Dazu arbeitet das Rockerdezernat mit seinem Gewerbeaußendienst und anderen Behörden wie der Steuerfahndung und dem Zoll zusammen. Und auch mit der Senatsverwaltung für Wirtschaft, die die Aufsichtsbehörde für Glücksspielunternehmen ist. So konnten die Ermittler vor Kurzem einem Rocker 40 Spielautomaten abnehmen, die er illegal betrieben hatte. 80.000 Euro monatliche Einnahmen waren plötzlich weg. Dann kam das Finanzamt und verlangte 12.000 Euro Steuernachzahlung.

Rockerkriminalität geht alle an. Sie verursacht Steuerausfälle, die von der Allgemeinheit getragen werden. Rocker bedrohen Lokal- und Ladenbesitzer und Nachbarn. Rocker sind nicht nur untereinander gewalttätig. Mitunter geraten auch Unbeteiligte zwischen die Fronten. So war es 2010, als bewaffnete Bandidos sich im Gesundbrunnen-Center mit Hells Angels prügelten und Zeugen verletzt wurden.



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